Kommentar

Die tückische 16 – was die Grünliberalen mit dem LdU gemeinsam haben

Vor 30 Jahren löste sich der Landesring der Unabhängigen auf. Wie wird es der GLP ergehen?

Doris Kleck
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Doris Kleck

Doris Kleck

In anderen Jahren wäre das Ergebnis die grosse Erzählung der eidgenössischen Wahlen gewesen: Die Grünliberalen haben ihre Sitzzahl im Nationalrat mehr als verdoppelt – von sieben auf 16. Trotz dieses Zuwachses steht die GLP im Schatten der Grünen, die einen noch spektakuläreren Sieg verbucht hatten.

16 Nationalräte und Nationalrätinnen zählt nun die GLP-Fraktion. Allein sechs kommen aus dem Kanton Zürich. Die Zürcher schicken mehr Grünliberale nach Bern als Freisinnige. 16 Sitze: Die Zahl ist interessant und ein Mahnmal. Denn so viele Nationalräte stellte auch der Landesring der Unabhängigen (LdU) zu seiner Blütezeit. Das war 1967. Die Partei von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler klopfte in jenem Jahr selbstbewusst an die Tür des Bundesrates. Danach ging es jedoch bergab. Bei den eidgenössischen Wahlen 1995 lag der Wähleranteil noch bei 1,8 Prozent. «Das war ein Stich ins Herz», erinnerte sich die damalige LdU-Präsidentin Monika Weber diesen Frühling in den Tamedia-Zeitungen. Vier Jahre später, exakt vor 20 Jahren, löste sich dann der Landesring auf. Weshalb, kann Weber heute noch nicht mit letzter Gewissheit sagen. Die Allianz zur Migros wurde loser, die Persönlichkeiten fehlten, und es gab den unüberwindbaren Richtungsstreit zwischen dem ökologischen und dem liberalen Flügel.

Im Historischen Lexikon der Schweiz heisst es dazu, dass sich die Themen Umweltschutz, soziale Verantwortung und Liberalismus immer weniger unter einen Hut bringen liessen. Diese Erkenntnis erstaunt heute. Denn die Grünliberalen besetzen eine sehr ähnliche Nische. Und sie tun das sehr erfolgreich: Sie verbinden die Ökologie mit Marktwirtschaft und stehen für vernünftige Lösungen ein. Der konservative Publizist Markus Somm nannte in einer Analyse den LdU eine bemerkenswerte Kreuzung aus sozialen und neoliberalen Bürgerlichen mit einem grünen Touch zugleich: «In manchem wirkt der Landesring wie eine GLP avant la lettre.»

Bemerkenswert ist auch, dass die GLP dort stark ist, wo es der LdU war. Seine Nationalräte stammten im Spitzenjahr 1967 aus Zürich, Bern, Basel-Stadt, St. Gallen, Aargau und Genf. Die GLP-Nationalräte des Jahrgangs 2019 kommen aus genau diesen Kantonen und zudem aus der Waadt und Luzern. Die GLP besetzt jene Lücke, welche der LdU hinterlassen hat. Sie ist der Sehnsuchtsort des sozialliberalen Milieus, das sich eine starke Mitte wünscht; das die CVP aus konfessionellen Gründen aber nicht wählen kann und zudem auch gesellschaftlich progressiver eingestellt ist.
Die GLP kannte seit ihrer Gründung vor zwölf Jahren immer wieder Aufs und Abs. Im Gegensatz zur BDP besitzt sie aber Alleinstellungsmerkmale. Neben der liberalen Umweltpolitik ist sie auch die einzige Partei, die konsequent für ein Rahmenabkommen mit der EU einsteht.

Die GLP profitiert davon, dass in der FDP der linke Flügel marginalisiert worden ist. Die Auswertungen des Statistischen Amtes Zürichs zu den eidgenössichen Wahlen zeigen, dass die Grünliberalen vor allem auf Kosten der FDP zulegen konnten. Die SP hört es zwar nicht gerne, aber die GLP ist auch attraktiv für jene Sozialdemokraten, die sich eine konsequentere Europapolitik wünschen. Dass der LdU vor 20 Jahren zugrunde ging, hatte auch damit zu tun, dass Peter Bodenmann die SP zur Europapartei gemacht hatte und sich die Genossen schon fast als linksliberale Öffnungspartei präsentierten.

Ob sich die GLP halten kann oder gar noch wachsen wird, hängt stark davon ab, wie viel Platz ihr die SP rechts von sich und die FDP links von sich lässt. Inhaltlich haben sich die Freisinnigen etwa bei der Klimapolitik bereits in die Mitte bewegt.

Es deutet zwar wenig darauf hin, dass die GLP gefährdet ist. Doch die Nische ist nicht allzu gross. Das Wachstum birgt zudem auch Risiken. Gründungspräsident Martin Bäumle hat sie in Anspielung auf den Landesring so formuliert: Die GLP könnte in die Breite wachsen und die Uneinigkeit bei strittigen Themen zunehmen: «Würden wir plötzlich auf das Thema Migration setzen, könnte es uns zerreissen. Wir müssen Spaltthemen pragmatisch angehen.»

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