«Die Waffe ist dort, wo die Macht ist»

Verteidigungsminister Ueli Maurer ist der Meinung, in der Schweiz seien die Bürger der Souverän - nicht die Regierung oder das Parlament. Auch deshalb solle der Bürger die Armeewaffe zu Hause aufbewahren. Denn die Waffe stehe dort am richtigen Ort, wo die Macht sei.

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Herr Bundesrat, Sie haben Ihre Dienstwaffe schon lange abgegeben. Haben Sie es jemals bereut?

Ueli Maurer: Nein, aber ich tendiere dazu, wieder ein Sturmgewehr zu kaufen. Ich schiesse wieder mehr, seit ich im VBS bin. 300-Meter-Schiessen ist ein schöner Sport. Wenn man jedesmal ein fremdes Gewehr fasst, geht das aber nicht so gut.

Treffen Sie besser, seit Sie Militärminister sind?

Maurer: Mit dem Alter wird man etwas ruhiger. Darum erziele ich bessere Resultate als früher. Ich war im Dienst kein guter Schütze. Schiessen ist Talentsache. Ich bin eher ein Ausdauer- als ein Präzisionssportler.

Ihre Frau hatte Ihnen aus Sicherheitsgründen von der Abgabe Ihrer Armeewaffe abgeraten. Leben denn hier all jene, die keine Waffen haben, unsicher?

Maurer: Nein. Aber leider ist die Meinung, die Waffe sei eine Gefahr, weit verbreitet.

Dabei erleben die meisten Menschen, die ich kenne, die Waffe als Schutz. Das war in unserem Land immer so. Im Gegensatz zu den USA wird die persönliche Waffe bei uns stets als Mittel für den Schutz des Landes angesehen. In den USA hat sie den Charakter der persönlichen Verteidigung. In den Südstaaten liegt sie auf dem Beifahrersitz.

Die «Weltwoche» nennt die Initiative «eine der hinterhältigsten politischen Aktionen» der letzten Jahre. Teilen Sie diese Auffassung?

Maurer: Das Wort hinterhältig hat etwas mit unlauteren Absichten zu tun. So weit will ich nicht gehen. Aber die Initiative ist gefährlich: Sie würde die Beziehung zwischen Bürger und Staat verändern. In der Schweiz basiert diese Beziehung auf Vertrauen – nicht nur bei der Heimabgabe der Armeewaffe, sondern auch bei der Steuererklärung. Die Initiative stellt nun das Misstrauen in den Vordergrund. Kein gutes Signal.

Braucht es ein Gewehr im Schrank, damit der Staat den Bürgern das Vertrauen aussprechen kann?

Maurer: Die Waffe ist dort, wo die Macht ist. Bei uns ist der Bürger der Souverän und nicht die Regierung oder das Parlament. Auch darum soll der Bürger die Armeewaffe zu Hause aufbewahren.

Seit drei Jahren erhalten die Soldaten keine Taschenmunition. Sie werden überprüft, ehe sie eine Armeewaffe erhalten. Der Vertrauensentzug gegenüber dem Soldaten hat schon längst stattgefunden.

Maurer: Die Munition ist im Gegensatz zur Waffe etwas Unpersönliches. Sie hätte dem Soldaten im Ernstfall dazu gedient, sich zum Mobilmachungsplatz durchzukämpfen. Aufgrund der veränderten Bedrohungslage kann man guten Gewissens darauf verzichten. Und mit der Sicherheitsprüfung nimmt der Staat das Anliegen der Initianten bereits auf, nämlich den Missbrauch zu verhindern.

Die Gegner der Initiative sprechen vom Anfang vom Ende der Schweizer Armee, wenn das Sturmgewehr nicht mehr zu Hause steht. Ist das nicht masslos übertrieben?

Maurer: Sie dürfen die Bedeutung eines Ja nicht unterschätzen. Der Staat erwartet vom Soldaten, dass er im Ernstfall sein Leben gibt. Wenn der gleiche Staat das Leben von mir fordert, mir aber nicht vertraut, dass ich die Waffe zu Hause sicher aufbewahren kann, dann stimmt etwas nicht.

«Frauen kennen die Waffe nicht»: Mit dieser Aussage haben Sie die halbe Bevölkerung gegen sich aufgebracht. Immer noch der Meinung?

Maurer: Ich habe gesagt: Wenn man etwas nicht kennt, hat man mehr Angst, als wenn man etwas kennt. Das ist beim Ticket-Lösen am automatischen Billettschalter, beim Autofahren oder bei der Armeewaffe dasselbe. Wer eine Waffe kennt, sieht sofort, ob sie geladen ist oder nicht – und kann die Gefahr darum abschätzen. Das Problem ist: Fast alle Medien sind für die Initiative.

Sie versuchen alles aufzubauschen, was diese Initiative unterstützt.

Was sagen Sie einer Frau, die von ihrem Mann mit der Armeewaffe bedroht wurde?

Maurer: Fühlen sich Frauen bedroht, können sie sich bei der Polizei melden. Wir haben alle Massnahmen getroffen, damit das nicht mehr passiert. Ein Vorbestrafter erhält keine Armeewaffe mehr. Die Kader prüfen die Soldaten. Armeeangehörige können die Waffe freiwillig abgeben. Die Initiative ist darum unnötig.

Sie können mit den heutigen Regelungen garantieren, dass keine häusliche Gewalt mit der Armeewaffe ausgeübt wird?

Maurer: Eine Garantie gibt es nicht – auch nicht mit der Initiative. Im Einzelfall kann es ein Problem sein. Aber der Gesetzgeber kann nicht jeden Einzelfall lösen – in keinem Bereich. Heute quittieren viele Männer den Dienst bevor sie 30 Jahre alt sind. Die meisten von ihnen sind dann noch nicht verheiratet. Von daher stellt sich das Problem immer weniger.

Es ist nicht fair, wenn man die ganze häusliche Gewalt mit der Armeewaffe in Verbindung bringt.

Jedes Velo wird registriert, nur die Waffe nicht. Fürs Autofahren und braucht's einen Schein, nur für die Waffe nicht. Ist das richtig?

Maurer: Wer heute eine Waffe kauft, wird registriert. Nicht registriert sind die Waffen, die früher erworben wurden.

Eine Nachregistrierung, wie die Initiative verlangt, lässt sich kaum oder nur mit massivem administrativen Aufwand machen: Ein Waffenregister schafft nicht mehr Sicherheit. Wer eine Waffe will, wird immer eine finden. Gefährlich sind die illegalen Waffen.

Interview: Eva Novak/

Jürg Ackermann

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