«Die Wahl Trumps ist eine schlechte Nachricht für die Schweiz»

Aymo Brunetti, Professor für Wirtschaftspolitik äussert sich im Interview zur Wahl des neuen US-Präsidenten. Er sieht in dieser Wahl Parallelen zu Brexit.

Eva Novak, Balz Bruppacher
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Aymo Brunetti (53) Professor für Wirtschaftspolitik (Bild: KEY)

Aymo Brunetti (53) Professor für Wirtschaftspolitik (Bild: KEY)

Aymo Brunetti, ist die Wahl von Donald Trump ein historischer Einschnitt oder bloss ein Paukenschlag, der verhallen wird?

Auffallend ist, dass mehrere überraschende Entscheide gefallen sind, die mit der Globalisierung und der internationalen Arbeitsteilung zu tun haben. Beim Brexit, bei der Wahl von Donald Trump wie auch im Vorfeld von Wahlen in Europa spielt die Migration eine grosse Rolle. Da kommt ein Unbehagen zum Ausdruck.

Wie soll man darauf reagieren?

Es ist schwierig, eine Antwort zu finden, die nicht zu einer Abschottung gegen die Migration führt. Es wird aber auch schwierig sein, die Personenfreizügigkeit aufrechtzuerhalten, wie wir sie bisher in Europa kannten. Das ist auch für die Schweiz eine sehr relevante Frage.

Sie würden also auch die Annahme der Masseneinwanderungs-Initiative zu den Entscheiden zählen, die Ausdruck des Unbehagens sind, das zum Brexit und jetzt zur Wahl Trumps führte?

Es geht um eine Kombination von Migration und der Flüchtlingsfrage, die überall diffuse Ängste auslöst. Das Gefühl, überrannt zu werden und Wohlstandseinbussen zu erleiden, ist von Trump gezielt bewirtschaftet worden. Aus einer ähnlichen Grundstimmung heraus erfolgte wohl auch das Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative.

Aymo Brunetti (53) Professor für Wirtschaftspolitik (Bild: KEY)

Aymo Brunetti (53) Professor für Wirtschaftspolitik (Bild: KEY)

Zurück zu Trump: Die Finanzmärkte scheinen von den Katastrophenszenarien kaum beeindruckt.

Es gibt Parallelen zum Brexit. Auch für den Fall eines Austritts der Briten aus der EU wurden heftige Reaktionen vorausgesagt. Damals wie jetzt kam es aber nur zu einem kurzfristigen Kursrutsch. Weder der Brexit noch die Wahl Trumps sind mit dem Schock einer Finanzkrise zu vergleichen, die unmittelbare Turbulenzen auslöst. Beide Ereignisse haben vielmehr das Potenzial von massiven strukturellen Verwerfungen. Solche längerfristigen Effekte sind problematischer als ein kurzfristiger Einbruch.

Die Reaktion der Finanzmärkte ist also trügerisch?

Genau. Man scheint schon beruhigt zu sein, dass die Sonne am Tag danach wieder aufgegangen ist.

Was erwarten Sie von der amerikanischen Wirtschaftspolitik?

Das grösste Problem ist die Unsicherheit, wobei die geopolitischen Risiken noch schwerer wiegen als die wirtschaftlichen. Die Unsicherheit ist nicht nur deshalb gross, weil Trump sehr sprunghaft ist. Sondern auch, weil er im Wahlkampf Dinge gesagt hat, die teilweise derart extrem sind, dass er sie hoffentlich nicht umsetzen wird. Und weil er sich bisher anders als frühere US-Präsidenten mit Leuten umgeben hat, deren Position nicht bekannt ist.

Wozu kann das führen?

Am wahrscheinlichsten ist, dass Trump ein grosses Infrastrukturprogramm lancieren wird. Das könnte kurzfristig einen Boom auslösen. Es ist aber mit hohen Kosten und negativen Folgen für die ohnehin hohe Staatsverschuldung verbunden. Wenn behauptet wird, die Kosten liessen sich durch den positiven Effekt von Steuersenkungen wieder hereinholen, geht das in Richtung Voodoo-Ökonomie.

Werden die USA nun Strafzölle gegen China verhängen und dem Freihandel eine Absage erteilen?

Wenn Trump seine Aussagen zur Handelspolitik nur halbwegs umsetzt, wäre das ein schwerer Schlag für die internationale Arbeitsteilung, verbunden mit dem Risiko von Vergeltungsmassnahmen. Das ginge dann schnell in Richtung eines Handelskriegs. Dieser wäre mit Nachteilen verbunden, die die Amerikaner selber zu spüren bekommen. Statt bestehende Handelsverträge aufzulösen, wird Trump deshalb wohl eher laufende Verhandlungen auf Eis legen.

Wird das transatlantische Handelsabkommen TTIP scheitern?

Ich kann mir schwer vorstellen, dass diese Verhandlungen zu einem erfolgreichen Abschluss führen, zumal es auch Widerstände in Europa gibt.

Was passiert mit der US-Geldpolitik, nachdem Zinserhöhungen trotz Wirtschaftsaufschwung wiederholt verschoben wurden?

Hier geht es um eine zentrale Frage. Denn ohne Zinserhöhung in den USA sind der Europäischen Zentralbank und auch der Schweiz die Hände gebunden. Wegen der langfristigen Inflationsgefahr wäre es extrem wichtig, dass der Ausstieg aus der ultraexpansiven Geldpolitik jetzt eingeleitet wird. Ich bin auch nach der Wahl von Trump relativ zuversichtlich, dass die US-Notenbank den Leitzins im Dezember nun weiter erhöhen wird. Denn die US-Wirtschaft ist gut ausgelastet, und die Aussichten auf ein Infrastrukturprogramm könnten den Druck auf die Geldpolitik weiter lindern.

Was heisst die Wahl von Trump für die Schweiz?

Ganz allgemein gesehen ist das keine gute Nachricht für die Schweiz. Die geopolitischen Risiken treffen alle. In der Wirtschaftspolitik geht es eher in Richtung Protektionismus als in Richtung Freihandel; das ist eine schlechte Aussicht. Ein Handelskrieg würden den Marktzugang für die Schweiz überall schwieriger machen. Die Schweiz ist nicht zuletzt deshalb so reich, weil sie in den letzten Jahrzehnten auf der Freihandelswelle mitreiten konnte und weil sie mit der EU einen Weg gefunden hat, den Marktzugang offen zu halten.

Der Franken ist wieder stärker geworden. Was soll die Nationalbank tun?

Sie ist in einer schwierigen Situation. In den letzten Monaten war die Lage relativ ruhig, weil keine neuen Schocks aus dem Euroraum kamen. Dennoch blieb der Franken hart. Mit der Wahl von Trump kommt jetzt eine Nachricht hinzu, die die Unsicherheit global befeuert. Und bereits wird der Franken zum Euro wieder stärker.

Was kann die Nationalbank dagegen unternehmen?

Viele Alternativen zu direkten Interventionen auf den Devisenmärkten hat die Nationalbank nicht. Die Negativzinsen werden zunehmend kritisiert. Eine weitere Senkung würde wohl erst ins Auge gefasst, wenn die Europäische Zentralbank ihren Leitzins nochmals reduzieren würde.

Was soll die Wirtschaftspolitik tun?

Wir müssen die Wirtschaftspolitik nicht anpassen. Hektik wäre fehl am Platz.

Unterstützer von Trump nach der Wahl in New York. (Bild: ALBA VIGARAY (EPA))

Unterstützer von Trump nach der Wahl in New York. (Bild: ALBA VIGARAY (EPA))