Die Wahl von Vincent Ducrot steht auch für die Macht des Kantons Freiburg

SP-Präsident Christian Levrat, Post-Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller und nun der neue SBB-Chef Vincent Ducrot: Immer wieder besetzen Freiburger wichtige Schaltstellen auf Bundesebene. 

Tobias Bär
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Der neue SBB-CEO Vincent Ducrot bei seiner Vorstellung gestern in Bern.

Der neue SBB-CEO Vincent Ducrot bei seiner Vorstellung gestern in Bern.

Anthony Anex, KEYSTONE

Geht es um die Einwohnerzahl, liegt Freiburg mit 320 000 Personen lediglich auf Rang zehn, wobei der Kanton in den vergangenen Jahren so stark gewachsen ist wie sonst keiner. Beim Bruttoinlandprodukt pro Person landet Freiburg auf dem viertletzten Platz, vor Appenzell Ausserrhoden, dem Wallis und Uri.

Obenaus schwingt der Kanton dafür bei der Landwirtschaft, nirgendwo sonst bewirtschaften die Bauern einen grösseren Teil der Kantonsfläche. Spitze ist Freiburg aber auch noch in einer anderen, schwer messbaren Kategorie: Der katholisch geprägte Kanton stellt überdurchschnittlich viele Entscheidungsträger auf nationaler Ebene.

Der neue SBB-Chef Vincent Ducrot ist dafür nur das jüngste Beispiel. Der andere grosse bundesnahe Betrieb, die Post, wird von Urs Schwaller geleitet. Für die CVP politisierte der heutige Verwaltungsratspräsident zwölf Jahre im Ständerat, neun davon als Fraktionschef.

Der Freiburger Christian Levrat ist seit 2008 Präsident der SP Schweiz. Levrat bezeichnete die Ernennung von Ducrot zum neuen starken Mann bei der SBB auf Twitter als «intelligent» und «exzellente Neuigkeit, nicht nur aus Freiburger Optik».

Zweisprachigkeit als Erfolgsfaktor

Für die landwirtschaftliche Prägung des Kantons steht FDP-Nationalrat Jacques Bourgeois, der seit 17 Jahren als Direktor des Bauernverbandes amtet. Mit dem Gewerbeverband wird eine weitere wichtige Organisation massgeblich von einem Freiburger gesteuert, nämlich von SVP-Nationalrat Jean-François Rime.

Levrat, Bourgeois und Rime eint, dass alle ihre Führungsfunktion im kommenden Jahr abgeben. Die Freiburger Macht schrumpft also. Aber da wäre auch noch Isabelle Chassot, seit sechs Jahren Direktorin des Bundesamtes für Kultur.

Für die Freiburger SP-Nationalrätin Ursula Schneider Schüttel ist der Umstand, dass die Sprachgrenze durch den Kanton verläuft, ein zentraler Erfolgsfaktor:

«Wer in Freiburg etwas erreichen will, der sollte zweisprachig sein. Das hilft dann auch auf Bundesebene.»

Bestes Beispiel ist Urs Schwaller: Er gehört zu jenem knappen Drittel der Kantonsbevölkerung, dessen Hauptsprache Deutsch ist, er spricht aber auch perfekt französisch.

Die Freiburger orientieren sich sowohl in Richtung Genfersee als auch in Richtung Deutschschweiz. Mit dem Zug legt man die Strecke zwischen dem Hauptort Freiburg und Bern in 21 Minuten zurück. Entsprechend sind die Freiburgerinnen und Freiburger auch in der Bundesverwaltung «sehr stark vertreten», wie die Freiburger CVP-Nationalrätin Christine Bulliard-Marbach sagt. Sie kennt Vincent Ducrot aus dem Vorstand des Freiburger Tourismusverbandes.

Nicht übervertreten waren die Freiburger bisher im Bundesrat, auch wenn der Kanton dort zuletzt sehr präsent war. Von 1999 bis 2006 sass CVP-Politiker Joseph Deiss in der Regierung. 2011 wurde der in Belfaux wohnhafte Sozialdemokrat Alain Berset gewählt, der immer noch im Amt ist.

Insgesamt wurden vier Magistraten aus Freiburg in die Landesregierung gewählt. Das entspricht ziemlich genau dem Anspruch, den der Kanton aufgrund seiner Einwohnerzahl geltend machen kann.

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