Ein Coronagraben spaltet das Land - ausser im Gartencenter

Mehr Fälle, mehr Kritik, mehr Angst: In der Covid-19-Krise ticken viele Romands anders als Deutschschweizer. Ein Erklärungsversuch zum ersten Tag der Lockerungsmassnahmen.

Benjamin Weinmann
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Bau- und Gartencenter dürfen seit Montag wieder Kunden empfangen: Die Genferin Emilia Henriques aus Thônex kauft für sich und eine 80-jährige Bekannte ein.

Bau- und Gartencenter dürfen seit Montag wieder Kunden empfangen: Die Genferin Emilia Henriques aus Thônex kauft für sich und eine 80-jährige Bekannte ein.

Benjamin Weinmann

Kommen sie, oder kommen sie nicht? Die Frage ist bei einem Augenschein vor Ort schnell beantwortet: Sie kommen! Vor der Migros «Do it + Garten»-Filiale in der Genfer Gemeinde Carouge stehen am Montagvormittag bis zu 150 Menschen Schlange. Tröpfchenweise werden die Kunden in die Filiale gelassen, doch am Ende der Schlange reihen sich immer wieder neue Kunden ein. Es ist der erste Tage seit Mitte März, an dem nebst den klassischen Lebensmittelhändlern weitere Geschäfte öffnen dürfen.

Auch der Parkplatz vor dem Migros-Geschäft ist voll. Auf vielen Autos liegt eine gelbe Pollen-Schicht. Das Frühlingswetter lockt viele Genfer ins Gartencenter. «Endlich!», sagt der Mitte vierzigjährige Herr Thaqi vor dem Eingang. Eine Gesichtsmaske trägt er keine. «Die Läden hätten schon viel früher aufmachen sollen, der Shutdown schädigt die Wirtschaft enorm.» Er wolle in seinem Garten endlich Tomaten und Zucchini pflanzen. ((Pascal Wouant wartet mit seiner Frau und dem Sohn auf den Einlass. «Eines unserer Möbel ist vor einem Monat kaputt gegangen und ich habe die nötigen Schrauben und Nägel nicht zu Hause.» Seine Frau wolle zudem Blumen für den Balkon kaufen.

Auch ein Verkäufer freut sich über den Andrang: «Wir haben damit gerechnet und haben genügend an Lager.» Am meisten seien Pflanzen und Blumen gefragt. «Wir erzielen heute sicher mehr Umsatz als an einem guten Samstag, die Leute decken sich mit vielen Sachen ein.» So auch Emilia Henriques aus Thônex. Ihr Einkaufswagen ist vollgepackt. Auf der unteren Wagenfläche stapeln sich Erdsäcke, das obere ist voll mit Geranien. Die Hauswartin Mitte 50 hat auch noch für eine 80-jährige Freundin eingekauft.

Das Bild der vielen Kunden vor und im Carouger Migros-Gartencenter widerspricht dem Tenor aus der Romandie. «Trop vite», zu schnell verläuft demnach die Öffnung der Wirtschaft aus Sicht der Westschweizer, wie Umfragen zeigen. Dass so manche Deutschschweizer Politiker beim Ende des «confinement» den Turbo schalten, passt vielen nicht. Die Zeitung «Le Temps» titelt am Montag, die Öffnung strapaziere den Coronagraben.

Vergangene Woche kam eine Umfrage von «20 minutes» zum Schluss, dass jedem dritten Romand die Massnahmen der Regierung im Kampf gegen Covid-19 zu wenig weit gehen. In der Deutschschweiz zeigt sich nur jeder fünfte Befragte unzufrieden. Knapp 60 Prozent der Welschen fürchten sich davor, angesteckt zu werden. In der Deutschschweiz sind es nur 40 Prozent. Und bezüglich einer raschen Öffnung der Schulen und der Gastronomie ist die Kritik in der Westschweiz deutlich lauter.

Die Divergenz kommt nicht von ungefähr. Denn die Romandie ist zum Schweizer Hotspot der Pandemie geworden (siehe Grafik). Entsprechend gross ist die Betroffenheit. Am meisten Corona-Patienten weisen die Kantone Waadt (5300 Fälle) und Genf (5000) auf. Deutlich dahinter rangieren Zürich (3300) und Tessin (3100). Auch bei den Todesfällen liegen die Waadt (267) und Genf (222) vorne. Die erste Schweizer Patienten, die wegen des Coronavirus verstarb, wurde Anfang März vom Universitätsspital in Lausanne vermeldet.

Der renommierte Genfer Epidemiologe Didier Pittet erklärte diese Entwicklung zuletzt in dieser Zeitung mit der Nähe zu Frankreich, wo sich das Virus früher ausgebreitet hatte. Sowohl in Genf als auch in der Waadt sind Zehntausende Grenzgänger tätig. «Viele davon arbeiten bei uns in den Spitälern.» Tatsächlich ist der Grenzverkehr zwischen Frankreich und der Genfersee-Region enorm. Die Rede ist denn auch vom Ballungsraum «Gross Genf» vom Westen der Waadt, über Genf bis in die französischen Departemente Haute-Savoie und Ain, mit einer Million Einwohnern.

Vor dem Migros-Gartencenter in Carouge standen am Montagvormittag rund 150 Kunden Schlange.

Vor dem Migros-Gartencenter in Carouge standen am Montagvormittag rund 150 Kunden Schlange.

Benjamin Weinmann

Auch der Tourismus dürfte eine Rolle spielen. Während Aargauer oder Zürcher ins Engadin oder nach Tirol in die Skiferien reisen, zieht es die Welschen oft mehrheitlich ins Wallis, aber auch in französische Skigebiete wie Chamonix oder Les Houches. Hinzu kommt laut Pittet die Nähe zum südlichen Nachbar: «Viele Italiener kommen nach Genf, und viele Genfer fahren nach Mailand oder sonst wo in die Lombardei, und manche brachten so das Virus hier her.» Nicht zu vergessen: Genf ist trotz der kleinen Kantonsfläche die zweitgrösste Stadt der Schweiz. Die Leute leben eng aufeinander. Bei der Anzahl Fälle pro 100‘000 Einwohnern liegt Genf denn auch an der Spitze der Statistik.

Die enge Verbindung zu Frankreich und Italien ist auch historisch bedingt, wie das Beispiel Carouge zeigt. Die Genfer Gemeinde, wo die Gartencenter-Kunden am Montag Schlange stehen, wurde Ende des 18. Jahrhunderts vom König von Sardinien gegründet. Erst 1816 wurde das heutige Künstlergemeinde Teil der Eidgenossenschaft, nachdem sie zuvor für einige Jahre in französische Hände übergegangen war.

Der Publizist und Romandie-Kenner Peter Rothenbühler, einst Chefredaktor der «Schweizer Illustrierten», des «Sonntagsblicks» und von «Le Matin», sieht weitere mögliche Gründe für den Coronagraben bei den unterschiedlichen Kulturen. Westschweizer seien viel taktiler als Deutschschweizer: «Man gibt sich häufiger drei Küsschen zur Begrüssung, man streichelt einem Baby viel eher über den Kopf, obwohl man es nicht kennt, und im Supermarkt wird beim Gemüseregal wie wild herumgewühlt, jeder Salatkopf wird mit den Händen angefasst und begutachtet.» Es sei ein anderer Lebensstil, der weniger auf Distanz beruhe.

Bezüglich der grösseren Angst der Romands, angesteckt zu werden, glaubt Rothenbühler nicht nur an die medizinische Betroffenheit: «Die Welschen sind meiner Meinung nach wehleidiger.» Andererseits seien sie näher am Leben und würden ein Recht auf ein lustvolles Leben beanspruchen. «Diese Gefühlswelten machen sich nun in der Krise bemerkbar.»

Gartencenter-Kundin Emilia Henriques, inzwischen an der Kasse angelangt, sagt, sie habe Geduld, was die weitere Öffnung anbelangt. «Es kommt, wie es kommt.» Nun wolle sie aber nach Hause, um an der Sonne ihre neuen Blumen zu pflanzen.

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Benjamin Weinmann, Genf