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«Die Schweiz tut zu wenig für Kinderlose»

Wie weit darf die Fortpflanzungsmedizin gehen? Diese Frage steht bei der Abstimmung über die Präimplantationsdiagnostik im Zentrum. Ärzte wie Felix Häberlin befürchten, dass bei einem Nein ein ganzer medizinischer Fachbereich ins Ausland ausgelagert würde.
Jürg Ackermann
Felix Häberlin leitet die Kinderwunschklinik Fiore in St. Gallen, die grösste ihrer Art in der Ostschweiz. (Bild: Michel Canonica)

Felix Häberlin leitet die Kinderwunschklinik Fiore in St. Gallen, die grösste ihrer Art in der Ostschweiz. (Bild: Michel Canonica)

Herr Häberlin, die Gegner der Präimplantationsdiagnostik (PID) sagen, diese öffne Tür und Tor für Missbräuche. Sind wir auf dem Weg zum designten Kind?

Felix Häberlin: Solche Argumente sprechen das Bauchgefühl an. Sie sind pure Stimmungsmache und in keiner Weise eine reale Gefahr. Das Gesetz spricht Klartext: An Keimzellen und Embryonen ausserhalb des Mutterleibs darf man nichts verändern, wenn kein medizinischer Grund vorliegt. Wer dagegen verstösst, wird bestraft. Daran ändert sich auch bei einem Ja zur Vorlage nichts.

Aber wer die Möglichkeiten hat, wird sie eines Tages auch nutzen. Wie in den USA, wo Eltern bei einer künstlichen Befruchtung das Geschlecht oder die Augenfarbe ihrer Kinder bestimmen können.

Häberlin: Das sind zweifellos Fragen, die auf uns zukommen. Die Anwendung der technischen Möglichkeiten wird aber in allen westlichen Ländern durch die Gesetze geregelt und begrenzt. In der Schweizer Reproduktionsmedizin gibt es einen breiten Konsens darüber, dass die in der Verfassung enthaltenen Verbote wie die Geschlechtswahl vernünftig sind. Nicht die technische Möglichkeit zu einem Verfahren ist das Problem, sondern der Umgang damit.

Warum sind Sie für eine liberale Gesetzgebung bei der PID?

Häberlin: Obwohl die PID auch in Zukunft eher selten angewendet werden wird, vermag sie bei schweren Erbkrankheiten die Übertragung des krankmachenden Gens auf das Kind zu umgehen. Zudem ist sie ein Hoffnungsträger für Paare über 38 Jahre, die auf natürlichem Wege keine Kinder erhalten und auf die künstliche Befruchtung angewiesen sind.

Warum?

Häberlin: Heute haben wir eine sehr strikte Regelung. Es dürfen nur drei Eizellen auf einmal ausserhalb des Mutterleibes entwickelt werden. Und wir dürfen – im Gegensatz zu Ländern mit einer liberaleren Gesetzgebung – diese entwickelten Keime nicht untersuchen. Das heisst, wir setzen Embryonen in den Mutterleib ein, von denen wir wissen könnten, dass sie wegen schwerer Chromosomenschäden nie lebensfähig sein werden.

Kommen diese Defekte oft vor?

Häberlin: Die Natur arbeitet mit relativ grossen Verlusten. Bei einer Frau um 40 führt im Schnitt nur noch eine von zwölf Eizellen zur Geburt eines Kindes. Neu könnten wir pro Zyklus zwölf Eizellen auf einmal befruchten und herausfinden, welche Keime lebensfähig sind. Die Erfolgschancen auf eine ungestörte Schwangerschaft würden dadurch steigen. Die vom Parlament vorgeschlagene Änderung des Verfassungsartikels wäre hier ein grosser Fortschritt.

Was ist die medizinische Konsequenz, dass Sie als Arzt keine PID machen können?

Häberlin: Wir haben bei der künstlichen Befruchtung bei Frauen nach 38 überdurchschnittlich viele Fehlgeburten, was für diese eine starke psychologische Belastung ist. Andererseits werden in der Schweiz nach dem System «Versuch und Irrtum» oft gleichzeitig zwei bis drei Embryonen eingesetzt, um die Chance auf eine Schwangerschaft zu erhöhen. Das wiederum führt dazu, dass nach künstlicher Befruchtung in fast 20 Prozent der Fälle Zwillingsgeburten entstehen – fünfzehnmal mehr als von der Natur vorgesehen und verbunden mit den entsprechenden gesundheitlichen Risiken für Frau und Kind.

Behindertenverbände befürchten, Menschen mit einer Einschränkung würden an den Rand gedrängt, wenn Paare Behinderungen bei Embryonen abwählen können.

Häberlin: In der Verfassung steht, dass Minderheiten geschützt werden sollen. Dazu gehören behinderte Menschen, aber auch Paare, die auf natürlichem Weg keine Kinder erhalten können. Ich finde es nicht richtig, dass das Anliegen einer Minderheit mit dem Anliegen einer anderen Minderheit ausgespielt wird. Man kann behinderte Menschen anders unterstützen, als wenn man kinderlosen Paaren den Zugang zu medizinischen Leistungen verbaut. Die Behinderten werden dadurch nicht bessergestellt.

Macht die Schweiz Ihrer Meinung nach zu wenig für kinderlose Paare?

Häberlin: Ja, ich finde schon. In der Schweiz werden die unfruchtbaren Paare finanziell ungenügend unterstützt. Eine normale IVF-Behandlung kostet bei uns zwischen 4000 bis 9000 Franken pro Zyklus, wobei es für eine Schwangerschaft oft mehrere Zyklen braucht. In Israel beispielsweise bezahlt der Staat die ganze Behandlung. In Deutschland übernimmt das Gemeinwesen 50 Prozent der Kosten.

Die meisten Länder in Europa erlauben die PID. Welche Konsequenz hat das für Sie als Fortpflanzungsmediziner?

Häberlin: In Europa gibt es nur die Schweiz und Litauen, die noch eine derart restriktive Regelung kennen. Das führt dazu, dass es einen «Fruchtbarkeitstourismus» gibt, der vor allem nach Spanien, Belgien oder nach Tschechien geht. Bei einem Nein am 14. Juni würden zunehmend auch die einfachen Standardbehandlungen im Ausland gemacht, weil die Erfolgsquote höher ist und weniger Hormontherapien benötigt werden, bis eine Frau schwanger wird. Der Stimmbürger würde mit dem Entscheid einen ganzen medizinischen Fachbereich ins benachbarte Ausland auslagern.

Wenn das gesunde Kind zur Normalität wird, droht doch aber die Gefahr, dass Behinderte tatsächlich marginalisiert werden.

Häberlin: Das ist einfach eine Behauptung der Gegner. Wenn es so wäre, müssten behinderte Menschen in Ländern, wo die PID erlaubt ist, ja deutlich schlechtergestellt sein. Darüber gibt es meines Wissens keinerlei Studien. Zudem ist der Traum vom absolut gesunden Menschen unrealistisch. Davon sind wir bei allem medizinischen Fortschritt weit entfernt. Schwangerschaft und Geburt bleiben immer auch ein Risiko.

Auch der Bundesrat, der die PID weniger stark liberalisieren will als das Parlament, sprach von der Gefahr von gewissen «eugenischen Tendenzen».

Häberlin: Diese Begrifflichkeit erinnert an das Dritte Reich. Ich empfinde sie als unverhältnismässig. Immerhin entschied sich unsere Bevölkerung für die Fristenregelung beim Schwangerschaftsabbruch. Auch die Pränataldiagnostik kann ohne weiteres im dritten Schwangerschaftsmonat auf Wunsch der Eltern durchgeführt werden.

Mit welchen Folgen?

Häberlin: Liegt eine schwere Behinderung oder eine Trisomie 21 vor, ist ein Schwangerschaftsabbruch straffrei möglich. Bei Frauen über 35 werden diese Tests sogar von der Krankenkasse bezahlt. Bei der künstlichen Befruchtung, bevor also die Eizelle in den Mutterleib eingepflanzt wird, soll ein solcher Test nun nicht möglich sein, obwohl es weniger schwerwiegende Konsequenzen hat – das macht keinen Sinn.

Bild: JÜRG ACKERMANN

Bild: JÜRG ACKERMANN

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