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Gedanken zum 1. August: Doppeladler, Cervelat und Gülle

Wir sprechen Französisch, Deutsch, Italienisch, Rätoromanisch, Albanisch oder Portugiesisch. Wir sind Protestanten, Hindus, Muslime, Atheisten oder Katholiken. Was ist das eigentlich – ein Schweizer, eine Schweizerin?
Pascal Hollenstein
Illustration: Tom Werner

Illustration: Tom Werner

Was für ein Sommer!

Da schafft es die Schweiz – notabene vor allem wegen Immigranten – immerhin in den Achtelfinal einer Fussballweltmeisterschaft und hat den Viertelfinal quasi noch auf dem Schuh. Und das Land? Es ergeht sich in einer endlosen Debatte, ob es skandalös oder nur ungeschickt sei, dass albanisch-schweizerische Fussballer sowie ein schweizerisch-schweizerischer Captain im Torjubel ein albanisches Symbol verwenden. Wie wenn sich nicht schon ein Katholik vor dem Penalty bekreuzigt hätte. Und als ob der Doppeladler – wiewohl dem Fifa-Reglement widersprechend – einer Aufforderung zum politischen Extremismus gleichkäme. Als Sahnehäubchen entblödet sich ein Fussballfunktionär nicht, die Doppelbürgerschaft bei Spielern in der Nationalmannschaft generell zur Disposition zu stellen. Vermutlich hätte man, seiner verqueren Logik der uneingeschränkten Loyalität zum einen und einzigen Land folgend, Captain und Doppeladler-Zeiger Lichtsteiner umgehend das Nationaltrikot vom Leib reissen müssen.

Sagenhaft!

Und kurz darauf: Da lanciert ein Aargauer SVP-Nationalrat, basierend auf einem unbestätigten Gerücht, eine landesweite Debatte darüber, ob die Schweizer Identität zerbreche, wenn an einem Grillfest mit Muslimen womöglich auf den Cervelat verzichtet beziehungsweise dieser auf einem anderen Rost der idealen Garstufe zugeführt werde. Der Boulevard zelebriert die Nichtmeldung über Tage, männiglich am Stammtisch verfällt in Schnappatmung. Wie wenn sich Vegetarier und Fleischesser an Grillfesten nicht schon lange darauf verständigen würden, wo was grilliert wird. Wenn dies nun Muslime und Nichtmuslime tun sollten, was wäre daran so schlimm? Und wenn der Cervelat denn tatsächlich der Kern des Schweizerseins, gewissermassen der Fleisch gewordene Rütlischwur in südamerikanischem (sic!) Rinderdarm wäre, müsste man dann nicht generell an der patriotischen Standhaftigkeit all jener zweifeln, die die Wurst nicht mögen?

Sagenhaft!

In katholischen Landstrichen war es bis vor wenigen Jahren Brauch, dass die Landwirte an Karfreitag, dem bedeutendsten protestantischen Feiertag, Gülle auf die Wiesen ausbrachten. Gerne hängte man auch Wäsche auf. Und besonders freudvoll tat man das dann, wenn der Nachbar Protestant war. Es war dies einerseits Ausdruck des Protests einer religiösen Gruppe, welche lange Mühe hatte, sich im modernen Bundesstaat zurechtzufinden, und der immer wieder eine doppelte Loyalität zu Land und Vatikan unterstellt wurde. Der Katholik, das galt im Kulturkampf als ausgemacht, war ein unzuverlässiger, ein minderer Schweizer – in der Logik der Denkfigur mit dem eingebürgerten Migranten eng verwandt. Mit der Karfreitagsgülle setzten sie Katholiken dort, wo sie die Mehrheit besassen, dagegen ein Zeichen. Und sie versicherten sich selber ihrer eigenen Identität.

Sagenhaft!

Gleichheit ist der Schlüsselbegriff der modernen Nation. Will heissen: Gegenüber ihrem Staat geniessen alle Bürger die gleichen Rechte und Pflichten. Unterschiede des Herkommens, des Standes, des Geschlechts, der Ernährungsgewohnheiten – auch in puncto Wurstkonsum – und der religiösen Zugehörigkeit sind dagegen null und nichtig. Die Gleichheit bemisst sich damit nur an der Staatsangehörigkeit, am Pass. Alle anderen Vorstellungen mag man milde als vormodern bezeichnen. Im Grunde aber sind sie mittelalterlich.

Die Gleichheit indes ist nicht absolut, sie betrifft nur das Verhältnis zum Staat. Untereinander mögen sich die Bürger differenzieren: kulturell, religiös, politisch, in Lebensstilen und Angewohnheiten. Ein freiheitliches Land ist kein Ameisenstaat. Ein Blick auf den Globus zeigt sogar: Diktaturen ebnen die Bürger ein zu einer uniformen Masse. Liberale Demokratien lassen Vielfältigkeit dagegen nicht nur zu – sie profitieren kulturell, politisch und ökonomisch von der Potenz, die in ihr steckt.

Und doch gibt es immer wieder jene, die genau zu wissen glauben, wer schweizerisch und wer unschweizerisch (was für ein fürchterliches Wort!) sei, und die mit allerhand kruden Vorschlägen kommen, wie das angeblich Unschweizerische auf ein vorgeblich helvetisches Mass zurechtgestutzt oder aus dem Staatsverband ausgeschlossen werden könne. Das ist nicht schön. Aber ist es auch ein Drama? Zunächst: Gedanken und Gefühle lassen sich – glücklicherweise! – im Gegensatz zu Taten nicht verbieten. Die Freiheit im Gedanken ist absolut. Man darf also Fremdenfeind sein, ja sogar Rassist – man darf sich bloss nicht öffentlich rassistisch äussern. Entscheidender als die Gedankenwelt Einzelner ist ohnehin, wie sich der Staat als Ganzes organisiert. Und hier braucht sich gerade die Schweiz nicht zu verstecken. Sie hat ein eigentliches Integrationswunder vollbracht. In den letzten gut 100 Jahren hat dieses Land gleich mehrere Einwanderungswellen erfolgreich absorbiert: zweimal die Italiener, Staatsangehörige aus dem Balkan als Arbeitskräfte, dann die Zuwanderung aus der EU nach Einführung der Personenfreizügigkeit. Da­zwischen gab es kleinere und grössere Schübe von den Ungarn-Flüchtlingen und jenen aus der Tschechoslowakei bis zu den Tamilen und den Kriegsflüchtlingen aus Ex-Jugoslawien. Aktuelle Zahlen zeigen: Der Migrationssaldo ist zwar von Rekordständen weit entfernt. Doch die Wohnbevölkerung in unserem Land wächst weiter.

«Was verbindet einen katholischen Tessiner mit einem protestantischen Schaffhauser, was hat schon ein Genfer mit einem Appenzeller gemein? Es war ein historischer Zufall, der uns so zusammengebracht hat.»

Gemäss der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sind 29,3 Prozent der 2017 in der Schweiz lebenden Personen im Ausland geboren worden. Kein anderes OECD-Mitgliedsland – abgesehen vom noch kleineren Kleinstaat Luxemburg – hat eine höhere Quote. Am nächsten kommt der Schweiz noch Australien. Doch schon die Quote des klassischen Einwanderungslandes Kanada liegt nur noch bei 20,3 Prozent (2016). Und Deutschland bringt es gerade einmal auf 15,5 Prozent. Die Zahlen, wohlgemerkt, bilden nur gerade die Einwanderung der ersten Generation ab. Secondos, ob eingebürgert oder nicht, sind darin nicht enthalten, Kinder aus binationalen Verbindungen ebenfalls nicht. Schweizer ohne Migrationsvergangenheit in den letzten Generationen sind damit eine Seltenheit. Die Schweiz ist schon lange ein Einwanderungsland. Im Kern sind wir alle Migranten oder haben diese in der Familie.

Auch die Schweizer Einwanderungs­geschichte ist freilich nicht rosarot. Konflikte gab es bei praktisch jeder Migrationswelle. Die italienische Immigration in die Schweiz beispielsweise war im ausgehenden 19. Jahrhundert von schweren Ausschreitungen begleitet. Zu den heftigsten gehörte der Zürcher Italienerkrawall, bei dem ein aufgeputschter Mob während mehrerer Tage die in der Stadt Zürich lebenden Italiener bedrängte. Die Polizei war überfordert, schliesslich musste Militär eingesetzt werden. Die Italiener, die meist als Saisonarbeiter auf dem Bau in die Schweiz gekommen waren, dienten den Einheimischen als Sündenböcke, welchen man die negativen Folgen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs zur Last gelegt habe, heisst es dazu im Historischen Lexikon der Schweiz. Ähnlichen Mustern folgten die widerlichen Kampagnen des Boulevards gegen die sogenannten Leder­jacken-Tamilen in den 80er-Jahren oder die unterkühlte Diskussion über die sogenannte Massenzuwanderung, wobei in der Deutschschweiz hier vor allem die Deutschen gemeint waren. An den politischen Folgen dieser Abstimmung laboriert die Schweiz noch immer und nach Lage der Dinge noch lange herum.

Die migrationspolitischen Fieberschübe sind nicht verwunderlich: Einwanderung ist immer von Abwehrreflexen und Debatten begleitet. Die italienische Migration etwa führte zum Aufstieg der Nationalen Aktion und zu den gescheiterten Überfremdungsinitiativen von James Schwarzenbach. Sosehr die damaligen Diskussionen um die drohende Katholisierung der Schweiz und die angebliche Zügellosigkeit der italienischen Männer aus heutiger Sicht befremden mögen – sie waren letztlich das nötige direktdemokratische Ventil, um Verständigung über die Zuwanderung zu erzielen. Man könnte sagen: Erst diese Auseinandersetzungen haben die Integration der Italiener vollends ermöglicht. Genauso wie man behaupten kann, dass die wiederholten Abstimmungen über das Asylwesen die Akzeptanz dieser Migration in der Bevölkerung gestärkt haben und stärken. Man redet in diesem Land mit, offensichtliche Missstände und Probleme können nicht von einer politischen Klasse unter den Teppich gekehrt werden – zumindest nicht auf Dauer.

«Die demokratische Debatte über Migration ist besser, als die Dinge totzuschweigen.»

Das ist, man muss es anerkennen, ein Verdienst der politischen Rechten, allen voran der SVP. Auch wenn sie mit ihren Forderungen gelegentlich überbordet: Die demokratische Debatte über Migration ist besser, als die Dinge totzuschweigen. Denn Mitbestimmung verhindert den Eindruck, von oben bevormundet und übervorteilt zu werden. Womöglich liegt es daran, dass in der Schweiz kaum Übergriffe auf Asylunterkünfte stattfinden.

Ohnehin befindet sich die Schweiz in Migrationsfragen in einer vorteilhaften Lage. Die Idee eines Staatsvolkes ist uns fremd. Im Gegensatz etwa zu Deutschland oder gar skandinavischen Staaten, die zumindest theoretisch von einer Abstammungsgemeinschaft ausgehen, wird hierzulande niemand bestreiten, dass unser Land bunt und recht zufällig zusammengewürfelt wurde. Was verbindet einen katholischen Tessiner mit einem protestantischen Schaffhauser, was hat schon ein Genfer mit einem Appenzeller gemein? Es war ein historischer Zufall, der uns so zusammengebracht hat. Mittlerweile sind wir es gewohnt, kulturell und sprachlich ganz andersartige Mitbürger als unseresgleichen zu akzeptieren. Rücksichtnahmen auf allerhand regionale, sprachliche und kulturelle Eigenheiten gehören dabei zum täglichen Brot eidgenössischer Politik. Das fällt umso leichter, je stärker das Bewusstsein ist, dass es eine schweizerische Mehrheitsgesellschaft schlicht nicht gibt. Sei es als Kantonsbürger, als (Binnen-)Migrant, als Mitglied einer Sprach- oder Religionsgemeinschaft: Jeder Schweizer ist Angehöriger einer oder gleich mehrerer Minderheiten. Die Frage «Wer sind wir?» ist für Schweizer also nur so zu beantworten: «Wir sind die anderen.»

Auf diese Pluralität kann die Schweiz mit Recht stolz sein. Es besteht kein Zweifel, dass sie die Integration von Migranten auch weiterhin begünstigt und ein wesentlicher Erfolgsfaktor der Schweiz ist.

Dass ein solch heterogener Staatsverband überhaupt funktionieren kann, setzt allerdings auch die Bereitschaft voraus, Verhaltensnormen zu akzeptieren, die über die staatsrechtliche Trias von Demokratie, Rechtsstaat und Föderalismus hinausgehen. Es geht hier um klassische Sekundärtugenden wie Leistungsbereitschaft, Höflichkeit und Fleiss, aber auch um eine grundsätzliche Haltung, der Gesellschaft, in der man lebt, etwas zurückgeben zu wollen. Integration ist vor allem eine Bringschuld der Migranten.

Ihre Herkunft bis zur Selbstaufgabe zu verleugnen, kann aber niemand von ihnen verlangen. Noch kann man es wollen. Ja, auch ein eingebürgerter Italiener darf sich einen Schuss Italianità bewahren, so er denn möchte, eine Seconda aus Indien darf gelegentlich einen Sari tragen, und ein Muslim ist weder dazu verpflichtet, Cervelats zu essen, noch muss er den Grill mit Freunden des Schweinefleischs teilen. Und warum soll ein Mensch mit Herkunft und Familie im Kosovo zu diesem Land keine besondere Beziehung haben dürfen? Gibt man denn Emotionen im Rahmen eines Einbürgerungsverfahrens ab? Muss man zuerst entwurzelt werden, um in diesem unserem Land verankert sein zu können? Die Schweizer Geschichte lehrt uns das Gegenteil.

Wenn ein Land mit Vielfalt umgehen kann und davon noch immer profitiert hat, so ist es die Schweiz. Neuerdings kann sie deswegen sogar leidlich Fussball spielen. Und nicht nur das. Happy Birthday – mit oder ohne Doppeladler, Cervelat und Gülle!

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