«Die Schweiz steht sehr gut da»

Walter Ackermann mag nicht in den Chor der Pessimisten einstimmen und erteilt der Altersvorsorge in der Schweiz gute Noten. Warum eine Erhöhung des Rentenalters dennoch Sinn mache, erklärt der St. Galler Uniprofessor im Interview.

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Walter Ackermann: «Die von gewissen politischen Kreisen propagierten Katastrophenszenarien teile ich nicht.» (Bild: Quelle)

Walter Ackermann: «Die von gewissen politischen Kreisen propagierten Katastrophenszenarien teile ich nicht.» (Bild: Quelle)

Herr Ackermann, eine Studie des Finanzdepartements warnt vor einem dramatischen Schuldenberg bei den Sozialwerken ab 2025. Muss die Jugend von heute um ihre AHV fürchten?

Walter Ackermann: Nein. Die AHV wird in den kommenden 30 Jahren zwar eine Reihe von Veränderungen erleben, beispielsweise beim Rücktrittsalter oder bei der Formel zur Berechnung der Renten – aber eine existenzsichernde Altersvorsorge, die diesen Namen verdient, wird es weiterhin geben. Die von gewissen politischen Kreisen seit Jahren propagierten Katastrophenszenarien teile ich nicht.

Warum denn diese düsteren Prognosen, wenn die Lage gar nicht so dramatisch ist?

Ackermann: Idee und Anliegen eines Sozialstaates waren in der Schweiz seit jeher umstritten, abgesehen von den Jahren kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, die geprägt waren von einer grossen Solidarität. In dieser Zeit wurde auch die AHV eingeführt. Der Sozialstaat setzt auf Solidarität und Einkommensumverteilung, eine liberale Gesellschaft betont das Prinzip der Eigenverantwortung. Dieses Spannungsfeld führt zu Auseinandersetzungen.

Fakt aber ist: Die Babyboomer werden in den nächsten 20 Jahren pensioniert, die Lebenserwartung steigt, die Geburtenrate ist tief. Laufen wir nicht auf eine Demographiefalle zu?

Ackermann: Erst einmal ist es erfreulich, dass die Leute immer älter werden. Ökonomisch gesehen führt das zu Mehraufwendungen, das stimmt. Die Frage der Finanzierbarkeit der AHV wird aber zu stark in den Vordergrund gerückt. Hier gibt es viele Ansatzpunkte, um die zusätzlichen Kosten aufzufangen. Schnell wirksam ist eine Erhöhung des Rentenalters, beispielsweise auf 67 Jahre. Denkbar sind auch Änderungen bei der Anpassung der laufenden Renten oder – eine Lieblingsidee mancher Ökonomen – die Einführung einer nationalen Erbschaftssteuer auf hohen Vermögen. Wichtig ist, dass nicht primär die Erwerbstätigen stärker belastet werden. Mehr Sorgen machen mir die finanziellen Perspektiven im Gesundheitswesen.

Wollen Sie auch Bauarbeitern oder Schichtarbeitern das Rentenalter 67 zumuten?

Ackermann: Die AHV-Rente wird über die Höhe des Lohnes während der Erwerbszeit definiert – unabhängig davon, wie anstrengend die Arbeit ist. Tatsächlich gibt es Arbeitsverhältnisse, bei denen ein Rentenalter 65 oder 67 nicht zumutbar ist. Hier sind Sonderlösungen zur Frühpensionierung nötig. Zu überlegen ist, ob man in der AHV zur Einheitsrente übergehen sollte.

Demnach würden ein Bauarbeiter und ein Manager gleich viel AHV-Rente erhalten.

Ackermann: Ein solches Modell würde die Grundfunktion der AHV, die Sicherung einer minimalen Existenz, stärker betonen. Dies ist angesichts der zunehmend globalen Arbeitsmärkte sinnvoll. Die hochentwickelte schweizerische Volkswirtschaft steht vor der Herausforderung, tiefqualifizierte Arbeitskräfte überhaupt noch einsetzen zu können. Dieser Trend wird sich in der Zukunft noch verstärken. Zusätzlich ist auch mit instabileren Arbeitsverhältnissen zu rechnen wie Arbeit auf Abruf oder mehr Teilzeitstellen. Wie gehen wir damit um? Ich denke, es gibt nur eine Antwort: Wir müssen allen eine menschenwürdige Grundsicherung ermöglichen. Das spricht für eine Einheitsrente.

Ist ein solches Modell politisch überhaupt durchsetzbar?

Ackermann: Die Schweiz zählt zu den wohlhabendsten Ländern der Welt. Da muss es möglich sein, allen eine minimale Existenzsicherung zu garantieren. Aber wir dürfen den Solidaritätsgedanken auch nicht überstrapazieren. Deshalb mache ich eine klare Unterscheidung: Einerseits brauchen wir eine Existenzsicherung, die auf Solidarität und Einkommensumverteilung basiert; andererseits sind die ergänzenden Vorsorgemassnahmen konsequent nach den Prinzipien Eigenverantwortung und Leistungsfähigkeit zu gestalten. Das heisst: Keine verdeckte Einkommensumverteilung in der beruflichen Vorsorge von den Erwerbstätigen zu den Rentnern. Darum müsste hier der Rentenumrechnungssatz auf realistische Werte gesenkt werden.

Der politische Wind dreht aber in eine andere Richtung. Der Nationalrat will bei der AHV sparen und hat in der Frühlingssession jegliche Flexibilisierung des Rentenalters abgelehnt.

Ackermann: Das hat mit der politischen Grosswetterlage zu tun. Als Wissenschafter dürfen wir nicht im Vierjahresrhythmus denken. Von uns werden realistische Szenarien erwartet, wie die Bedingungen in 20, 30 Jahren aussehen könnten. Das Hauptproblem ist nicht die Demographie. Ich bin überzeugt, dass wir die Dynamik globaler Arbeitsmärkte und deren Konsequenzen auf den Sozialstaat unterschätzen.

Ein Mittel, um das Verhältnis zwischen Rentnern und Erwerbstätigen zu verbessern, ist die Zuwanderung: Muss die Schweiz weitere Arbeitskräfte aus der EU rekrutieren, um die Zukunft der AHV zu sichern?

Ackermann: Auf jeden Fall ist es vorteilhaft. Die Schweiz profitiert erheblich von der Zuwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte. Einerseits fallen in unserer Volkswirtschaft keine Ausbildungskosten an, und andererseits helfen die Zuwanderer mit, unsere Sozialwerke zu finanzieren. Zudem ermöglichen sie, wie gerade die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, ein höheres wirtschaftliches Wachstum – die entscheidende Voraussetzung zur langfristigen Sicherung der Altersvorsorge.

Die Gewerkschafts-Initiative, über die der Ständerat am Dienstag befindet, fordert die ungekürzte Rente ab 62. Ist das finanzierbar?

Ackermann: Die Schweiz würde wohl nicht untergehen, aber die Forderung ist nicht sinnvoll. Die Alterung unserer Gesellschaft verursacht Mehrkosten. Wir sollten daher die knappen finanziellen Ressourcen sehr zielgerichtet einsetzen: zum einen zugunsten der sozial Schwächsten, zum andern im Bereich der Bildung und Arbeitsmodelle, um ältere Arbeitskräfte länger in der Erwerbsarbeit zu halten. Die Gewerkschaften argumentieren nicht ohne Grund, dass diese Arbeitsplätze für ältere Leute nicht zur Verfügung stehen. Darum sind wir gefordert, mit entsprechenden Arbeitsmodellen und Anreizsystemen diese Arbeitsplätze zu schaffen. Den Arbeitgebern kommt hier eine besondere Verantwortung zu.

Wenn Sie den Zustand der Schweizer Sozialwerke mit dem Ausland vergleichen: Wie stehen wir da?

Ackermann: Die Schweiz steht nach wie vor sehr gut da. Die auf mehreren Säulen abgestützte Altersvorsorge wird ein Wettbewerbsvorteil für unser Land sein. In einem durchschnittlichen Schweizer Pensioniertenhaushalt steuert die AHV-Rente 35 bis 40 Prozent des Einkommens bei, der Rest stammt aus zweiter und dritter Säule. In Deutschland muss die umlagefinanzierte Rentenversicherung rund 90 Prozent des Einkommens sicherstellen. Die demographische Alterung wird hier spürbar grössere Probleme mit sich bringen.

Interview: Jürg Ackermann

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