Die USA entwickeln die Luftwaffe der Zukunft – was das für Europa und die Schweiz bedeutet

Kauft die Schweiz ein amerikanisches Kampfflugzeug, wird sie stark in die US-Luftwaffe integriert. Bei einem europäischen Jet wären die Abhängigkeiten kleiner. Aber nur ein bisschen.

Stefan Schmid
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Wie weiter mit der Nato? Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, US-Präsident Donald Trump und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel nehmen an einem Nato-Treffen in Grossbritannien teil.

Wie weiter mit der Nato? Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, US-Präsident Donald Trump und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel nehmen an einem Nato-Treffen in Grossbritannien teil.

Bild: Francisco Seco/Keystone (Watford, 4.12.2019)

Nicht nur die Schweiz hängt technologisch am Tropf der USA. Auch die europäischen Nato-Mitglieder sind – insbesondere was deren Fähigkeit zum Luftkampf angeht – entscheidend von den USA abhängig. Dies zeigt eine im Dezember 2019 erschienene Untersuchung des renommierten britischen Militärwissenschaftlers Justin Bronk.

Die USA haben in der Luft eine grössere Schlagkraft als alle anderen 29 Nato-Staaten zusammen. Ob Luftbetankung, Aufklärungsflugzeuge oder Datenvernetzung, ohne US-Unterstützung können alle Nato-Staaten - mit Ausnahme von Frankreich und Grossbritannien, die über eigene Aufklärungsflugzeuge verfügen - keine umfassende Luftoperationen durchführen, schreibt Bronk in seinem Buch zur Zukunft der Nato-Luftwaffen. Und: Der Graben zwischen europäischen und amerikanischen Kapazitäten werde angesichts der Milliardeninvestitionen in die Vernetzung hochkomplexer Systeme, welche Washington tätige, laufend grösser.

In Sachen Kampfjets setzen die USA auf den F-35, den auch die Schweiz im aktuellen Evaluationsverfahren prüft. In der Nato haben Grossbritannien, Italien, Niederlande, Norwegen, Belgien, Dänemark, Polen und die Türkei ebenfalls F-35 bestellt, der «am meisten entwickelte Kampfjet der Welt». Die F-35 sind untereinander über den Datalink MADL (Multifunction advances datalink) verbunden. Die Interoperabilität der Nato-Streitkräfte nimmt mit der Verbreitung des F-35 zu.

Bestrebungen, auch die europäische Luftverteidigung zu modernisieren, unternehmen sowohl ein britisch-italienisches als auch ein deutsch-französisches Konsortium. Beiden Programmen gemein ist indes die Tatsache, dass die Interoperabilität mit US-Systemen weiterhin zentral sein wird, schreibt Bronk. Für kleinere europäische Nato-Staaten wie Belgien, Niederlande, aber auch die neutralen Schweden oder Finnland sei es angesichts steigender Kosten zunehmend schwierig, genügend eigene Luftstreitkräfte zu finanzieren. Selbst die Niederlande, die 46 F-35-Jets kaufen wollen, können sich höchstens mit einer Handvoll Flugzeugen an internationalen Operationen beteiligen. Auch Schweden, schreibt Bronk, das mit dem Gripen ein eigenes Kampfflugzeug produziert, sehe sich gezwungen, mittelfristig mit einem stärkeren Partner – etwa den Briten – zusammenzuarbeiten.

Unabhängig davon, welches Flugzeug die kleineren europäischen Nationen also beschaffen: Die Abhängigkeit von den USA bleibt.

Nur diese sind dank ihren Awaks- oder AAR-Flugzeugen in der Lage, jederzeit feindliche Ziele zu erkennen und Informationen zu beschaffen.

Die USA arbeiten mit Hochdruck am ABMS (Advanced Battle Management System). Bei diesem Jahrhundertprojekt geht es darum, die US-Luftstreitkräfte digital zu vernetzen und die Waffensysteme zu automatisieren – unter Einbezug des Weltalls. Die Europäer müssen sich bald entscheiden, ob sie hier mitmachen wollen – und sich damit stark in US-Abhängigkeit begeben. Oder ob sie an eigenen Netzwerken arbeiten. Ohne diese jedoch bleiben selbst leistungsfähige Kampfjetflotten weitgehend wirkungslos.