Die Schweiz hilft primär vor Ort

Aussenpolitiker stärken dem Bundesrat den Rücken: Er solle seine Kompetenz zur Aufnahme von Flüchtlingen aus Syrien wahrnehmen. Priorität behält aber die Hilfe vor Ort. Das Programm für libanesische Gastfamilien ist ein Beispiel dafür.

Denise Lachat
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BERN. Das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) spricht von der am schnellsten wachsenden Flüchtlingskrise: Bereits sind zwei Millionen Syrer über die Grenzen vorab nach Jordanien, in die Türkei und in den Libanon geflüchtet, nach Schätzungen des UNHCR könnten es Ende Jahr sogar 3,5 Millionen sein. Das ist ein gewaltiger Sprung: Vor einem Jahr wurden 200 000 Flüchtlinge registriert. Dazu kommen fast 5 Millionen Vertriebene innerhalb von Syrien, womit aktuell 6,8 Millionen Syrer auf humanitäre Hilfe angewiesen sind.

Flüchtlinge in der Schweiz

Kurz vor einer möglichen Intervention der USA in Syrien ruft die Krise jetzt auch Aussenpolitiker in der Schweiz auf den Plan. Für Hannes Germann ist klar: Die Schweiz sei in der Lage, im Rahmen einer internationalen Aktion ein grosses Kontingent an syrischen Flüchtlingen aufzunehmen, sagt der Schaffhauser SVP-Ständerat und Präsident der Aussenpolitischen Kommission (APK). In diesem Sinne hat die APK gestern auch Bundesrätin Simonetta Sommaruga (SP) den Rücken gestärkt, die mit dem UNHCR im Gespräch ist und den Gesamtbundesrat bald informieren will. 2012 hatte die Schweiz im Rahmen eines Kontingents knapp 40 Syrerinnen und Syrer aufgenommen, diesen Frühling kamen 37 Personen aus Damaskus hinzu.

Hilfe vor Ort bleibt prioritär

Für Manuel Bessler, den Delegierten des Bundesrats für Humanitäre Hilfe und Chef des Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe (SKH), ist die Aufnahme von Flüchtlingen in der Schweiz eine wichtige Option. Sie sei sicher notwendig, doch aus humanitärer Sicht behalte die Hilfe vor Ort Priorität. «Wir wollen möglichst nahe an den Menschen und ihren Bedürfnissen sein», sagt Bessler. In der Nachbarregion seien sie von der Sprache, der Kultur und oft auch von den familiären Beziehungen her besser aufgehoben als in der Schweiz. Als Paradebeispiel dafür nennt er das «Cash for Shelter»-Programm in Nordlibanon, das die humanitäre Hilfe des Bundes vor einem Jahr gestartet hat. Ursprünglich wurden 500 Gastfamilien für syrische Flüchtlinge gesucht, inzwischen beteiligen sich fast 1900 Familien; sie bieten 14 700 Flüchtlingen Unterkunft.

Libanesische Gastfreundschaft

Bessler ist von der libanesischen Gastfreundschaft beeindruckt: Einzelne Familien nähmen bis zu 20 Personen bei sich auf. Teils würden die syrischen Grossfamilien im Hinterhof in einem Zelt untergebracht, teils in einer Garage, teils in einem unausgebauten, für die Kinder vorgesehenen Stockwerk. «Vieles ist improvisiert. Aber es ist immer noch besser als das Leben in einem Flüchtlingslager, in dem Spannungen viel häufiger sind.»

5,3 Millionen Franken hat die Schweiz bisher in das «Cash for Shelter»-Programm investiert. Laut Bessler wird darauf geachtet, zwischen den Flüchtlingen und der Lokalbevölkerung, die selbst in ärmlichen Verhältnissen lebt, keine Eifersucht aufkommen zu lassen. Die Gastfamilien erhalten darum Geld für die Ausgaben, die ihnen bei der Unterbringung der syrischen Flüchtlinge erwachsen. Mit dem gleichen Ziel finanziert die Schweiz auch die Renovation von jordanischen Schulen.

Schweiz hilft mit 50 Millionen

50 Millionen Franken hat die Schweiz bisher für die Syrien-Hilfe gesprochen. Etwa die Hälfte der Gelder fliesst in die Programme von humanitären Organisationen wie das IKRK oder der UNO. Aus Sicherheitsgründen hat sich die Schweiz zwar aus Damaskus zurückgezogen, betreibt aber ein Büro mit 25 Personen in Amman (Jordanien) sowie eines mit neun Mitarbeitern in Beirut (Libanon). Fünf Personen arbeiten in der Stadt Qobayat im Norden Libanons. Bessler erwartet, dass der Hilfsbedarf weiter steigt, im Falle einer militärischen Intervention erst recht. In Libanon alleine sind bereits 700 000 Flüchtlinge registriert – bei einer Bevölkerung von 4,2 Millionen.