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Alice Honegger: Die umstrittene Vermittlerin

Beliebt bei den einen, kritisiert von den anderen: Alice Honegger gilt als Schlüsselfigur der Sri-Lanka Adoptionen in der Schweiz. Sie selbst beteuerte stets ihre Unschuld.
Annika Bangerter
Beteuerte stets ihre Unschuld: Die St. Galler Adoptivkind-Vermittlerin Alice Honegger. (Bild: SRF)

Beteuerte stets ihre Unschuld: Die St. Galler Adoptivkind-Vermittlerin Alice Honegger. (Bild: SRF)

Das Gespräch mit Alice Honegger sei «schockierend» gewesen: Es habe sich in erster Linie ums Geld gedreht. Mit diesen Worten beschwerte sich ein Elternpaar, das ein Kind adoptieren wollte, Ende 1981 beim Kanton St. Gallen. Es bat die Behörde, die Vermittlerin von Adoptivkindern aus Sri Lanka unter die Lupe zu nehmen. Sie waren nicht die Einzigen, die sich über Honeggers Vorgehen empörten.

Kritik ist das eine, das von Alice Honegger überliefert ist. Doch die Fürsorgerin war auch beliebt. Etwa bei jenen Paaren, die ein Kind aufzogen, das sie mit Hilfe von Honegger adoptiert hatten. Sie stuften deren Tätigkeiten als «durchwegs positiv» ein, wie das St. Galler Justiz- und Polizeidepartement aufgrund seiner Nachfragen feststellte. «Wir sind überzeugt, dass Frau Honegger nie etwas Illegales tun würde», teilte ein Paar dem Kanton mit. Das alles geht aus dem Bericht hervor, den die Historikerin Sabine Bitter verfasst hat.

Zu Beginn der 1980er-Jahre, als Adoptionen mitunter als karikative Handlung bewertet wurden, galt Honegger schweizweit als wichtigste Akteurin bei der Vermittlung von Kindern aus Sri Lanka. Der damalige Handlungsspielraum war gross, internationale Abkommen und Kontrollen gab es noch nicht. Das führte auch zu Missbrauch. Doch erst seit 2017 ist der Bund aufgrund eines parlamentarischen Vorstosses daran, die Schweizer Adoptionspraxis aufzuarbeiten. Denn auch hier aufgewachsene Adoptierte sind bei ihrer Herkunftssuche auf widersprüchliche und falsche Angaben in ihren Dokumenten gestossen.

Emanzipiert und umtriebig

Wie viel Alice Honegger über die Hintergründe der von ihr vermittelten Kinder wusste – oder wissen wollte – ist unklar. Belegt ist, dass sie regelmässig mit Schweizer Paaren nach Sri Lanka reiste. Doch wer war diese umtriebige Frau? Über Honeggers Kindheit oder Jugend ist in den Akten des St. Galler Staatsarchivs nichts zu finden, dokumentiert ist hingegen Honeggers berufliche Laufbahn. 1915 in Zürich geboren verlief diese auffallend emanzipiert. Begann sie doch als 18-Jährige als Büroangestellte in der Firma des Vaters zu arbeiten. Später erlangte sie an der Sozialen Frauenschule den Ausweis zur Fürsorgerin und reiste mit einem UNO-Stipendium nach Nordamerika. In den USA und in Kanada beschäftigte sie sich mit «Adoptiv- und Pflegekinderfragen». Zurück in der Schweiz gründete Honegger 1953 eine eigene Vermittlungsstelle für Pflege- und Adoptivkinder. Wie Historikerin Bitter aufzeigt, musste Honegger 1964 ihre Stelle verlassen. Dies, nachdem Klagen laut geworden waren, die Vermittlungen seien ohne behördliche Zustimmung erfolgt. Innerhalb ihrer eigenen Vermittlungsstelle wurde ihr vorgeworfen, Gelder abgezweigt und Kinder «verschachert» zu haben. Mangels Beweise stellte der Kanton die Untersuchungen jedoch wieder ein.

Davon unbeeindruckt eröffnete sie 1964 ihre eigene Institution: das Mütterheim «Haus Seewarte». Ledige Schwangere fanden dort Unterschlupf – und in der Fürsorgerin eine Adoptionsvermittlerin für ihre Babys. Was trieb Honegger an? Gegenüber der Zeitschrift «Femina», sagte sie: «Für jedes Kind gibt es irgendwo Eltern.» Der Artikel aus dem Jahr 1972 schildert sie als Wohltäterin, die sich selbstlos um Mütter und Kinder kümmert. Auch sie selber nahm zwei Pflegekinder auf. Ein anderes Licht wirft hingegen der Bericht von Sabine Bitter auf die damaligen Vorkommnisse. Zwei junge Frauen beschuldigten Honegger 1972, von ihr um Geld betrogen worden zu sein. Und eine Hebamme beschwerte sich über die «unhaltbaren bedenklichen Verhältnisse», in denen die Schwangeren lebten. Zudem würden Kinder «aus eigennützigen Gründen zur Adoption gelangen». Aufgrund dieser Vorwürfe leitete das Vormundschaftsamt eine Untersuchung ein – und kam zum Schluss: Bei Alice Honegger handle es sich um eine Person mit viel Idealismus. Dieser sei aber mit einer etwas undurchsichtigen Geschäftsführung verbunden. Die Fürsorgerin versprach, keine schwangeren Frauen mehr aufzunehmen, worauf die Behörde den Fall zu den Akten legten. Ihre Zusage hielt sie aber nicht ein. Historikerin Bitter sieht darin ein immer wieder kehrendes Verhaltensmuster: «Wenn ihre Praktiken beanstandet wurden, versprach sie, sich künftig anders zu verhalten, hielt sich aber nicht daran.»

1973 verschärfte die Schweiz die Bestimmungen zur Adoptionsvermittlung. Wer Kinder aus dem Ausland an Schweizer Adoptiveltern vermitteln wollte, brauchte eine Sonderbewilligung. Diese beantragte auch Alice Honegger. Mit ihrer Ausbildung und ihren Erfahrungen in der Fürsorge erfüllte sie die grundsätzlichen Anforderungen. Der St. Galler Amtsvormund empfahl sie als «richtige Wahl»; die Vormundschaftsbehörde von Jona riet hingegen von einer Bewilligung ab. Obwohl Honegger es verpasste, vorgeschriebene Dokumente wie einen Finanzplan oder Angaben zu den Tarifen einzureichen, bekam sie 1973 vom Kanton dennoch grünes Licht, um ausländische Kinder vermitteln zu dürfen. Jahr für Jahr aufs Neue. Dabei seien Honeggers Informationen über ihre Tätigkeiten «dürftig» gewesen; diese liessen «mit rechnerischen Tricks und sprachlichen Verschleierungen vieles in der Schwebe», schreibt Historikerin Sabine Bitter.

Ihr Nachfolger kündigte bereits nach der ersten Reise

Die ausgewiesenen Zahlen hätten die Behörden auf den Plan rufen müssen. So gab Honegger für das Jahr 1980 einen Gewinn von 60 000 Franken, und für das Folgejahr einen von 97 000 Franken an. Ob sich diese Beträge – wie vorgeschrieben – aus «mässigen Vergütungen» zusammensetzten, bleibt fraglich.

Anfang der 1980er-Jahre, wurden die fragwürdigen Adoptionen in Sri Lanka selbst zum Thema. Auch der Schweizer Botschafter, Claude Ochsenbein, warnte vor Geschäften mit Kindern. Alice Honegger geriet von verschiedenen Seiten unter Druck. In der Schweiz beschwerten sich potenzielle Adoptiveltern, dass ihre Vermittlung «reine Geschäftemacherei» sei. Und aus Colombo traf 1982 die Nachricht ein, dass Honeggers Vertrauensanwältin, Rukmani Thavanesan, zum korrupten Milieu gehöre. Der Kanton St. Gallen entzog Honegger daraufhin die Bewilligung und schaltete Interpol ein. In den Medien erhoben Ehepaare schwere Vorwürfe gegen sie. Honegger konterte empört: «Meine Kinder sind alle einwandfrei und legal.» Honegger dachte nicht daran, aufzugeben: Mehrfach beklagte sie sich beim Kanton, die Sperre gegen sie sei ungerechtfertigt.

Als der Interpol-Bericht sie entlastete, erhielt Honegger ihre Bewilligung zurück. Allerdings war sie im Rentenalter. Der Verein stellte daher als Nachfolger einen Sozialarbeiter ein: Pedro Sutter. Doch dieser kündigte bereits nach seiner ersten Reise nach Sri Lanka. Erstmals öffentlich berichtete er im Mai davon, in der SRF-Rundschau. Zu Honegger liess er sich nicht viel entlocken, ausser: Sie habe ihn darauf hingewiesen, «nicht zu kritisch zu sein». Etwa bezüglich den hohen Gebühren, die an srilankische Agentinnen flossen. Als Kinderhändlerin würde er sie nicht bezeichnen. Doch: «Sie ging von den Wünschen der Adoptiveltern aus. Und nicht vom Wohl des Kindes.» Nach seinem Ausscheiden übernahm Honegger erneut. Bis ins Jahr 1997, als sie als 82-Jährige verstarb.

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