Ein gemeinsames Bekenntnis zur Schiene: Bundesrätin Sommaruga trifft Delegationen der Nachbarstaaten am Ceneri-Basistunnel

Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga hat in Locarno Delegationen der Nachbarländer zum Austausch über Verkehrsfragen getroffen. Der deutsche Staatssekretär Michael Güntner erklärte die Verzögerungen beim Neat-Zulauf in seinem Land.

Gerhard Lob
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Am Tag vor der Eröffnung des Ceneri-Basistunnels hat sich Bundespräsidentin und Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga am Donnerstag mit Delegationen aus Deutschland, Österreich, Italien und der EU in Locarno getroffen. Im Zentrum der Gespräche, die im Hotel Belvedere stattfanden, stand die Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene sowie die Förderung des internationalen Personenverkehrs.

Gemäss Mitteilung des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) sprachen sich die Teilnehmend dafür aus, den Güterverkehr auf der Schiene weiter zu fördern und die Bahn für den internationalen Personenverkehr attraktiver zu machen. «Dazu gehören mehr Nachtzüge als Alternative zum Flugverkehr», heisst es wörtlich.

Mit Italien wurde beim Treffen ein Abkommen zum Ausbau der Simplon-Bahnlinie unterschrieben. Italien verpflichtet sich, diese Linie bis 2028 so auszubauen, dass Sattelauflieger mit 4 Metern Eckhöhe auf der Bahn durchgehend bis zu den grossen Umladeterminals in Norditalien, insbesondere Novara, transportiert werden können. Bisher ist dies nur eingeschränkt möglich. Die Schweiz steuert 148 Millionen Franken zum Ausbau bei. Solche Finanzspritzen der Schweiz an ausländische Bahninfrastrukturprojekte haben Tradition, weil sie im Schweizer Interesse sind. Auch der Ausbau der Luino-Linie als 4-Meter-Korridor zu den Terminals in Gallarate (Italien) wurde weitgehend von der Schweiz finanziert.

Dieter Schwank (r.), CEO Alptransit Gotthard AG, erklärt den Ceneri-Basistunnel den Delegationsleitern (von l. nach r.): Michael Güntner (Deutschland); Paola De Micheli (Italien); Simonetta Sommaruga; Leonore Gewessler (Österreich); Pawel Wojciechowski, EU-Koordinator für den Rhein-Alpen-Korrido.

Dieter Schwank (r.), CEO Alptransit Gotthard AG, erklärt den Ceneri-Basistunnel den Delegationsleitern (von l. nach r.): Michael Güntner (Deutschland); Paola De Micheli (Italien); Simonetta Sommaruga; Leonore Gewessler (Österreich); Pawel Wojciechowski, EU-Koordinator für den Rhein-Alpen-Korrido.

Gerhard Lob

An den Gesprächen nahmen für Österreich Leonore Gewessler, Bundesministerin für Verkehr, Innovation und Technologie, teil. Sie war aus Österreich per Bahn nach Locarno im Tageszug angereist und kehrte mit einem Nachtzug zurück. Für Italien war Paola De Micheli, Ministerin für Infrastruktur und Verkehr, präsent, für Deutschland Michael Güntner, Staatssekretär im Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur. Als EU-Vertreter kam Pawel Wojciechowski. Er koordiniert in der Europäischen Union den Rhein-Alpen-Korridor.

Am Nachmittag nahmen die Delegationen einen Augenschein beim Nordportal des Ceneri-Basistunnels in Camorino, der am Freitag offiziell eingeweiht wird. In allen Ansprachen gab es ein Bekenntnis zum Schienengüterverkehr. Der Vertreter der Bundesrepublik Deutschland erklärte, warum es auf den Zulaufstrecken zur Neat in Deutschland zu langen Verzögerungen kommt: «In Deutschland gibt es berechtigte Anliegen der Bürgerinnen und Bürger in Bezug auf die Lärmschutz- und Umweltbelastungen; deshalb können wir die Schienenverbindungen nur bauen, wenn wir die Bürger auch mitnehmen; das kostet etwas mehr Geld und Zeit, ist aber in sich richtig.» Zu einem konkreten Datum der Fertigstellung der Verdoppelung der Rheintalstrecke wollte er sich aber nicht festlegen.

Die italienische Verkehrsministerin Paola de Micheli erklärte in ihrer kurzen Rede vor dem Ceneri-Nordportal, dass die Eröffnung dieses Tunnels wichtig für ihr Land sei, das über einen «sehr ambitionierten Investitionsplan» im Bereich der Bahn verfüge. Schnelle Zugverbindungen in Europa seien wichtig. Die österreichische Ministerin Leonore Gewessler sieht eine «Renaissance des Schienenverkehrs», gerade im Zusammenhang mit der Coronavirus-Krise. Ihr Land sei bereit, diese zu unterstützen. Sie erwähnte Investitionen in Höhe von 500 Millionen Euro ihrer Regierung zur Unterstützung von Nachtzügen. Dies sei für nachhaltiges Reisen unerlässlich. «Ich glaube nicht, dass die Fliegerei im Ausmass der Vor-Coronazeit zurückkehren wird», ergänzte sie im Gespräch mit CH Media.