Die Welt ist besser geworden - trotz allem

In einer Woche ist Weihnachten, in 14 Tagen Silvester. Zeit für einen Jahresrückblick. Unser Chefredaktor Stefan Schmid beleuchtet in seinem Leitartikel die schönen Dinge des Jahres. Er sagt: "2016 war in vielerlei Hinsicht ein gutes Jahr."

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Bundesrat Guy Parmelin (links) und Bundesrat Alain Berset lachen an der diesjährigen Herbstsession der Eidgenoessischen Räte. (Bild: Keystone)

Bundesrat Guy Parmelin (links) und Bundesrat Alain Berset lachen an der diesjährigen Herbstsession der Eidgenoessischen Räte. (Bild: Keystone)

In einer Woche ist Weihnachten, in 14 Tagen Silvester. Zeit für einen Jahresrückblick. Wer regelmässig Medien konsumiert, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, es komme immer schlimmer mit unserer Welt. Krieg, Populismus, Armut, Migrationsströme, Klimaerwärmung, alles geht den Bach runter. Der Eindruck ist nicht ganz falsch. Es gibt Entwicklungen, die uns Sorgen machen müssen. Doch für einmal soll es in diesem Leitartikel nicht ums Negative gehen, ums Bedrohliche, um das, was uns Angst macht. Darüber berichten die Medien genug. Auch wenn man es kaum glauben mag: Das Leben ist – in der Schweiz wie in vielen Regionen der Welt – besser geworden.

Beispiel Nummer eins:Die Schweizer Wirtschaft ist robust gewachsen. Trotz ominöser Frankenstärke legt das Bruttoinlandprodukt (BIP) voraussichtlich um 1,5 Prozent zu. Und es kommt noch besser: Die Auguren rechnen für nächstes Jahr gar mit 2 Prozent. Etwas bescheidener nimmt sich das Wachstum des BIP pro Kopf aus. Hier landet die Schweiz möglicherweise bei einer Null, nächstes Jahr voraussichtlich bei 0,5 Prozent. Immerhin. Es geht aufwärts.

Es gibt weitere Beispiele:Erfreulich tief ist die Erwerbslosenquote (nicht zu verwechseln mit der Arbeitslosenquote). Sie liegt bei knapp 5 Prozent. Zum Vergleich: In der Eurozone sind rund doppelt so viele Menschen ohne Arbeit. In Südeuropa gar vier- oder fünfmal so viele. Die tiefe Arbeitslosigkeit ist das eine, die hohe Erwerbsquote das andere. Momentan beträgt diese rund 84 Prozent. Das heisst, hierzulande sind besonders viele Menschen in den Arbeitsprozess integriert – eine Folge des flexiblen Arbeitsmarktes und der ausgezeichneten Berufsbildung.

Auch ohne Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative verlangsamt sich die Zuwanderung in die Schweiz deutlich. Das dürfte all jene freuen, die im Februar 2014 der Initiative für eine eigenständige Steuerung der Migration zugestimmt haben. Von Januar bis Oktober sind rund 52 000 Personen in die Schweiz eingewandert. Das sind 17 Prozent weniger als im Jahr zuvor.

Doch beenden wir die eidgenössische Nabelschau: Auch der globalen Lichtblicke sind viele: Die Lebenserwartung ist in fast allen Ländern, insbesondere aber im armen Süden, deutlich gestiegen. Die Gesundheitssysteme sind durchs Band besser geworden, die Ernährung ausgewogener. Laut Vereinten Nationen ist die Zahl der jährlichen Todesfälle von Kleinkindern von 12,7 Millionen im Jahr 1990 auf knapp 6 Millionen im Jahr 2015 gesunken. Die Zahl der Hungernden ist seit 1990 um 216 Millionen zurückgegangen. Immer mehr Menschen können lesen und schreiben – eine zentrale Voraussetzung für die Teilnahme am Erwerbsleben. Und die neue globale Mittelschicht ist so gross wie noch nie.

Der Staat ist unfähig, die Politiker sind korrupt, Versager, Nichtskönner. «Immerschlimmerismus» nennt der deutsche Zukunftsforscher Matthias Horx den elitären Pessimismus, der sich daran ergötzt, nicht mehr an die Zukunft zu glauben. Die Schilderung der Wirklichkeit als gigantisches Versagen. Sie legt den Boden für linke und rechte Populisten. Für politische Brandstifter, die davon profitieren, dass alle Angst haben und sich misstrauen. «In die anschwellende Gewissheit, dass die Welt ein Pfuhl von Unsicherheit und Ungerechtigkeit ist, treten nun die neuen Rechten mit höhnisch einfachen Botschaften, die sie geschickt mit den Mitteln des Internets verstärken», schreibt Horx in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung».

Bleiben wir also bei den Fakten: 2016 war in vielerlei Hinsicht ein gutes Jahr. Der Schweizer Mittelstand ist stabil geblieben, vielen Menschen auf der Welt geht es so gut wie noch nie. Wenn das kein Grund zum Feiern ist.

Stefan Schmid
stefan.schmid@tagblatt.ch