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Die Schweizerinnen streiken wieder

Die Frauen gehen wieder auf die Strasse, lautstark und zahlreich. Nachdem es in den Nuller-Jahren ruhig geworden war um die Frauenbewegung, vermag sie nun wieder zu mobilisieren.
Barbara Inglin
Auch in Luzern haben Frauen schon gestreikt. Hier 2011 am Frauenstreik- und Aktionstag auf dem Kapellplatz. Am 14. Juni dieses Jahres soll erneut gestreikt werden. (Bild: Maria Schmid, 14. Juni 2011)

Auch in Luzern haben Frauen schon gestreikt. Hier 2011 am Frauenstreik- und Aktionstag auf dem Kapellplatz. Am 14. Juni dieses Jahres soll erneut gestreikt werden. (Bild: Maria Schmid, 14. Juni 2011)

Über 10 000 Personen nahmen im März 2017 am ersten Women’s March durch die Zürcher Innenstadt Teil – vor dem Hintergrund des Amtsantritts des neuen US-Präsidenten Donald Trump, der mit frauenverachtenden Äusserungen von sich reden machte. 20 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer demonstrierten im September 2018 in Bern für Lohngleichheit und gegen Diskriminierung. Für den 14. Juni ist ein nationaler Frauenstreiktag angekündigt. Derzeit formieren sich die kantonalen Kollektive.

«In der Frauenbewegung ist ein neuer Schwung, ein neues Selbstbewusstsein festzustellen», sagt Geschichtsprofessorin Kristina Schulz von der Uni Neuenburg. Die neue Bewegung umfasse junge Frauen ebenso wie jene, die Anfang der 70er-Jahre die Frauenbefreiungsbewegung begründet haben. «Gemeinsam ist ihnen, dass sie nicht einsehen, warum sie weniger Lohn erhalten sollten oder mehr Gewalt erfahren, nur weil sie Frauen sind.» Befeuert wird die neue Bewegung durch Diskussionen in den sozialen Medien, allen voran der #MeToo-Debatte, mit welcher sexuelle Belästigungen und Übergriffe angeprangert werden.

Eine, die diesen Aufschwung miterlebt und mitgeprägt hat, ist Virginia Köpfli. Die Zuger Jungpolitikerin, mittlerweile 24-jährig, interessierte sich früh für Politik. Mit 16 Jahren gründete sie die Zuger Juso, mit 22 Jahren organisierte sie mit Mitstreiterinnen den ersten Women’s March in Zürich. Aktuell engagiert sich die Gleichstellungsaktivistin für den Frauenstreiktag vom 14. Juni, im Zuger Kollektiv ebenso wie auf nationaler Ebene bei der Gewerkschaft Unia.

«Vernetzung der Frauen ist besser geworden»

Noch vor einem Jahr bemängelte Köpfli in einem Interview die Frauenbewegung als «weniger gut organisiert als jede andere Lobby». Die verschiedenen Organisationen seien zu verstreut, um auf der politischen Bühne wirklich wahrgenommen zu werden. Es fehle an feministischem Aktivismus, der von unten komme. Heute beurteilt sie die Situation deutlich positiver. Die Bewegung sei immer noch sehr vielfältig, was auch zu begrüssen sei, sagt Köpfli. Doch durch die Vorbereitungen für den Frauenstreiktag sei die Vernetzung besser geworden. Wer sich für feministische Anliegen einsetzen wolle, finde heute einfacher eine Anlaufstelle. «Der Frauenstreiktag als gemeinsames Projekt schweisst uns zusammen und gibt der Frauenbewegung neue Energie», ist Köpfli überzeugt.

Die Bewegung ist gemäss Angaben der Organisatorinnen breit aufgestellt. Hinter dem Aufruf zum Streik stehen gewerkschaftlich-feministische Kreise. Die Dachorganisation Schweizerischer Gewerkschaftsbund hat im November einstimmig dem Streik zugestimmt. Organisiert werden die Aktivitäten vor allem auf kantonaler Ebene über regionale Streikkomitees. Bäuerinnen und Frauen aus der Kirche sind darin präsent, Vertreterinnen der Universitäten, von der Professorin über Studentinnen bis zur Mensa-Mitarbeiterin, und auch Frauen, die sich von der Arbeit, vom Quartiertreff oder vom Sportkurs kennen.

Den neu erstarkten Feminismus spürt auch die Frauenorganisation Alliance F. Die Mitgliederzahlen steigen. Und die Kampagne «Helvetia ruft!» verzeichnet erste Erfolge. Ziel der überparteilichen Kampagne ist es, den Frauenanteil bei den Wahlen im Herbst zu erhöhen. «Über 400 Frauen sind Helvetias Ruf gefolgt und haben ihr Interesse an einer Kandidatur für die eidgenössischen Wahlen angekündigt, sagt Sophie Achermann, Geschäftsführerin von ­Alliance F. Gerade die hohe Anzahl absoluter Newcomerinnen – mindestens 100 Frauen – sei eine positive Entwicklung. «Offensichtlich konnten wir Frauen erreichen, die bisher von den Parteien noch nicht erreicht werden konnten.»

Aus dem Blickfeld wegen «Staatsfeminismus»

50 Jahre nach dem «Marsch auf Bern» sind die Frauen in der Schweiz also wieder in Bewegung. Wobei sie ihr Engagement nie ganz eingestellt haben, wie Historikerin Kristina Schulz sagt. Tatsächlich wurde es zwar nach der Jahrtausendwende ruhiger ums Thema. Dies habe aber unter anderem mit einer Verlagerung hin zum «Staatsfeminismus» zu tun. Die Schaffung von Gleichstellungsbüros etwa habe dazu geführt, dass wichtige Anliegen der Frauenbewegung vom Staat aufgegriffen worden seien. Gleichzeitig sei mit dem «Cyberfeminismus» eine Bewegung im Netz entstanden, die anfangs für viele nicht sichtbar war. «Dadurch war die Bewegung selbst nicht mehr auf der Strasse präsent», so Schulz.

Vor den Nullerjahren machten die Frauen immer wieder lautstark auf ihre Anliegen aufmerksam. Zum grössten Protest kam es 1991, dem ersten nationalen Frauenstreiktag. Hunderttausende beteiligten sich landesweit an Streik- und Protestaktionen. Zehn Jahre nach der Einführung des Verfassungsartikels «Gleiche Rechte für Mann und Frau» forderten sie Taten statt Worte. Als Folge trat 1996 das Gleichstellungsgesetz in Kraft, mit welchem Frauen gleichen Lohn einfordern können.

Erreicht ist die Lohngleichheit allerdings noch nicht. Laut Bundesamt für Statistik verdienen Frauen im Schnitt immer noch weniger als Männer. «Die Frauen sind hässig. Es ist Zeit für einen neuen Frauenstreik», sagt Unia-Spre­cherin Leena Schmitter.

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