Ein Haus für Männer in Not

Acht Frauenhäuser gibt es in der Schweiz – und ein Männerhaus. Der «Zwüschehalt» bietet Männern und Vätern einen Fluchtpunkt in schwierigen häuslichen Situationen. Das Haus ist seit seiner Eröffnung stets gut belegt.

Susanne Holz
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Die Küche im einzigen Schweizer Männerhaus: Ort für Gespräche, einen Kaffee und viel Zeit, um nachzudenken, wie es weitergehen soll. (Bild: Neue Luzerner Zeitung/Manuela Jans-Koch)

Die Küche im einzigen Schweizer Männerhaus: Ort für Gespräche, einen Kaffee und viel Zeit, um nachzudenken, wie es weitergehen soll. (Bild: Neue Luzerner Zeitung/Manuela Jans-Koch)

In einer kleinen Gemeinde mitten in der Schweiz, in einem unscheinbaren Wohnquartier und zu guter Letzt in einem ganz gewöhnlichen Zweifamilienhaus mit Garten: Dort liegt er, der in seiner Art wohl einzige Fluchtpunkt im Land – für Männer, die häuslicher Gewalt entkommen möchten.

Seit November 2009 gibt es das Männer- und Väterhaus Zwüschehalt im Aargau, gegründet wurde es als Projekt des Vereins für elterliche Verantwortung Schweiz. Mittlerweile trägt der eigene Verein namens Zwüschehalt das Haus, dessen Standort geheim ist, das aber offen zeigt, dass es sie gibt: die häusliche Gewalt, bei der der Mann das Opfer ist.

Braucht es das denn?

Oliver Hunziker ist Präsident des Vereins Zwüschehalt. Der 50jährige Informatiker sagt: «Als wir das Haus vor sechs Jahren bei Fachstellen vorstellten, stiessen wir zunächst auf Widerstand und bekamen die Frage zu hören, ob es das denn brauche. Doch kaum war das Haus eröffnet, stand der erste Mann auf der Suche nach Zuflucht da.» Und es kamen sehr bald noch sehr viel mehr Männer.

«2015 waren wir durchs Band voll», erzählt Hans Bänziger. Der 65jährige Heimleiter des «Zwüschehalts» ist als Coach und Sozialpädagoge rund 35 Stunden pro Woche vor Ort: Er hat ein offenes Ohr für alle, managt das Zusammenleben und moderiert den wöchentlichen Gruppenabend. Offiziell bietet der «Zwüschehalt» fünf Plätze für Männer und fünf für Kinder. Meist seien es mehr Erwachsene als Kinder, so Bänziger. Für 2015 zählt die Statistik des Vereins 21 Männer auf, darunter zwölf Männer in Trennung, drei Väter, begleitet von insgesamt sechs Kindern, zwei Männer, denen Gewalt angedroht wurde, zwei Jugendliche, die Probleme im Elternhaus hatten, sowie zwei Männer mit Kurzaufenthalten, die als präventive Massnahme nach einer Beziehungskrise im Haus waren. Heimleiter Hans Bänziger kommt für 2015 auf insgesamt 1713 Übernachtungen, was einer durchschnittlichen Belegung von 4,7 Personen an 365 Tagen entspricht. Im Schnitt blieben die Männer zwei bis drei Monate, so der Sozialpädagoge: «Wir geben ihnen Zeit. Fällt ein Mensch völlig aus dem sozialen Netz raus, braucht es mehr als nur drei Monate. Aber natürlich bleiben wir immer nur ein Zwischenhalt.»

«Man wird ruhig»

Federico M. wohnt seit August 2015 im Männerhaus. Vergangenen Sommer hat er im Garten zusammen mit den anderen grilliert, jeden Donnerstag nimmt er an den Gruppenabenden teil. Ob das Haus für ihn eine Fluchtburg gewesen sei, will man von Federico wissen. «Ja und nein», antwortet der 49-Jährige, der aufgrund massiver Rückenprobleme nur noch reduziert als Maschinenführer arbeiten kann und sich deshalb sehr schwer damit tut, eine neue Arbeit zu finden. Federico vermisst seine erwachsenen Kinder und auch sein Hab und Gut. Andererseits ist er froh um die «mentale Freiheit», die ihm das Männerhaus bietet: «Man wird ruhiger – kann sich die Probleme durch den Kopf gehen lassen.»

Gut sei, dass seine Frau nicht wisse, wo er sich befinde. «Wir waren uns gegenseitig eine Bedrohung – jeder gab dem anderen die Schuld.» Nach 25 Jahren Ehe habe es viel Krach gegeben, auch, weil er seinen Job verloren habe. Seine Frau habe ihn angezeigt, er sie. Die Polizei habe ihn zur Opferhilfe geschickt, die Opferhilfe habe ihn zum Psychologen geschickt, und der wiederum habe ihn auf den «Zwüschehalt» aufmerksam gemacht. «Man redet nicht darüber, dass einen die Frau schlägt», sagt Federico. Und fügt ernst und nachdenklich an: «Es sollte mehr solche Häuser geben.»

Gewalt gegen Väter in Trennung

Dieser Ansicht sind auch Oliver Hunziker und Hans Bänziger. Man schaue permanent nach Möglichkeiten, weitere Häuser zu eröffnen – es sei eine Frage des Geldes. Das Männerhaus finanziert sich über Spenden. Für jeden Bewohner kostet eine Nacht 35 Franken. Ist man von der Polizei als Opfer deklariert, bezahlt die ersten 21 Tage die Opferhilfe.

Apropos Opfer. Laut Schweizer Polizeistatistik sind 24 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt männlich, wie Oliver Hunziker mitteilt. «Mit vermutlich grosser Dunkelziffer.» Der Informatiker glaubt nicht, dass häusliche Gewalt geschlechtsabhängig ist: «Das Geschlecht spielt keine Rolle.» Es habe schon immer Gewalt gerade gegen Väter in Trennung gegeben. So sei auch die Idee zum Männer- und Väterhaus entstanden: «Früher gab es für Männer in Not nur die Heilsarmee – aber die ist nicht der richtige Ort, um Schutz zu finden, schon gar nicht zusammen mit einem Kind. Da braucht es ein Heim.»

www.zwueschehalt.ch; Tel. 079 558 85 79.