Duell im Kleiderschrank

Am 13. Februar wird entschieden, ob die Schweizer Soldaten ihre Waffe weiterhin zu Hause aufbewahren dürfen. Sicherheitspolitisch ist die Frage marginal. Dafür prallen Vergangenheit und Gegenwart aufeinander.

Christian Kamm
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Die Waffe daheim im Schrank: Das Recht, eine Waffe zu besitzen, wurde zu einem demokratischen Anliegen. (Bild: ky/Martin Rütschi)

Die Waffe daheim im Schrank: Das Recht, eine Waffe zu besitzen, wurde zu einem demokratischen Anliegen. (Bild: ky/Martin Rütschi)

Das Soldatenbüchlein, das zwischen 1958 und 1974 an die Schweizer Wehrmänner verteilt wurde, spricht Klartext: «Ehrbar ist, wer wehrbar ist.» Weil die Soldaten ständig verteidigungsbereit zu sein hatten, war damals auch die Aufbewahrung der Waffe mitsamt Munition im heimischen Schrank eine Selbstverständlichkeit. Im Kalten Krieg war der Feind schliesslich nicht weit. «Mit allen Mitteln versuchst du, deine Einheit zu erreichen (…) Ihr kämpft euch mit eurer Taschenmunition durch», lautete die entsprechende militärische Handlungsanleitung im Soldatenbuch.

Vertrauen in den Bürger

Das Soldatenbüchlein aus den Fünfzigerjahren ist nicht mehr in Kraft. Und der Kalte Krieg hat sich auch in die Geschichtsbücher verzogen. So wird im Vorfeld der Abstimmung denn auch nicht primär um die militärische Bedeutung der Waffe im Kleiderschrank gerungen. Nicht einmal die Gegner der Waffen-Initiative, allen voran Verteidigungsminister Ueli Maurer, setzen auf militärische Argumente. «Die persönliche Waffe zeigt das Vertrauen des Staates in den Bürger, der in der Milizarmee auch Soldat ist», sagte Maurer vielmehr unlängst dem «Tages-Anzeiger». Alles andere wäre gemäss Bundesrat staatspolitisch höchst bedenklich. Die grosse Mehrheit der Soldaten sei ausserdem stolz auf die Waffe und habe sie gerne zu Hause.

Rückzug in die Symbolik

Vertrauen, Patriotismus und Stolz – diese Terminologie verweist auf jenes Terrain, wo in diesen Wochen die eigentliche Schlacht geschlagen wird. Im Zentrum stehen die Milizarmee und der Bürger in Uniform, ihr Selbstverständnis und ihre Symbolik, nicht das Kriegshandwerk als solches.

Die Symbolik ist vor allem historisch begründet. Der bewaffnete Bürger galt im Ancien Régime als Vorkämpfer der Demokratie. Gleichzeitig sorgte der Zugang zu Waffen für gesellschaftlichen Status. Das Recht des Waffentragens auf alle auszudehnen, wurde zu einem demokratischen Anliegen. «Da eine wohlorganisierte Miliz für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden», lautet der zweite Zusatzartikel von 1791 zur Verfassung der Vereinigten Staaten. Noch heute beruft sich die US-Waffenlobby auf ihn.

Zeichen des souveränen Bürgers

Auch in der Schweiz wurde dieser Vorstellung nach der Schaffung des modernen Bundesstaats 1848 nachgelebt. Die breite Streuung von Schusswaffen war gewollt. Und die Selbstbewaffnung galt als Fundament der Verteidigung und als Zeichen des souveränen Bürgers. In der Schweizer Milizarmee sah man die militärische Entsprechung zur direkten Demokratie.

Diesem Mythos des wehrhaften und allzeit bereiten Schweizers dürfte mit nüchternen und an der Gegenwart orientierten Argumenten schwer beizukommen sein. Nur wenn es gelingt, die Armee zu entmythologisieren, sie in einer neuen Realität ohne direkte Bedrohung zu verankern, werden sich auch die Armeewaffen aus den Kleiderschränken schaffen lassen. Letztlich ist die gegenwärtige Diskussion um den richtigen Aufbewahrungsort für die persönliche Waffe also gar keine militärische, sondern eine um die Pflege von Tradition. Gegen die Waffen-Initiative verteidigt wird kein militärisches Gut, sondern schlicht Brauchtum. Ein Mechanismus, den Max Frisch bereits vor 20 Jahren benannte. In seinem «Palaver» über die «Schweiz ohne Armee» von 1990 fragt der Enkel den Grossvater, was denn die Schweiz eigentlich zusammenhalte. Und der Grossvater antwortet: «Eben die Armee: als Brauchtum.»

«Von Freunden umzingelt»

Die geschichtsphilosophische Analyse dazu liefert Georg Kohler, Professor für politische Philosophie an der Uni Zürich. Er räumte im Gespräch mit dem «Beobachter» kürzlich ein, dass die Beschränkung des Waffenbesitzes durch den Staat zwar einen «Verlust des Schweizerseins und von helvetischen Traditionen» bedeuten würde. «Ich verstehe sehr gut, dass sich die Traditionswächter, die Schützenvereine und die Auns-Schweiz wehren, aber sie verkennen die Zeit, in der wir nun einmal zu leben haben.» Diese sei nicht mehr von einem Zustand geprägt, in dem jeder jeden bedrohe. Sondern: «Wir sind von Freunden umzingelt.» Das sei vor allem für die Schweiz ein Problem, weil sie ihre Identität immer stark von der bewaffneten Neutralität her definiert habe. «Das war durchaus eine grossartige Idee, aber sie ist historisch erledigt», folgert Kohler. Weil das Selbstbild des Kleinstaats inmitten gefährlicher Grossstaaten falsch geworden sei, «ist auch die Konzeption des schweizerischen Bürgersoldaten vorbei».

Der Abstimmungskampf um die Waffen-Initiative jedoch zeigt: In vielen Köpfen ist die Zeit der Konfrontation der Blöcke – dazwischen die zwar kleine, aber wehrhafte Schweiz – nach wie vor präsent. Hier heisst die Devise weiterhin: «Die Schweiz hat keine Armee, sie ist eine Armee.» Bis zum letzten Kleiderschrank.

Bild: christian Kamm

Bild: christian Kamm