Doch keine Kurspflicht für die Hausärzte

Die Hausärzte haben sich durchgesetzt: Um die Fahrtüchtigkeit von Senioren abklären zu dürfen, müssen sie nicht erst einen Kurs besuchen. Der Bundesrat hat die entsprechende Absicht zugunsten eines Stufenmodells kassiert, das ab Juli 2016 in Kraft tritt.

Richard Clavadetscher
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BERN. Die Opposition der Hausärzte war heftig – und schliesslich zielführend: Was die Abklärung der Eignung von Senioren zum Führen eines Motorfahrzeugs betrifft, hat der Bund im Vergleich zu den im Rahmen von «Via Sicura» zuerst geäusserten Absichten nun einen Rückzieher gemacht. Ursprünglich wollte er, dass, wer solche Abklärungen vornimmt – also etwa die Hausärzte –, einen eintägigen Kurs besuchen muss und dazu noch alle fünf Jahre einen halbtägigen Wiederholungskurs.

Kritik an Kurspflicht

Gegen die entsprechende Kurspflicht lief der Verband der Hausärzte Schweiz dann aber Sturm (Ausgabe vom 3. November 2014). Tenor: Hausärzte seien auch ohne diese Kurse dank Aus- und Fortbildung kompetent genug, um solche Abklärungen zu machen. Sie seien zudem tagtäglich mit dieser Problemstellung konfrontiert.

So äusserte sich etwa Bruno Kissling, Hausarzt und beim Verband Hausärzte Schweiz MFE, mit dem Dossier Fahreignungsuntersuchung betraut. Die Mitglieder seines Verbandes nähmen die Aufgabe heute schon ernst, es brauche sicher keine zusätzliche Kurspflicht, so Kissling. Der Nutzen solcher zusätzlicher Kurse sei nicht nur nicht einsichtig, er sei zudem auch wissenschaftlich nicht erwiesen.

Auf diese Ärztekritik hat der Bund nun mit einem Stufenmodell reagiert, das er diese Woche bekanntgemacht hat und am 1. Juli 2016 schweizweit in Kraft setzen wird. Er unterscheidet darin neu vier Kompetenzstufen bei den Gutachtern: In die niedrigste Stufe («Ausbildungsstufe 1») fallen Ärzte, die Senioren auf Fahrtüchtigkeit untersuchen. Von solchen Ärzten wird zwar verlangt, «dass sie über die in der Verkehrszulassungsverordnung festgelegten Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen». Die Vorschrift ändert in der Praxis allerdings wenig im Vergleich zur heutigen Situation: Wie genau die Ärzte zu diesen «Kenntnissen und Fähigkeiten» kommen, bleibt ihnen überlassen. Das kann mittels Kurs sein – oder auch «im Selbststudium». Die Ärzte haben lediglich alle fünf Jahre «der kantonalen Behörde zu bestätigen», dass ihr Wissen auf dem neusten Stand sei.

Strenger bei den Übrigen

Strenger ist der Bund hingegen bei Ärzten, die Berufschauffeure untersuchen. Hier sind eine eintägige Fortbildung sowie ein halbtägiger Wiederholungskurs alle fünf Jahre Pflicht («Ausbildungsstufe 2»). Und nochmals strengere Vorschriften gelten bei Ärzten, die Zweifelsfälle der Stufen 1 und 2 untersuchen oder Spezialfälle (etwa die Fahreignung körperbehinderter Personen) abklären: Sie dürfen dies ab Mitte nächsten Jahres erst tun, wenn sie eine zweitägige Fortbildung besucht haben und alle fünf Jahre einen halbtägigen Kurs belegen, um das Wissen à jour zu halten («Ausbildungsstufe 3»). Die höchste Stufe («Ausbildungsstufe 4») ist Ärzten vorbehalten, die aufgrund ihrer Ausbildung den Fachtitel Verkehrsmediziner SGRM tragen dürfen. Sie machen unter anderem die schwierigen Abklärungen bezüglich Fahreignung und -fähigkeit bei Suchtproblematiken und komplexen Erkrankungen. Verkehrspsychologische Gutachten wiederum dürfen künftig nur noch «Fachpsychologen für Verkehrspsychologie FSP mit Schwerpunkt Diagnostik» machen.

Verband zufrieden

In der Praxis fallen wohl die meisten Hausärzte in die «Ausbildungsstufe 1». Für sie ändert also nichts oder fast nichts. Kein Wunder deshalb, dass der ursprüngliche Kritiker Bruno Kissling vom Verband Hausärzte Schweiz MFE heute versöhnlich gestimmt ist: Auf Anfrage zeigt er sich «zufrieden mit der nun gefundenen Lösung».

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