«Dieses pauschale Überforderungsargument»

Besser unterstützen statt gleich das Fach abschaffen: Die Freiburger Bildungsdirektorin (CVP) und Präsidentin der Schweizerischen Erziehungsdirektoren-Konferenz (EDK), Isabelle Chassot, äussert sich kritisch zu den Forderungen, Schüler vom Französisch zu dispensieren.

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Isabelle Chassot Präsidentin der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren. (Bild: Quelle)

Isabelle Chassot Präsidentin der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren. (Bild: Quelle)

Frau Chassot, immer mehr Deutschschweizer Lehrer und Politiker kritisieren, dass zwei Fremdsprachen auf der Primaschulstufe die Kinder überfordern. Französisch soll auf die Oberstufe verschoben werden. Was sagen Sie zu diesem Trend?

Isabelle Chassot: Zunächst einmal: Dieses pauschale Überforderungsargument darf man so nicht gelten lassen. Mit einem altersangepassten Unterricht in zwei Fremdsprachen ab der Primarschule sind Kinder nicht überfordert. Das bestätigen auch neuere Untersuchungen in Kantonen, die bereits diesen Fremdsprachenunterricht kennen. Wie in anderen Fächern auch, kann es hingegen überforderte Kinder geben. Wie in anderen Fächern auch ist dem zunächst einmal mit Unterstützung zu begegnen, nicht mit einer Abschaffung des Faches. Dann ein weiterer Punkt: Vielleicht erinnert man sich noch daran, dass vor wenigen Jahren in vier Kantonen der Deutschschweiz kantonale Volksinitiativen «Gegen zwei Fremdsprachen in der Primarschule» allesamt abgelehnt worden sind. Und schliesslich ist es für mich in einem mehrsprachigen Land völlig ausgeschlossen, dass die Schülerinnen und Schüler Englisch ab Primarschule lernen und erst ab der Oberstufe die Landessprache Französisch.

Eine andere wiederkehrende Forderung lautet, lernschwache Realschüler am Ende der Schulzeit vom Französischunterricht zu dispensieren.

Chassot: Ich bin entschieden gegen eine generelle Dispens, die dem HarmoS-Konkordat und dem Lehrplan 21 zuwider laufen würde. Individuelle Dispensen gewähren wir auch im Kanton Freiburg, aber nicht in einer Landessprache. Im übrigen verstehe ich nicht, warum immer gleich auf das Französische gezielt wird. Das ist für uns als sprachliche Minderheit verletzend. Mich stört das.

Die Lehrer argumentieren, diese Schüler brauchten kein Französisch im Berufsleben.

Chassot: Das stimmt doch nicht. In mehr als der Hälfte der Berufe werden Kenntnisse in einer Landessprache verlangt, etwa im Verkauf, im Empfang, im Tourismus. Ohnehin ist das Argument kurzsichtig: Unser heutiges Bildungssystem ist durchlässig, und davon sollen die Schüler Gebrauch machen können. Lehrer und Eltern müssen den Schülern bewusst machen, dass Französisch wichtig ist für ihre Zukunft, schliesslich geht es auch um den Zusammenhalt in unserem Land.

Schülern, die mit der französischen Sprache kämpfen, ist der Zusammenhalt im Land vermutlich ziemlich egal.

Chassot: Vielleicht ist er ihnen weniger egal, wenn sie einmal einen Schüleraustausch machen und merken, dass die Kollegen in der Partnersprache die gleiche Musik hören wie sie. Oder wenn sie im Sommer ein paar Wochen in einer anderen Region verbringen und feststellen, dass sie sich in der Partnersprache durchaus verständigen können. Sicher ist es ihnen weniger egal, wenn sie merken, dass das Französische für ihre Berufswahl nötig ist.

Vielleicht würde es helfen, Austauschprogramme für obligatorisch zu erklären?

Chassot: Ich denke, das ist wenig realistisch, man denke nur schon an die verschiedenen Schülerzahlen in den Sprachregionen. Wir haben noch nicht einmal die gleichen Lehrpläne. Aber das Angebot der ch-Stiftung besteht; dieses soll genutzt werden, und es wird auch genutzt.

Sogar der oberste Schweizer Lehrer, Beat W. Zemp, spricht von einem Dilemma. Einerseits sollen die Lernziele gemäss HarmoS erfüllt werden, andererseits steht das Wohl lernschwacher Schüler auf dem Spiel.

Chassot: Ich will dieses Dilemma nicht schönreden. Es gibt Einzelfälle, wo eine Dispensation begründbar und sinnvoll ist. Aber generelle Dispensationen sind nicht die Lösung. Noch einmal: Warum immer gleich Französisch? Die Schüler haben ja nicht alle Lernschwächen im gleichen Fachbereich.

Hand aufs Herz: Bei den Westschweizer Schülern ist Deutsch als Unterrichtsfach auch nicht sehr beliebt. Oder wie sehen Sie das?

Chassot: Die Deutsch-Lehrmittel sind heute ganz anders. Sie setzen stärker auf Kommunikation. So haben die Schüler auch mehr Spass und Erfolg beim Lernen. Ein Politikum war der Deutschunterricht in der Westschweiz aber auch früher nicht. Für die Minderheit ist es selbstverständlich, die Sprache der Mehrheit zu lernen.

Interview: Denise Lachat