Droht nun auch in der Schweiz eine Ausgangssperre? BAG-Experte Daniel Koch: «Dieser letzte Ausweg ist sicher nicht das Ziel»

Mit Italien, Frankreich und Österreich haben bereits mehrere Nachbarländer eine Ausgangssperre verhängt. Als erster Kanton der Schweiz folgte am Donnerstag Uri: Über 65-Jährige müssen zuhause bleiben.

Maja Briner
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Menschen geniessen das frühlingshafte Wetter am Zürichsee.

Menschen geniessen das frühlingshafte Wetter am Zürichsee.

Keystone

Geschlossene Restaurants und Schulen, ein Veranstaltungsverbot: Die derzeit gültigen Massnahmen wegen des Corona-Virus sind einschneidend. Doch bereits dreht sich die Spirale weiter, und weitere Verschärfungen folgen - wenn auch momentan noch auf regionaler Ebene. Drei Beispiele:

  • Der Kanton Uri verhängt für über 65-Jährige eine Ausgangssperre.
  • Der Kanton Zürich toleriert keine Gruppen von mehr als 15 Personen mehr.
  • Die Kantone Genf und Waadt verbieten die Arbeit auf Baustellen.

Damit wiederholt sich ein Muster, das sich wegen der Corona-Krise bereits mehrmals gezeigt hat: Der Bundesrat beschliesst Massnahmen, einzelne Kantone und Gemeinden gehen einen Schritt weiter - und schliesslich verschärft der Bundesrat die Massnahmen.

Droht also nun eine weitere Verschärfung - gar eine Ausgangssperre, wie etwa in Italien oder Frankreich? Doch im Bundesrat ist diese aktuell kein Thema, wie bundesratsnahe Quellen am Donnerstag sagten.

«Letzter Ausweg»

Gesprochen wird darüber aber schon, wie der oberste Kantonsarzt der Schweiz bestätigt: «Selbstverständlich wird das Thema Ausgangssperre zwischen Kantonsärzteschaft und Bundesamt für Gesundheit diskutiert», schreibt Rudolf Hauri.

Auf die Bremse tritt Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit. Er bezeichnet die Ausgangssperre am Donnerstag als «letzten Ausweg», den die Schweiz sicher nicht anstrebe. Man werde die Massnahmen anpassen, wenn es nötig sei. Er betont allerdings: «Es sind nicht die Massnahmen, die den Unterschied machen, sondern, ob die Leute sie befolgen.»

Auch die Kantone haben Vorbehalte gegenüber einer Ausgangssperre. «Das Präsidium der Gesundheitsdirektorenkonferenz ist der Ansicht, dass die geltenden Massnahmen nun strikt um- und durchgesetzt werden und erst einmal ihre Wirkung entfalten können müssen», erklärt Sprecher Tobias Bär. «Ob eine Ausgangssperre in unserer Gesellschaft in der präventiven Wirkung einen grossen Zusatznutzen zu generieren vermag, ist für uns offen.» Klar sei aber, dass sich die Ausgangslage rasch ändern könne.

Epidemiologe sieht nur zwei Optionen: Mehr testen - oder Ausgangssperre

Der Druck wächst jedoch, je länger die Infektionszahlen weiter steigen. Epidemiologe Marcel Salathé warnte bereits Anfang Woche: Alle Länder, welche die Infektionskurve in den Griff bekommen haben, hätten entweder einen totalen Lockdown mit Ausgangssperre verhängt oder rigoros getestet. Er gehe deshalb davon aus, dass die Massnahmen weiter verschärft werden – «ausser, es gibt jetzt in der Schweiz baldmöglichst eine breite Teststrategie», sagte Salathé gegenüber SRF.

Der «Blick» berichtete am Donnerstag, die Kantone Waadt und Genf drängten auf eine Ausgangssperre. Tatsächlich forderte die Waadtländer Regierungspräsidentin Nuria Gorrite am Mittwoch den Bundesrat auf, schärfere Massnahmen zu ergreifen. Es seien nach wie vor zu viele Leute unterwegs, sagte sie gegenüber RTS. Eine Ausgangssperre für alle verlange sie aber nicht.

Bereits haben mehrere Nachbarländer der Schweiz zu diesem Mittel gegriffen: Italien, Frankreich und Österreich. Das Haus oder die Wohnung verlassen darf man nur, um zur Arbeit zu gehen, Lebensmittel oder Medikamente zu kaufen oder jemandem zu helfen. Auch beispielsweise Joggen ist erlaubt. In Österreich sind zudem Gruppen mit mehr als fünf Personen draussen nicht mehr erlaubt.

In der Schweiz setzt der Bundesrat bisher auf die Eigenverantwortung: Er empfiehlt, zu Hause zu bleiben, sofern man nicht arbeiten, einkaufen oder jemandem helfen muss. Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga appellierte an die Bevölkerung, sich daran zu halten - sonst, so deutete sie an, drohten weitergehende Massnahmen.

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