Der Geister-Meister und die Kraft des Berner Mundartrocks

Bern ist zur Sporthauptstadt der Schweiz geworden. YB und der SC Bern haben in acht Jahren sieben Titel gewonnen. Auch dank einer ganz besonderen Kraftquelle.

Othmar von Matt
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Die Fans empfangen die YB-Spieler im Wankdorf mit Pyros.

Die Fans empfangen die YB-Spieler im Wankdorf mit Pyros.

Keystone

Freitag, 22.25 Uhr. Im Stade de Tourbillon haben sich die YB-Ersatzspieler längst das Meistertrikot übergezogen, mit einer 14 auf dem Rücken. Sie steht für den 14. Titel, den der BSC Young Boys in seiner Geschichte holt.

Auch Manuel C. Widmer – kurz: mcw - hat sich ein neues Trikot übergezogen. Das «Geischter-Meischter»-T-Shirt, das er für sich und seine Kollegen herstellen liess. Es zeigt einen weissen Geist mit gelbem YB-Logo auf schwarzem Grund – und ist eine Anspielung auf Coronaspiele vor leeren Rängen.

Manuel C. Widmer, Stadtrat, DJ und Primarlehrer.

Manuel C. Widmer, Stadtrat, DJ und Primarlehrer.

zvg

Der DJ an YB- wie SCB-Meisterfeiern

Widmer ist Berner Stadtrat der Grünen Freien Liste (GFL), DJ und Primarlehrer. Vor allem aber ist er seit 30 Jahren YB-Fan und, was eher selten ist, auch Fan des SC Bern. Seine Lebenspartnerin Su Elsener, früher ebenfalls GFL-Stadträtin, macht Fanarbeit beim SCB. Widmer war schon DJ an Meisterfeiern von YB und dem SCB.

Su Elsener, die Lebenspartnerin von Manuel C. Widmer, im «Geischter-Meischter»-T-Shirt.

Su Elsener, die Lebenspartnerin von Manuel C. Widmer, im «Geischter-Meischter»-T-Shirt.

zvg

Widmer und Elsener hatten in den letzten acht Jahren Grund zum Feiern. Sieben Titel holten YB (2018/19/20) und der SCB (2013, 2016, 2017, 2019). Damit ist Bern nicht nur die Hauptstadt des Landes, sondern – inoffiziell – auch die Sportstadt der Schweiz.

Bernerinnen und Berner lieben ihre Stadt und deren Sportvereine. Geschätzt 400 gibt es in Bern. 100 davon hat der Journalist Peter Eichenberger fotografiert. Die Ausstellung ist zurzeit im Berner Kornhausforum zu sehen. Die mit Abstand grössten Magnete sind dabei YB und der SCB. 20000 Saisonkarten verkaufte YB diese Saison, 13000 der SCB.

Es geht um das Bern-Sein, das Bern-Gefühl

Die Songs an YB- und SCB-Spielen zeigen die innige Verbundenheit besonders deutlich. Selten geht es nur um den Klub. Meist wird auch die Stadt (oder der Kanton) besungen. Es geht um das Bern-Sein, das Bern-Gefühl.

Als YB vor zwei Jahren mit den Fans über ein neues Klub-Lied sprechen wollte, wurden die Verantwortlichen überrascht: Die Fans wollten kein neues YB-Lied. «Sondern einen Einlaufsong», wie Kommunikationschef Albert Staudenmann sagt, Präsident des Vereins YB mit 22500 Mitgliedern.

«Hie», eine Rapnummer von «Wurzel 5», wurde zur Einlaufhymne. Sie ist eine Ode an Bern, ohne Bern je zu nennen. «Hie ghöri härä, hie isch mis deheimä. Hie isch Heimat nüt u niemer wird üs trennä», heisst es da. Und: «Lueg ig kennä mini Stadt, bi ufgwachsä hie.» «Hie» kann nur Bern sein. Und der «Schuutclub» in «Hie» nur YB.

Berner Mundart ist wie ein Geheimcode

Berner Mundart ist selbsterklärend, wie ein Geheimcode. Grössere verbale Präzision ist nicht möglich. Das hebt Bern ab von allen anderen Städten der Schweiz - vielleicht sogar der Welt.

Als YB am 28. April 2018 nach 32 Jahren wieder Meister wurde, gingen die YB-Fans noch einen Schritt weiter. 30000 sangen «Scharlachrot» von Patent Ochsner. Deren Frontmann Büne Huber ist bekennender SCB-Fan.

«I boue mir myni tröim uuf rund um di & Male se scharlachrot a», heisst die Kernbotschaft des Liedes. Es ist ein Liebeslied, ein Lied von unerfüllter Sehnsucht, die unvermittelt doch erfüllt wird: «Jitz bisch du cho. Grad jitz. Won I’s nümm hätti dänkt.» Perfekter lässt sich das Gefühl für den Meistertitel von 2018 nicht umschreiben. Die YB-Fans ersetzten «scharlachrot» einfach durch «gäub u schwarz».

Bern-Lieder sind auch beim SCB wichtig. Seit Jahrzehnten folgt das Prozedere vor dem Einlaufen der Spieler in der Arena mit ihren 17031 Plätzen dem gleichen Schema. Zuerst wird der Song «Bärn Bärn Bärn i ha di gärn» gespielt, ein Hit des Tanzorchesters Fontana aus den achtziger Jahren. Um Punkt 19.31 Uhr – 1931 ist das Gründungsjahr des SCB – folgt der Berner Marsch. Die Fans ziehen die übergrosse SCB-Flagge die steile Stehplatzrampe hoch.

«Die Berner schwelgen noch immer im Ancien Regime»

Der Berner Marsch ist ein Relikt aus dem Ancien Regime, als Stadt und Republik Bern mächtigster Stadtstaat nördlich der Alpen waren. «Die Berner schwelgen noch immer im Ancien Regime», sagt Regierungsrat Christoph Neuhaus. «Sie trauern diesen alten Zeiten nach.»

1798 stahl Napoleon den sagenhaften Berner Goldschatz und die Wertpapiere, die Bern als zeitweise grösster Einzelinvestor auf Londons Finanzplatz angelegt hatte. 623 Milliarden wäre dieser Schatz heute wert, zeigt das neue Buch «Napoleons reiche Beute» aus dem Stämpfli-Verlag auf.

Der Berner Marsch wurde 1798 zum Widerstand gegen den Franzoseneinfall gespielt. Und er wurde zum Symbol für den Versuch, das Ancien Regime wiederherzustellen.

Der SC Bern verkörpert diese glorreiche Zeit noch heute. Er ist seit 19 Jahren Europas Zuschauerkrösus im Eishockey, Russland inklusive. Der SCB ist unbernisch laut und selbstbewusst - und 16-facher Schweizer Meister.

Neue Massstäbe bei der Finanzierung

Massstäbe setzt er auch mit der Finanzierung. Die SCB Group AG hat einen Umsatz von 60 Millionen Franken pro Jahr. Etwas mehr als die Hälfte kommt dank der Tochtergesellschaft Sportgastro mit ihren 17 Betrieben zustande. Die Gewinne aus der Gastronomie fliessen in den Sportbereich, in die SCB Eishockey AG. 2019 meldete CEO Marc Lüthi zum 19. Mal in Serie einen Reingewinn: 54175 Franken.

YB ist geografisch nur durch die Papiermühlestrasse vom SCB getrennt – und seit 2016 finanziell auch auf gesunden Beinen. Damals überdachte der Verein sein Geschäftsmodell und definierte es neu über Transfereinnahmen und Erträge aus den europäischen Wettbewerben. 2019 kam YB auf Gesamteinnahmen von 82 Millionen und einen Gewinn von 21 Millionen.

Lange ein Symbol für Stillstand und Schmarotzertum

Diese rosigen Zeiten für YB und damit für die Stadt Bern sind noch jung. Bis weit in die 2000er Jahre galt Bern in der öffentlichen Wahrnehmung als Symbol für Stillstand und Schmarotzertum. Noch heute bezieht der Kanton mit seiner Million Einwohner über eine Milliarde Finanzausgleich – mehr als tausend Franken pro Einwohner.

2007 schaffte es Bern auf die Titelseite der «New York Times». Der Grund war unrühmlich: die Krawalle vom 7. Oktober zu den nationalen Wahlen. Silvia Blocher, Gattin des damaligen Bundesrats Christoph Blocher, geisselte im November 2007 den Schmutz und die Drogen in der Hauptstadt. Schon auf den Perrons im Bahnhof empfange sie «der süssliche Geruch von Haschisch», schrieb sie im «Sonntag». Sie denke dann: «Weg. Nur weg.»

Verslumt, verschmutzt und unsicher: Bern galt als Verlierer-Stadt. Niemand symbolisierte das besser als die Young Boys. 2009 unterlagen sie im Cupfinal Sion mit 2:3, trotz 2:0-Führung. Und 2010 gaben sie den Meistertitel im letzten Spiel gegen den FC Basel preis, obwohl sie phasenweise 13 Punkte Vorsprung hatten. Veryoungboysen wurde der Begriff dafür.

Die Euro 08 brachte den Turnaround

Es war die Euro 08, die der Stadt neues Selbstvertrauen einhauchte. Verblüfft schaute die Welt zu, wie 80000 Holländer mit den Bernern ein einziges friedliches Euro-Fest feierten. Holland bedankte sich mit ganzseitigen Inseraten bei «der Stadt Bern, ihren Einwohnern und dem Stadtpräsidenten».

Mit einem Schlag galt Bern als jung, dynamisch und innovativ. «Noch heute bekomme ich Hühnerhaut, wenn ich an die Holländer in Bern denke», sagt YB-Kommunikationschef Staudenmann. «Die Euro 08 hat Bern gezeigt, was möglich ist. Diese Wochen der Feierstimmung taten Bern sehr gut.» Die Kornhausbrücke, die zum Stadion Wankdorf führt, heisst inzwischen auch Korenhuisbrug – im Andenken an die magischen Tage im Jahr 2008.

Die Coronakrise gefährdet die Modelle von YB und SCB

2020 verdüstern sich die Aussichten aber wieder. Die Coronakrise sorgt für Zukunftsängste. Die Modelle von YB und dem SCB, die beide auf hohen Zuschauerzahlen basieren, sind gefährdet. Vieles deutet darauf hin, dass bis Ende Jahr weder Fussball- noch Eishockeyspiele mit mehr als 1000 Zuschauern stattfinden dürfen.

Marc Lüthi, CEO SC Bern.

Marc Lüthi, CEO SC Bern.

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Sucht der SCB nun Mäzene? «Nein», sagt Marc Lüthi. «Mäzene wachsen nicht auf Bäumen. Langfristig haben wir das gesündere Modell.» Es werde zwar nicht einfach, denkt Lüthi. «Aber wir werden – wie in den letzten 20 Jahren immer – auch jetzt Lösungen finden. Vielleicht braucht es ein bis zwei Jahre Zeit.» Gefährdet ist auch das YB-Modell. Ob sich mit europäischem Fussball und Transfereinnahmen immer noch so viele Mittel generieren lassen, wie zuletzt, steht in den Sternen. «Das YB-Geschäftsmodell ist in diesen Zeiten sehr volatil geworden», sagt Staudenmann. «Wir machen uns Gedanken dazu. Im Moment stimmt das Modell noch. Doch wir sind sehr wachsam.»

In dieser Situation hilft Bern die vielleicht wichtigste Eigenschaft, auf die es zählen kann: Der Berner und die Bernerin bewahren Ruhe. «Wir Berner glauben an die Ruhe, sind Stoiker», sagt Stadtrat, DJ und YB-/SCB-Fan Manuel C. Widmer. «Wir sagen uns: Äs chunnt scho guet.»

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