«Dieser Tag war das Highlight meines Lebens»: Wie Frauen für ihr Stimmrecht marschierten

Vor 50 Jahren, am 1. März 1969, setzen sich Tausende Frauen mit dem Marsch auf Bern für Gleichberechtigung ein. Dies nachhaltig erfolgreich. An der Spitze steht eine Frau, die vielfältig zur Pionierin wird.

Arno Renggli
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Emilie Lieberherr (Zweite von rechts) führt am 1. März 1969 den Demonstrationszug zum Bundesplatz an. Links von ihr vorne ist ihre Lebenspartnerin Minnie Rutishauser. (Bild: Keystone)

Emilie Lieberherr (Zweite von rechts) führt am 1. März 1969 den Demonstrationszug zum Bundesplatz an. Links von ihr vorne ist ihre Lebenspartnerin Minnie Rutishauser. (Bild: Keystone)

Die Sonne bescheint den Bundesplatz am Nachmittag des 1. März 1969. Immer mehr Frauen und auch einige Männer versammeln sich. Zwei Buben tragen ein Schild: «Stimmrecht für unsere Mütter». Trillerpfeifen werden verkauft. Hinter der Absperrung zum Bundeshaus stehen Polizisten, auf der Terrasse schlauch­bewehrte Feuerwehrmänner. Um 15 Uhr ist der Platz so voll, dass es die Anwesenden selber kaum glauben können. Einige Frauen sagen später, sie hätten Freudentränen gehabt. Trommeln erklingen, dann besteigt eine Frau im roten Mantel das Podium: Emilie Lieberherr hält in die Mikrofone das, was sie später als «meine Brandrede» bezeichnet.

Diese Szenerie schildert auch Trudi von Fellenberg-Bitzi in ihrer neuen Biografie über Emilie Lieberherr, die gut acht Jahre nach deren Tod erscheint. Und natürlich nicht zufällig zum 50. Jahrestag des Marsches auf Bern. Denn die gebürtige Urnerin war hier die wohl wichtigste Protagonistin. Doch hören wir kurz rein in die «Brandrede» von damals, welche die damals 44-Jährige mit einer Prägnanz vortrug, die auch später ihr Markenzeichen sein sollte:

Emilie Lieberherr hält ihre legendäre Rede. (Bild: Keystone)

Emilie Lieberherr hält ihre legendäre Rede. (Bild: Keystone)

«Wir stehen hier nicht als Bittende, sondern als Fordernde. Wir fordern alle Bürger unseres Landes auf, zu bedenken, dass unsere Demokratie ohne die Mitwirkung der Frauen unvollkommen und einseitig ist. (...) Wir Schweizerinnen hier auf dem Bundesplatz fordern das volle Stimm- und Wahlrecht auf eidgenössischer und kantonaler Ebene. (...)»

Gleich doppeltes Pfeifkonzert für den Bundesrat

Am Ende ihrer Rede ruft Lieberherr die Menge auf: «Jetzt nehmt alle eure Trillerpfeifen heraus und pfeift den Bundesrat aus, der nichts für uns tut.» Das Konzert ist ohrenbetäubend. Dann verkündet Lieberherr, in einer Minute würde Bundespräsident Ludwig von Moos sie empfangen. Zusammen mit Mitstreiterin Selma Gessner, Autorin und Journalistin, schreitet sie ins Bundeshaus. Doch der Bundespräsident ist abwesend. Und auch alle anderen Bundesräte. Bundeskanzler Karl Huber empfängt die enttäuschten Frauen. Lieberherr kommt auf den Bundesplatz zurück und meldet: «Keiner der sieben Bundesräte hatte den Mut, uns zu empfangen.»

Natürlich bricht das Pfeifkonzert erneut los, untermalt von «Buh»- und «Pfui»-Rufen. Dann geht die Demo zu Ende. Emilie Lieberherr, vorher am ehesten als Präsidentin des Konsumentinnen-Forums bekannt, ist auf einen Schlag eine schweizweite Berühmtheit und sorgt sogar im Ausland für Schlagzeilen. «Dieser Tag war das Highlight meines Lebens», wird Lieberherr später sagen. Doch ist er für die Gleichberechtigung tatsächlich ein Erfolg?

Zwei Aspekte im Vorfeld des Marsches auf Bern muss man berücksichtigen: Eigentlicher Anlass für die Demo ist, dass der Bundesrat dem Parlament empfohlen hat, die Menschenrechtskonvention des Europarats zu unterzeichnen. Jedoch mit einem Vorbehalt, der das Wahlrecht für Frauen und das Recht auf gleiche Ausbildung für Mädchen betrifft. Hintergrund ist auch, dass die Schweiz zu diesem Zeitpunkt das Stimm- und Wahlrecht für Frauen noch nicht hat.

Die Schweizerinnen streiken wieder

Die Frauen gehen wieder auf die Strasse, lautstark und zahlreich. Nachdem es in den Nuller-Jahren ruhig geworden war um die Frauenbewegung, vermag sie nun wieder zu mobilisieren.
Barbara Inglin

Eine Forderung der Frauen lautet demnach, dass die Konvention erst unterzeichnet wird, wenn dieser Vorbehalt unnötig ist. Ein zweiter Aspekt ist, dass die Demonstration in Bern im Vorfeld in Frauenorganisationen stark umstritten war, wie auch Trudi von Fellenberg-Bitzi detailliert aufzeigt. Daher stand zu befürchten, dass die Demo durch eine geringe Beteiligung zum Flop würde. Doch mit schätzungsweise 5000 Frauen trifft genau das Gegenteil ein.

Sensation im Ständerat bringt den Bundesrat auf Kurs

Wirkung zeigt die Aktion auch: Zwar beschliesst der Nationalrat im Juni 1969 nach einer regelrechten Redeschlacht die Ratifizierung der Menschenrechtskonvention inklusive Vorbehalten. Doch sensationell schickt der Ständerat im Oktober mit 22 gegen 20 Stimmen die Unterzeichnung bachab. Der düpierte Bundesrat bringt im Dezember eine Vorlage zur Einführung des Frauenstimmrechts ins Parlament, im Herbst 1970 stimmt dieses zu, am 7. Februar 1971 nimmt das letztmals rein männliche eidgenössische Stimmvolk das Stimm- und Wahlrecht für Frauen mit 621109 Ja-Stimmen zu 323882 Nein-Stimmen an.

Für Emilie Lieberherr ist der Marsch auf Bern ein erster Höhepunkt ihrer politischen Karriere, der noch viele weitere folgen. Die Anliegen der Frauen bleibt dabei ein zentrales Thema ihres Engagements. Und immer wieder übernimmt sie die Rolle einer Pionierin.

Zuerst wird sie Zürichs erste Stadträtin. Lieberherr ist zwar weder in der SP noch hat sie grosse Lust, Politikerin zu werden. Aber sie lässt sich überzeugen, gerade mit frauenrechtlichen Argumenten. Und landet im März 1970 einen klaren Sieg. Trudi von Fellenberg-Bitzi geht ausführlich auf die folgenden Amtszeiten ein. Denn Lieberherr sollte bis 1994, 24 Jahre lang, Stadträtin bleiben.

Emilie Lieberherr am Wochenende der Stadtratswahlen im Zürcher Zoo. (Bild: PD)

Emilie Lieberherr am Wochenende der Stadtratswahlen im Zürcher Zoo. (Bild: PD)

Als Vorsteherin des Sozialamtes kriegt sie es mit schwierigen Themen zu tun: so etwa 1980, als die Jugendbewegung in Krawalle ausartet. Lieberherr muss sich in der Folge den Vorwurf gefallen lassen, sie habe zu wenig schnell und zu wenig offen den Dialog mit den Jugendlichen gesucht. Ebenfalls nationales Aufsehen erregt die offene Drogenszene, die sich Anfang der 1980er-Jahre zunehmend auf dem Platzspitz konzen­triert. Hier kennt Lieberherr buchstäblich keine Berührungsängste, pilgert vor Ort und setzt sich politisch für neue Wege im Umgang mit Drogensucht ein.

Die Premiere von «Sehr verehrte Dame»

Bereits davor hat Emilie Lieberherr auch die nationale Politik erobert. Am 22. Januar 1978 wird sie in einer Ersatzwahl für den in den Bundesrat eintretenden Fritz Honegger als erste Deutschschweizerin in den Ständerat gewählt. Am 27. Februar hält sie Einzug ins Bundeshaus, fast genau neun Jahre nach dem Marsch auf Bern, als ihr der Bundesrat eine Audienz verweigert hat. Erstmals verwendet der Ständeratspräsident die Anrede «Sehr verehrte Dame, sehr verehrte Herren.»

Die engagierte Ständerätin. (Bild: PD)

Die engagierte Ständerätin. (Bild: PD)

Auch als Ständerätin setzt Lieberherr Akzente, etwa in der Sozialpolitik, in Konsumentenfragen, in der Wirtschaftspolitik und natürlich zu Frauenfragen. Ein politischer Meilenstein ist für sie das Gleichstellungsgesetz, das am 14. Juni 1981 vom Stimmvolk angenommen wird. Auch engagiert sie sich für das neue Eherecht, das am 1. Januar 1988 in Kraft tritt.

Doch zu diesem Zeitpunkt ist Lieberherr nicht mehr im Ständerat. Wie eine Bombe eingeschlagen hat 1983 ihre Erklärung, auf eine Kandidatur für weitere vier Jahre zu verzichten. Spekulationen werden laut, die Doppelbelastung mit der Aufgabe als Zürcher Stadträtin sei zu gross gewesen. Sie selber nennt als Grund, dass die Zürcher SP sie ein Jahr zuvor nicht mehr für den Stadtrat aufgestellt habe. Wiedergewählt worden ist sie trotzdem, aber vor diesem Hintergrund mag sie nicht mehr im Ständerat sitzen.

Genüsslicher Plausch mit Filmstar Peter Fonda

Es ist ein Abgang, der zur streitbaren Politikerin passt. Als starke Persönlichkeit geht sie ihren eigenen Weg. Auch im Privatleben ist sie gewissermassen eine Pionierin. Seit Jahrzehnten lebt sie mit ihrer Jugendfreundin und Partnerin Minnie Rutishauser in einem alten Bauernhaus im Zürcher Dorf Wil, das die beiden 1970 erworben haben. Hier gibt sie im Kreise von Familie und Freunde grosse Partys.

Bei solchen Gelegenheiten habe sie richtig aufgedreht, schreibt ihre Biografin. Und etwa von ihrer Beziehung zur Hollywood-Familie Fonda erzählt. In jungen Jahren war sie von Henry Fonda als Hauslehrerin eingestellt worden und unterrichtete im kalifornischen Laguna Beach die Kinder Jane, Peter und Amy. Stars wie Marilyn Monroe gingen dort ein und aus. Lieberherr kokettiert gerne mit solchen Bekanntschaften. Etwa als «Easy Rider» Peter Fonda 1982 für den Love Ride in Zürich eine Pressekonferenz in Zürich gibt. Plötzlich taucht Lieberherr auf und schreit: «Hello Peter!». Und Fonda schreit zurück: «Hello Emilie!» Beide grinsen, und die Journalisten staunen.

Töffspass mit Filmstar Peter Fonda beim Love Ride 1982 in Zürich. (Bild: PD)

Töffspass mit Filmstar Peter Fonda beim Love Ride 1982 in Zürich. (Bild: PD)

Mit ihrer letzten Amtszeit als Zürcher Stadträtin endet 1994 die politische Karriere. Am 1. Juni ist sie nochmals auf dem Bundesplatz und kämpft an einer Demonstration lautstark gegen das AHV-Alter 64 für Frauen. Auch sonst äussert sie sich weiterhin politisch und ist auch in den Medien sehr präsent.

Rote Mäntel waren eines der Markenzeichen von Emilie Lieberherr. (Bild: PD)

Rote Mäntel waren eines der Markenzeichen von Emilie Lieberherr. (Bild: PD)

Doch allmählich muss sie dem Älterwerden Tribut zollen. Wenige Tage vor ihrem 85. Geburtstag verletzt sie sich bei einem Sturz. Zur Feier kommt sie dennoch – im Rollstuhl. Zusätzlich muss sie sich wegen eines Nierenleidens Dialysen und Spitalbehandlungen unterziehen.

Am 3. Januar 2011 stirbt sie im Spital Zollikerberg. Würdigungen aus allen politischen Lagern überbieten einander mit Superlativen. Und machen nochmals deutlich, was für eine aussergewöhnliche Politikerin und Persönlichkeit Emilie Lieberherr war. Der rote Mantel, den sie bei ihrem Auftritt am 1. März 1969 auf dem Bundesplatz getragen hat, ist ab 12. April 2019 in der Dauerausstellung «Geschichte Schweiz» im Nationalmuseum ausgestellt. Symbolisch für die Geschichte, die sie selber geschrieben hat.

Buchtipp: Trudi von Fellenberg-Bitzi: Emilie Lieberherr. NZZ Libro, 240 S., Fr. 38.-