«Ein gigantisches Ablenkungsmanöver»

Die Sprüche deutscher Politiker seien «eine Steilvorlage» für rechte Kräfte, sagt Historiker Jakob Tanner. «Man enerviert sich jetzt über die bösen Deutschen statt über das Geschäft von Schweizer Banken mit dem Steuerbetrug.»

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Herr Tanner, was halten Sie von Thomas Müllers Nazi-Vergleich?

Jakob Tanner: Solche Argumente hörte man bisher von der SVP. Dass ein CVP-Politiker nun in dieselbe Kerbe haut, ist erstaunlich. Wer zwischen der Bedrohungslage nach 1933 und dem aktuellen Steuerkonflikt nicht unterscheiden kann, hat sich wohl nie intensiv mit dem Staatsterrorismus und der Vernichtungspolitik der Nazis auseinandergesetzt. Politiker, die sich in solche unhaltbaren Vergleiche flüchten, haben wohl einfach keine Argumente.

Haben Sie sich denn nicht auch über die Äusserungen Steinbrücks oder Münteferings geärgert?

Tanner: Wenn Müntefering sagt, früher hätte man in solchen Fällen Truppen geschickt, dann löst das in der Schweiz verständlicherweise Abwehrreflexe aus. Und die Aussage Steinbrücks über die Kavallerie und die Indianer ist völlig unabhängig vom Schweiz-Bezug Ausdruck kolonialistischen Denkens. Ich finde das für einen Spitzenpolitiker peinlich. Mich ärgert vor allem, dass solche Sprüche ideologische Steilvorlagen für die rechtsnationalen Kräfte in der Schweiz darstellen.

Warum sind diese Abwehrreflexe gegenüber Deutschland so heftig?

Tanner: Das hat mit der Geschichte zu tun. Auf die Bedrohung durch Nazideutschland hat die Schweiz im Zweiten Weltkrieg mit einem Unabhängigkeits-Mythos reagiert. Der «kleine Neutrale» gefällt sich gerne in der Rolle des Davids, der gegen Goliath heldenhaft und tapfer ankämpft. Dabei wird ausgeblendet, dass die schweizerische Wirtschaft während der Kriegsjahre mit den Nazis eng verflochten war und von ihnen profitiert hat.

Das ist doch eine etwas einfache Erklärung, dass wir uns in der Réduit-Rolle gefallen. Es ist für jeden Kleinstaat bedrohlich, wenn ein grosser Nachbar aggressive Töne anschlägt.

Tanner: Einverstanden. Viele Schweizerinnen und Schweizer sind ja auch längst geistig aus dem Reduit ausgewandert. Die Verbalattacken aus dem Norden sind gerade deshalb höchst ungeschickt, weil sie hierzulande jenen Politikern in die Hände spielen, die aus dem Problem, das die Schweiz mit Kapitalflucht und Steuerhinterziehung hat, einen Konflikt mit Deutschland zu machen versuchen.

Gibt es diesen Konflikt denn nicht?

Tanner: Das rechte Bürgertum war in der Schweiz immer deutschfreundlich. Im Ersten Weltkrieg geriet die Schweiz in eine innere Zerreissprobe, weil die Deutschschweizer Eliten sich grösstenteils vorbehaltlos auf die Seite des Kaiserreichs geschlagen hatten. Auch später haben Vertreter der Katholisch-Konservativen wie Bundesrat Jean-Marie Musy mit der deutschfreundlichen Frontenbewegung sympathisiert.

Der Ruf nach Retorsionsmassnahmen erklingt. Warum diese scharfen Töne?

Tanner: Das ist ein gigantisches Ablenkungsmanöver. Die Schweiz hat kein bilaterales Problem mit Deutschland. Die Frage des Bankgeheimnisses betrifft ein globales Problem. Für die Lösung benötigen wir globale Standards, wie sie die OECD vorschlägt. Und selbstverständlich kann die EU keine Steuerfluchtburgen tolerieren. Das müsste auch in der Schweiz einleuchten. Viele Politiker ziehen es allerdings vor, nationalistische Scheuklappen aufzusetzen, um die effektiven Probleme nicht sehen zu müssen.

Sie meinen die Steuerflucht.

Tanner: Ja, man enerviert sich jetzt über die bösen Deutschen statt über das Geschäft von Schweizer Banken mit dem Steuerbetrug. Es waren übrigens die Amerikaner, die bereits in den 1960er-Jahren Druck auf den schweizerischen Finanzplatz aufbauten und dabei einiges erreicht haben, so 1973 ein Rechtshilfeabkommen in Steuerfragen und in den 1980er-Jahren eine Reihe von Gesetzen gegen kriminelle Gelder. Damit verbunden war immer auch eine Einschränkung des Bankgeheimnisses, obwohl man das nicht zugegeben hat.

Der Bundesrat hat am 13. März das Bankgeheimnis weiter gelockert. Zufrieden?

Tanner: Ja, sehr. Die Schweiz ist eingeknickt, aber in die richtige Richtung. Der Schritt war überfällig. Man hätte ihn schon viel früher und mit aufrechtem Gang machen sollen.

Der 13. März – ein historischer Tag?

Tanner: Die Krise, in der wir uns befinden, stellt einen historischen Umschlagpunkt dar. An die Tatsache, dass das Bankgeheimnis ganz plötzlich «verhandelbar» geworden ist, wird man sich sicher erinnern.

Reichen die Konzessionen aus, die der Bundesrat gemacht hat?

Tanner: Vorübergehend bringt das eine Entlastung. Aber die Situation ist noch nicht bereinigt. Die Schweiz spielt jetzt auf Zeit. Ob diese historisch eingeübte Schlaumeier-Taktik aufgeht, hängt entscheidend von der Regierung Obama ab.

Sie sagen Schlaumeier, man könnte auch sagen: clever.

Tanner: Wenn Sie die Rolle eines Kleinstaats darin sehen, immer wieder einen Bedrohungskomplex zu kultivieren und sich dauernd gegen Feinde zu verteidigen, so mag das als clever erscheinen. Für ein Land wie die Schweiz, das weltwirtschaftlich durchaus ins Gewicht fällt und das deshalb auch politisch eine aktive Rolle nach aussen spielen sollte, ist das eher eine klägliche Strategie. Hoffentlich haben wir nun gelernt, dass ein professionelles Vermögensverwaltungs-Zentrum gar nicht auf obskure Sonderfall-Privilegien wie das Bankgeheimnis bei Steuerhinterziehung angewiesen ist.

Interview: Stefan Schmid