«Drei Zentren wären besser»

Aus drei Standorten für Herztransplantationen sollen künftig nur noch zwei werden. Der renommierte Berner Herzchirurg Thierry Carrel erklärt, warum das eine schlechte Idee ist. Es gehe dabei nicht ums Geld.

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Thierry Carrel Herzchirurg am Berner Inselspital (Bild: Quelle)

Thierry Carrel Herzchirurg am Berner Inselspital (Bild: Quelle)

Herr Carrel, in der Schweiz werden jährlich rund 30 Herzen transplantiert. Warum wird um diese wenigen Eingriffe so heftig gekämpft?

Thierry Carrel: Herztransplantationen sind zwar eine seltene, aber eine sehr wichtige Option für Patienten mit schwerster Herzschwäche. Eine Herztransplantation kommt zum Einsatz, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Ein Kompetenzzentrum muss diese letzte Option anbieten können, sonst werden ihm weniger Patienten zugewiesen. Denn man will sich ja nicht jahrelang in einem Spital behandeln lassen im Wissen darum, dass man für den letzten Schritt das Spital und das Behandlungsteam wechseln müsste.

Wie wichtig ist das Prestige, welches mit diesem Eingriff verbunden wird?

Carrel: Das Prestige wird mehr von der Politik und den Medien aufgebaut. Für einen Herzchirurgen gibt es viel schwierigere Eingriffe. Die Herzchirurgie bei Neugeborenen oder das Ersetzen der gesamten Hauptschlagader etwa ist risikoreicher. Aber die Transplantation, also das Einsetzen eines neuen Herzens, ist ein sehr radikaler Eingriff, und darum aus akademischer Sicht höchst interessant.

Was würde es für die Forschung am Berner Inselspital bedeuten, wenn keine Transplantationen mehr durchgeführt werden dürften?

Carrel: Man amputiert dem Gebiet der Herzinsuffizienz die allerletzte Eingriffsmöglichkeit. Für internationale Studien wird man wohl kaum mehr gefragt, man müsste ein wichtiges Forschungsgebiet einfach so aufgeben.

Welche Rolle spielt Geld im Kampf um den Standort für Herztransplantationen?

Carrel: Geld ist für diese Fragestellung nicht wichtig. Jede Transplantation wird mit 150 000 bis 180 000 Franken abgegolten – unabhängig, wo sie stattfindet. Bei rund zehn Eingriffen pro Jahr macht das für uns etwa 1,5 Millionen Franken. Gäbe es nur noch zwei Zentren, könnten wir vielleicht doppelt so viele Eingriffe durchführen und erhielten drei Millionen Franken. Auf das Jahresbudget des Inselspitals mit 1,2 Milliarden Franken hat das keinen grossen Einfluss.

Nun soll einer der drei Standorte, die Herztransplantationen durchführen, gestrichen werden, um die Qualität zu steigern und Kosten zu senken.

Carrel: Ich bezweifle, dass damit Geld gespart wird. Denn für eine Verpflanzung braucht es keine spezielle Infrastruktur. Wir arbeiten mit dem Personal und den Räumlichkeiten, die wir für die übrige Herzchirurgie sowieso brauchen.

Und die Qualität?

Carrel: Die Qualität steigt mit der Erfahrung eines Teams. Ob eine Steigerung von zehn auf 15 Eingriffe zu einem Qualitätssprung führen würde, ist allerdings sehr fragwürdig. Zudem gibt es immer mehr Fälle von schwerer Herzschwäche, auch wegen der Überalterung der Bevölkerung. Gleichzeitig wird die Spenderrekrutierung verbessert. Wenn wir 50 oder 60 Herzen pro Jahr transplantieren, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass mehrere Verpflanzungen gleichzeitig durchgeführt werden müssen. Kommen dann noch weitere Notfälle dazu, stossen die zwei Zentren an Kapazitätsgrenzen. Da wäre es besser, weiter an allen drei Standorten Transplantationen durchzuführen.

Sie plädieren für drei Standorte? Sie fürchten den Entscheid der Gesundheitsdirektoren, weil Bern ins Hintertreffen geraten ist.

Carrel: Gar nicht. Bern ist 2010 bei beiden Vorschlägen des Fachorgans dabei gewesen; daran hat sich nichts geändert. Wir führen rund 1200 grosse Herzoperationen pro Jahr durch. In Zürich sind es zwar etwa gleich viele, aber erst seit die Fallzahlen des Unispitals und des Stadtspitals Triemli zusammengerechnet werden.

Seit Anfang Jahr kooperiert das Unispital Zürich mit dem Stadtspital Triemli, damit kann das Unispital die Fallzahlen von herzchirurgischen Eingriffen erhöhen. Spielen die anderen Standorte Ihrer Meinung nach mit unfairen Mitteln?

Carrel: Unfair nicht, aber die Werbetrommel wird mit Luftblasen geschlagen. Ich vertraue jedoch darauf, dass das Beschlussgremium am Ende einen sachlichen Entscheid fällen wird. Und ich bin zuversichtlich, dass sich das Gremium am Ende dafür entscheidet, alle drei Standorte beizubehalten.

Bisher war von zwei Standorten die Rede.

Carrel: Ja, diese Ankündigung wurde gemacht, und es braucht eine sorgfältige Begründung, warum es 2013 anders sein könnte. Aber es dürfte schwierig sein, einen Standort zu streichen. Zürich hat bereits den Entscheid im Jahr 2010 platzen lassen. Lausanne wird es nicht hinnehmen, dass beide Zentren in der Deutschschweiz liegen. Und Bern war bei der ersten Vorevaluation im Jahr 2010 klar der Favorit.

Wie erleben Sie als Chirurg eine Herztransplantation?

Carrel: Die Entnahme eines Spenderherzens ist für mich auch nach 25 Jahren noch etwas Spezielles. Ich weiss zwar, dass das Hirn des Spenders schon längst nicht mehr funktioniert, aber das Herz schlägt immer noch. Ich habe jeweils das Gefühl, ein extrem kostbares Geschenk in den Händen zu halten, das der Verstorbene und seine Angehörigen einem unbekannten Patienten machen.

Interview: Barbara Inglin

Ein Spezialistenteam der Universität Zürich transplantiert ein Herz. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Ein Spezialistenteam der Universität Zürich transplantiert ein Herz. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

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