Ein dunkles Kapitel schweizerischer Sozialgeschichte

Verdingkinder Es ist der Gedenkanlass vom 11. April 2013, der als Auftakt gesehen werden kann für die Aufarbeitung eines der dunkelsten Kapitel Schweizer Sozialgeschichte.

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Verdingkinder Es ist der Gedenkanlass vom 11. April 2013, der als Auftakt gesehen werden kann für die Aufarbeitung eines der dunkelsten Kapitel Schweizer Sozialgeschichte. Damals entschuldigte sich Justizministerin Simonetta Sommaruga im Namen der Landesregierung bei ehemaligen Verdingkindern und all jenen Menschen, die bis 1981 Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen wurden.

Von solchen Zwangsmassnahmen waren Kinder aus unterschiedlichen Gründen betroffen: Die Verdingkinder, meist Waisen oder Scheidungskinder, waren als billige Kinderarbeiter bei Bauern untergebracht. Nicht selten schlecht ernährt und hart bestraft, mochten sie durch die geforderte harte Arbeit auch schulisch nicht folgen und blieben ohne Ausbildung, was wiederum auf ihr Leben als Erwachsene negativen Einfluss hatte. Ähnlich erging es vielen Heimkindern.

Opfer sind aber auch administrativ Versorgte, Zwangsadoptierte, Zwangssterilisierte und -kastrierte sowie Schwangere, die wegen «liederlichen Lebenswandels» der Zwangsabtreibung zugeführt wurden. Neben Kindern von Fahrenden sind zudem die Opfer von Medikamentenversuchen zu erwähnen.

Verdingkinder wurden seit 1800 und bis in die frühen Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts an Interessierte vergeben. Bis zu Beginn des letzten Jahrhunderts geschah dies oftmals auf sogenannten Verdingmärkten, wo öffentliche Versteigerungen dieser Kinder stattfanden. Den Zuschlag bekam jeweils, wer von den Behörden am wenigsten Kostgeld fürs Kind verlangte. Vor dem Angebot prüften die Interessenten üblicherweise Muskeln und Gebiss der Kinder, wie es auch auf Sklavenmärkten üblich war.

Verdingkinder sind vor allem auf Bauernhöfen als günstige Arbeitskraft ausgenutzt und nicht selten misshandelt und missbraucht worden. Schon Jeremias Gotthelf prangerte die Bauern wegen des schlechten Lebens dieser Verdingkinder an.

Für all diese Betroffenen, die – sofern noch am Leben – heute vielfach in bescheidensten Verhältnissen leben, schuf Justizministerin Sommaruga unmittelbar nach dem Gedenkanlass einen runden Tisch mit dem Auftrag, eine umfassende Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen vorzubereiten und in die Wege zu leiten. Dieser runde Tisch, der bis heute besteht, rief sodann den Soforthilfefonds für ältere Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen ins Leben, gedacht für jene, die mit grossen wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten. Geäufnet wurde dieser Fonds über freiwillige Zahlungen und Spenden. 1300 Gesuche wurden eingereicht, durchschnittlich nicht ganz 8000 Franken pro Person ausbezahlt.

Die Ende 2014 eingereichte Wiedergutmachungs-Initiative schliesslich machte dann den Weg frei für die gesetzliche Regelung der Wiedergutmachung – Solidaritätsbeitrag an Betroffene und historische Aufarbeitung inklusive. (cla.)