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Drama bei Dignitas: Mutter und Tochter starben – Arzt versucht vergeblich, Strafverfahren zu verhindern

In einem Dignitas-Sterbezimmer kam es zu einem ungeplanten Todesfall: Die Tochter einer Patientin elitt eine Hirnblutung. Jetzt untersuchen Neurochirurgen den Fall.
Andreas Maurer
In diesem Raum in einem Industriequartier in Pfäffikon ZH sterben mehrere hundert Menschen pro Jahr mit Dignitas. (Bild: David Levene)

In diesem Raum in einem Industriequartier in Pfäffikon ZH sterben mehrere hundert Menschen pro Jahr mit Dignitas. (Bild: David Levene)

Eine 95-jährige Britin fliegt in die Schweiz, um ihr Leben und ihr Krebsleiden mit der Freitodorganisation Dignitas zu beenden. Auf ihrer letzten Reise wird sie von ihrer 58-jährigen Tochter begleitet. Am Tag, an dem der Tod der Mutter auf der Agenda steht, befindet sich die Tochter aber plötzlich in einem noch schlechteren Zustand. Sie klagt über starke Kopfschmerzen und erbricht mehrmals.

Dignitas bietet einen Arzt auf, der sich um das Leben der angeschlagenen Tochter im Sterbezimmer kümmern soll. Er spritzt ihr das Beruhigungsmittel Temesta. Danach kippt sie um. Sie wird bewusstlos, aber atmet noch. Einen Nachmittag lang verbessert sich die Situation nicht. Im Gegenteil: Sie verschlechtert sich.

Tödliches Warten

Während die Mutter auf den Tod wartet, kommt die Tochter ihrem eigenen immer näher. Nach vorne gebeugt, sitzt sie auf einem Sofa, sie röchelt, vor dem Mund bildet sich Schaum. Der Arzt wartet weiterhin ab. Erst auf Drängen des hinzugestossenen Ehemanns der Tochter holt er die Sanität.

Es ist zu spät. Die Untersuchung im Spital ergibt, dass die Frau eine starke Hirnblutung hat. Von ihrer Mutter kann sie sich nicht mehr verabschieden. Nachdem sie im Rettungshelikopter davon geschwebt ist, nimmt die Mutter das Gift zu sich. Am Tag danach wird der Hirntod der Tochter festgestellt.

Die Staatsanwaltschaft eröffnet ein Verfahren gegen den Arzt wegen fahrlässiger Tötung. Gestützt auf ein Todesursachen-Gutachten wirft sie ihm vor, er hätte in Betracht ziehen müssen, dass die Frau eine Hirnblutung erlitten haben könnte. Spontan einsetzende Kopfschmerzen in Kombination mit Erbrechen seien typische Anzeichen dafür. Die «Schweiz am Wochenende» hat das Verfahren und den Fall aus dem Jahr 2016 kürzlich publik gemacht.

Nun hat das Bundesgericht einen Zwischenentscheid gefällt: Das höchste Schweizer Gericht lehnt eine Beschwerde des Arztes ab. Dieser will der Staatsanwaltschaft verbieten, ein weiteres Gutachten bei der Klinik für Neurochirurgie des Zürcher Universitätsspitals in Auftrag zu geben. Die Aufgabestellung: Zwei Fachärzte sollen abklären, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass der Arzt den Tod mit der richtigen Behandlung hätte verhindern können. Dieser argumentiert, die Vorwürfe gegen ihn seien «erfunden». Da er sie bestreite, seien die Ermittler nicht autorisiert, ihre These weiterzuverfolgen.

Arzt spielt auf Zeit

Der Arzt schweigt zu den Vorwürfen eisern und führt nicht aus, was «erfunden» sein soll. Gleichzeitig will er den Ermittlern aber diktieren, wie sie ihre Arbeit zu verrichten haben. Das Bundesgericht lässt in seinem Urteil Verwunderung für diese Argumentation durchblicken. Obwohl sich der Arzt von einem Anwalt mit Doktortitel vertreten lässt, ist seine Verteidigungsstrategie so schwach, dass die Vorinstanz, das Zürcher Obergericht, nicht einmal auf die Beschwerde eingetreten ist.

Das Bundesgericht schreibt, der Beschuldigte habe zwar das Recht, zu schweigen, aber er könne der Staatsanwaltschaft nicht vorschreiben, wie sie ihre Ermittlungsergebnisse zu interpretieren habe. Den Vorwurf, der Sachverhalt sei «erfunden», stuft das Bundesgericht als «haltlos» ein.

Eines hat der Arzt allerdings erreicht: Mit seiner Beschwerde hat er das Strafverfahren gegen ihn um mehr als ein Jahr verzögert.

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