Diplomat auf schwierigem Posten

Roberto Balzaretti ist seit 2012 Schweizer Botschafter bei der Europäischen Union. Seine wichtigste Eigenschaft: Ein rebellischer Geist. Sein momentan wichtigstes Dossier: Die Gespräche über eine Anpassung der Personenfreizügigkeit.

Fabian Fellmann
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Noch bis nächsten Sommer vertritt der Tessiner Roberto Balzaretti die Interessen der Schweiz bei der EU in Brüssel. (Bild: epa/Thierry Roge)

Noch bis nächsten Sommer vertritt der Tessiner Roberto Balzaretti die Interessen der Schweiz bei der EU in Brüssel. (Bild: epa/Thierry Roge)

Es sei, wie auf einem laufenden Motorrad zu sitzen und vergeblich auf das Startsignal zu warten, sagt Roberto Balzaretti über seine Arbeit. Der 50jährige Tessiner ist Schweizer Botschafter bei der Europäischen Union. Zu gern würde er in Brüssel die Gespräche über die Personenfreizügigkeit richtig in Gang bringen, welche das Schweizer Stimmvolk vor eineinhalb Jahren verlangt hat. Bisher ohne Erfolg.

Statt den Abschluss neuer Verträge zu feiern, ist Balzaretti mit der Beilegung kleinerer und grösserer Streitigkeiten beschäftigt, welche seit dem Ja zur SVP-Zuwanderungs-Initiative das Verhältnis zwischen der Schweiz und der EU trüben. Von Frustration will Balzaretti aber nicht reden. Stattdessen sagt er: «Ich bedaure es, dass sich die EU nicht auf eine ernsthafte Auseinandersetzung über die Personenfreizügigkeit einlässt.»

Auf alle Arten versucht der Diplomat, die EU-Vertreter zu überzeugen, dass die Schweizer wirklich ein Problem mit der Zuwanderung haben, auch mit gezielter Provokation. Im EU-Parlament etwa wies er im Frühjahr Kritik an der Abstimmung vom 9. Februar 2014 schroff zurück: «Ein Volksentscheid ist niemals ein Problem», wetterte Balzaretti. Es habe ihm Spass bereitet, dem Parlament eine kleine Lektion in Demokratie zu erteilen, sagt Balzaretti Ende Juli. Hier, in seinem Büro in der Schweizer Mission an der Place du Luxembourg in Brüssel, ist er ganz Diplomat: dunkler Anzug, gewellte Haare, markante Gesichtszüge. Hier leitet Balzaretti ein Team von gut drei Dutzend Angestellten.

Mediterranes Temperament

Der Schnelldenker und -sprecher ist kein Diplomat der alten Schule. Balzaretti macht aus seinem Herzen meist keine Mördergrube, antwortet manchmal ironisch, provozierend – forsch bis schnippisch, wie es im Bundeshaus heisst, oder mit mediterranem Temperament, wie es der EU-Abgeordnete Andreas Schwab beschrieb. Balzaretti sagt: «Direkt zu sein gehört zu meinem Naturell.» Aber er wisse auch, die Form zu wahren. Nur: Viele diplomatische Formen seien in Brüssel nicht mehr angebracht, es herrsche ein geschäftsmässiger Umgang, für Floskeln fehle die Zeit. Mitarbeiter nennen Balzaretti einen guten Chef, der sie selbständig arbeiten lasse.

«Ich habe die Welt gewählt»

Bald dürfte die Brüsseler Episode für den Tessiner jedoch ein Ende finden: Gemäss Turnus soll er Brüssel im Sommer 2016 verlassen, um eine neue Aufgabe zu erhalten, die Stelle wurde kürzlich intern ausgeschrieben. Wohin es ihn, seine Frau und die fünf zum Teil erwachsenen Kinder verschlagen wird, weiss Balzaretti nicht – das gehört zum Leben eines Diplomaten. Den Kontakt mit dem Tessin halte er dank Familie und Freunden aufrecht, sagt er, und bei Besuchen höre er sich immer in der Beiz um, wie über die EU gesprochen werde. Er selbst scheint die Heimat nur bedingt zu vermissen. «Ich liebe das Tessin, aber ich habe die Welt gewählt», sagt Balzaretti, der bei Mendrisio aufwuchs.

Nach dem Gymnasium studierte er in Bern Rechtswissenschaften und doktorierte. Eine besondere Beziehung zur EU knüpfte Balzaretti als diplomatischer Stagiaire in Brüssel, wo er mit Botschafter Benedikt von Tscharner am 20. Mai 1992 das Schweizer Beitrittsgesuch übergab. Nach einem Abstecher zur Credit Suisse trat Balzaretti eine Stelle im Aussendepartement an.

Später war er Kabinettschef von SP-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey und danach deren Generalsekretär, bevor er 2012 Botschafter in Brüssel wurde. Hier beschäftigen ihn nun nicht allein die Reibereien zwischen der Schweiz und der EU, sondern auch die EU-interne Krise. «Selbst wenn die Mitgliedstaaten unglaublich Mühe haben, gemeinsame Lösungen zu finden: Es gibt keine Alternative zur EU.»

«Ein ganz schwieriger Job»

Ist er der Richtige, um in Brüssel die Forderungen einer SVP-Volksinitiative zu vertreten? Balzaretti macht kein Geheimnis aus der Tatsache, dass er die Initiative abgelehnt hat – gemäss der Parole von Bundesrat und Parlament, wie er betont. Die Initiative sei «nicht die richtige Antwort zur Steuerung der Migration. Aber das Volk hat abgestimmt, und ich habe überhaupt keine Mühe damit, diese Entscheidung zu vertreten», antwortet Balzaretti. Politiker nehmen ihm das nur bedingt ab. «Er hat einen ganz schwierigen Job, weil er etwas vertreten muss, von dem er nicht überzeugt scheint», sagt CVP-Nationalrätin Kathy Riklin, Vorsitzende der EU-Delegation der Bundesversammlung. Schwierig ist Balzarettis Job aber auch, weil das Berner Personal, mit dem er zusammenarbeitet, ständig wechselt. Kürzlich kündigte der Bundesrat etwa an, einen neuen EU-Verhandlungskoordinator zu bestellen. Balzaretti komme dafür nicht in Frage, heisst es im Bundeshaus.

Ausgleich beim Taekwondo

Den Ausgleich zur Arbeit schafft der Diplomat, indem er frühmorgens mit seinen Hunden durch den Wald unweit seiner Residenz im schicken Brüsseler Stadtteil Ixelles läuft – oder beim Taekwondo, einer koreanischen Kampfsportart, in der Balzaretti auch schon mal Holzplatten mit Händen und Füssen zertrümmert. Dort lerne er viele wichtige Eigenschaften wie Durchhaltefähigkeit, Selbstkontrolle und Respekt für andere, sagt Balzaretti: «Aber die Wichtigste ist ein rebellischer Geist.»