Dschihadisten sind gegen das System – in der Schweiz leben sie aber vom Staat

Wissenschafter haben das typische Profil von Islamisten erstellt. Ein Resultat überrascht die Forscher.

Andreas Maurer
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Die Radikalisierung ist kein Jugendproblem. Nur sechs Prozent der untersuchten Extremisten sind minderjährig. (im Bild: Zwei der verurteilten Jugendlichen am An'Nur-Prozess in Winterthur im Oktober 2018/Keystone)

Die Radikalisierung ist kein Jugendproblem. Nur sechs Prozent der untersuchten Extremisten sind minderjährig. (im Bild: Zwei der verurteilten Jugendlichen am An'Nur-Prozess in Winterthur im Oktober 2018/Keystone)

Ein Mann filmt mit seinem Handy eine Fahrt auf einer Schweizer Autobahn. Das Video veröffentlicht er auf seinem Facebook-Profil mit dem Titel «Daulet Islamia», Islamischer Staat. Dazu stellt er das Logo der Terrormiliz IS, umrahmt von der Silhouette zweier Kämpfer mit Maschinengewehren. Das ist einer von einem Dutzend Propaganda-Beiträgen, die der Mann zwischen 2014 und 2016 auf Facebook verbreitet hat.

Dann schlägt die Bundeskriminalpolizei zu und überrascht ihn mit einer Hausdurchsuchung. Doch das schreckt ihn nicht ab. In einem weiteren Facebook-Beitrag fordert er die Leser auf, für die Kämpfer des IS zu beten. Über die Gegner der Terroristen schreibt er: «Möge Allah die Armee des Teufels, die Kreuzzug-Koalition, zerstören.»

Die Bundesanwaltschaft hat den Fall nun mit einem Strafbefehl vom 2. Mai abgeschlossen, der dieser Zeitung vorliegt. Obwohl der IS in Syrien und im Irak militärisch besiegt ist, verzeichnen die Strafverfolgungsbehörden keinen Rückgang derartiger Verfahren. Die Ideologie ist nicht besiegt.

40 Prozent Fürsorgebezüger

Um dagegen vorgehen zu können, müsste man mehr über die Biografien der Islamisten wissen. Der Nachrichtendienst des Bundes hat der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften deshalb einen anonymisierten Datensatz von 130 Schweizer Dschihadisten überlassen. Jeder Zweite ist tatsächlich in ein Kriegsgebiet gereist. Die anderen scheiterten beim Versuch oder betätigten sich hierzulande als Propagandisten. Nun liegen die Resultate dieser Studie vor.

Die positive Nachricht vorweg: Die Radikalisierung ist kein Jugendproblem. Nur sechs Prozent der untersuchten Extremisten sind minderjährig. Zwei Drittel waren zum Zeitpunkt ihrer Radikalisierung zwischen 21 und 35 Jahre alt. Das typische Profil: jung, männlich, Migrationshintergrund in Ex-Jugoslawien, niedriges Bildungsniveau.

Überrascht zeigt sich Studienleiterin Miryam Eser Davolio vom hohen Anteil an Fürsorgebezügern:

40 Prozent der Extremisten leben von Sozialhilfe, Arbeitslosengeld, IV oder Flüchtlingshilfe. Sie sind also abhängig vom Staat, den sie bekämpfen.

Die Fürsorgeabhängigkeit kann eine Ursache für die Radikalisierung sein, aber auch deren Folge. Jeder dritte Dschihadist war schon arbeitslos gewesen, bevor er sich radikalisierte. Zwei von drei Dschihadisten waren arbeitslos, nachdem sie sich radikalisiert hatten.

Italien schneidet besser ab

Ein internationaler Vergleich zeigt, dass die Schweiz etwas weniger Dschihad-Reisende hat als Deutschland. Pro eine Million Einwohner sind 13 Personen aus Deutschland in ein Kriegsgebiet gezogen. In der Schweiz sind es 9. Deutlich höhere Werte haben Belgien (36), Österreich (34) und Frankreich (29). Besser schneidet Italien ab mit nur zwei Dschihad-Reisenden auf eine Million Einwohner.

Bei der Mehrheit der untersuchten Extremisten war Online-Propaganda eine Ursache für die Radikalisierung, aber nicht die einzige. Die meisten standen zudem mit salafistischen Predigern in Kontakt. Und sie wurden von gleichaltrigen Personen aus ihrem persönlichen Umfeld beeinflusst.

Der wegen seiner Facebook-Posts verurteilte Mann bleibt vorerst in Freiheit. Ins Gefängnis muss er nur, falls er innert dreier Jahre rückfällig wird. Sein Tatwerkzeug, ein iPhone 6 plus, wird vernichtet.