Die Schlachten der Historiker

Das 500-Jahr-Jubiläum der Schlacht von Marignano hat einen stellenweise gehässigen Streit zwischen Politikern und Historikern ausgelöst – und sorgt auch unter den Historikern selber für Differenzen. Vermittelnde Positionen haben es da schwer.

Rolf App
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…und Christoph Blocher. (Bild: ky)

…und Christoph Blocher. (Bild: ky)

Wenn die NZZ heute ihr neues Magazin «NZZ Geschichte» auf den Markt bringt, können seine Macher Peer Teuwsen und Martin Beglinger auf ein denkbar günstiges Umfeld hoffen. Und zwar nicht nur deshalb, weil es eine populäre historische Zeitschrift hierzulande noch nicht gibt, während solche Magazine in Deutschland schon seit einigen Jahren Konjunktur haben. Nein, es sind auch innerschweizerische Ereignisse und Entwicklungen, die den Blick auf die Geschichte lenken – und vor deren Hintergrund sich in den letzten Wochen ein veritabler Historikerstreit entfacht hat.

Debatte über eine «Schlüsselzeit»

Auch wenn sie die neusten Wortmeldungen nicht mehr mitnehmen konnte, bezieht sich die erste Nummer von «NZZ Geschichte» in zwei gewichtigen Beiträgen auf die aktuellen geschichtspolitischen Debatten. In einem Streitgespräch stossen Markus Somm und André Holenstein aufeinander. Somm, studierter Historiker und im Hauptberuf Chefredaktor der «Basler Zeitung», bringt diesen Sommer ein Buch über die Schlacht von Marignano heraus, Holenstein hat letztes Jahr in «Mitten in Europa» Verflechtung und Abgrenzung in der Schweizer Geschichte aufgearbeitet.

Doch was im Zusammenhang mit einer Ausstellung im Zürcher Landesmuseum zu Marignano und dem im September anstehenden Schlachtenjubiläum die Gemüter schon arg in Wallung versetzt hat, lässt Somm und Holenstein eigenartig kühl. Rasch sind sie sich einig, dass es nicht um die Schlacht im engeren Sinn geht, sondern um eine «Schlüsselzeit für die Schweiz» (Somm) zwischen 1450 und 1550. In der Niederlage von 1515 realisieren die Eidgenossen – übrigens keine besonders sympathischen, sondern ausgesprochen brutale Zeitgenossen –, dass sie sich übernommen haben.

Marignano, sagt Holenstein, «ist der Anfang einer neuen Verflechtung», diesmal mit Frankreich. Die Schweizer sind «zu einer passiven Machtpolitik gezwungen worden». Und was die Neutralität angeht, so «sagt niemand, Marignano sei der Beginn der Neutralität gewesen» (Somm). Das wäre dann nämlich «eine neue Mythenbildung». Erst am Ende ihrer Erwägungen streiten die Herren dann ein wenig. «Die Schweiz war ein cleverer Trittbrettfahrer der Weltgeschichte», so Holenstein. «Das ist sehr einseitig», reagiert Somm. «Warum immer so negativ? Es ist eine Mischung von Glück und eigener Leistung.»

Maissens Napoleon

Von einem andern Glücksfall handelt der Haupttext von «NZZ Geschichte», nämlich vom «Erfinder der modernen Schweiz»: Thomas Maissen legt darin dar, was Napoleon für die Schweiz geleistet hat. Dessen «äusserst erfolgreiche und folgenreiche Vermittlung zwischen den zerstrittenen Eidgenossen in den Jahren 1802/03 machten ihn zur wichtigsten Einzelfigur der Schweizer Geschichte». Weshalb die «Franzosenzeit» ganz zu Unrecht bis heute einen schlechten Ruf geniesse. Denn Napoleon habe nicht nur die heutigen Kantonsgrenzen geschaffen, sondern «auch eine grundlegende Modernisierung des Landes, wozu die Eidgenossenschaft selbst nicht fähig gewesen wäre». In einem kürzlich im Verlag Hier und Jetzt erschienenen Buch über «Schweizer Heldengeschichten – und was dahintersteckt» legt Maissen noch nach, und zwar durchaus in politischer Absicht. Immer eingeleitet durch ein Zitat von SVP-Vordenker Christoph Blocher oder Bundesrat Ueli Maurer, nimmt Maissen Kapitel um Kapitel die im nationalkonservativen Lager gepflegten Geschichtsmythen auseinander. Und erklärt etwa, dass die Gründungssage der Eidgenossenschaft mit Wilhelm Tell, den bösen Habsburgern und dem Rütlischwur ein Werk späterer Jahrhunderte ist. Auch die mit Marignano verknüpfte Neutralität taucht erst sehr viel später auf.

«Herr Maissen will in die EU»

Christoph Blocher hat umgehend reagiert. «Es ist kein Historikerstreit, sondern eine politische Auseinandersetzung», erklärt er in der «Schweizer Illustrierten». Denn: «Herr Maissen will in die EU. Deshalb darf es keine Neutralität und keine Unabhängigkeit der Schweiz geben. Deshalb muss die Schweiz und ihre Geschichte in den Dreck gezogen werden.» Das ist in dieser Zuspitzung zwar übertrieben. Aber die aktuell-politischen Untertöne in Maissens Geschichtsdarstellung geben auch unter Fachkollegen zu reden.

In einem grossen Meinungsbeitrag in der NZZ bringt der in Oxford lehrende Schweizer Historiker Oliver Zimmer die Auseinandersetzung auf diesen Nenner: «Für den SVP-Strategen Blocher repräsentiert die Schweiz einen positiven Sonderweg. Für den Basler Historiker Maissen befindet sich das Land hingegen auf dem Holzweg. Die Begründung für ihre Sichtweise suchen (und finden) beide in der Geschichte.»

Von Rousseau geprägt

Das wird bei Maissen spätestens dort sichtbar, wo er gegen Ende seines Buches diesen Sonderfall thematisiert, die direkte Demokratie für überschätzt erklärt, und, wie in seinem Text in «NZZ Geschichte», betont, dass die Entwicklung der Schweiz hin zu einer modernen Demokratie stärker von der Französischen Revolution und ihrem Philosophen Jean-Jacques Rousseau geprägt worden sei als durch die eigenen Kräfte. Auch die Bundesverfassung von 1874, die den letzten Schritt zur direkten Demokratie darstellt, habe ihre Wurzeln nicht in der Urschweiz, «sondern im revolutionären Frankreich. Die jakobinische Verfassung von 1793 war stark von Rousseaus Verständnis der Volkssouveränität geprägt, die nicht an Repräsentanten delegiert werden dürfe».

Widerstände von unten

Hier widerspricht Oliver Zimmer sehr deutlich. Denn den Sonderfall Schweiz hat schon Napoleon selber gesehen. «Die Schweiz ist keinem anderen Land ähnlich», hatte der Korse am 10. Dezember 1802 den eidgenössischen Delegierten erklärt. «Die Natur hat euch zu einem föderativen Staat gebildet. Kein kluger Mann versucht, die Natur zu besiegen.» Diese Natur aber ist Resultat der Geschichte. «Hier entwickelte sich zu keiner Zeit – weder im 16. noch im 18. Jahrhundert – ein dominantes Machtzentrum», fasst Oliver Zimmer den wesentlichen Unterschied in Worte. Und erwähnt als Hauptgrund: «Versuche der Staatsbildung von oben scheiterten stets am Widerstand der bäuerlichen Bevölkerung.»

Der schweizerische Bauernkrieg von 1653 spreche diesbezüglich eine deutliche Sprache. «Als die Städte Bern und Luzern ihre Herrschaft über das Land zu intensivieren suchten, rebellierten die Untertanen.» Über regionale Grenzen hinweg hätten sie sich verbündet. Die Zentren hätten dabei im Luzerner Entlebuch und im Berner Emmental gelegen, beides Gebiete mit sehr fortgeschrittener Landwirtschaft. Er spricht damit die fehlende Berücksichtigung wirtschaftlicher und sozialer Entwicklungen in Maissens Darstellung an.

Die Kardinalfrage lautet: Reicht das?

Allerdings: In Bausch und Bogen mag Oliver Zimmer nicht widersprechen. Die Interventionen Napoleons und des Wiener Kongresses seien zweifellos wichtig gewesen. «Aber waren es der guten Dinge genug? Man braucht kein Verklärer der Schweizer Vergangenheit zu sein, um Maissens Interpretation für einseitig zu halten.» Und zwar nicht nur aus politischen Gründen, weil man vielleicht die direkte Demokratie doch noch für zeitgemäss hält, obschon sie nirgendwo sonst in dieser Form und in diesem Ausmass praktiziert – und von der EU auch eher als Hindernis angesehen wird. Oliver Zimmer lässt sich nicht auf ein Entweder-oder ein: Entweder kommt das Heil von innen, oder es kommt von aussen. Seine Haltung ist ein Sowohl-als-auch. Es sind ausländische Einflüsse festzustellen, aber es gibt auch gewichtige innere Faktoren, die den Weg frei gemacht haben.

Denn: Jahrzehnte, bevor die Französische Revolution in Gang kommt, häufen sich in der Eidgenossenschaft Protest und Widerstand gegen die Herrschaft der führenden Geschlechter und der städtischen Zentren. Es gärt überall, neue Ideen und alte basisdemokratische Traditionen gehen deshalb Hand in Hand. Deshalb kommt der Umsturz auch derart rasch, als 1798 die Franzosen in die Schweiz einmarschieren. In nur zwei Monaten zum Beispiel bricht in St. Gallen eine jahrhundertealte Ordnung wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Das, stellt der Historiker Max Lemmenmeier in der St. Galler Geschichte fest, «war nicht das Werk Frankreichs. Vielmehr wurde die Revolution von einem Teil der ländlichen Besitz- und Bildungselite aus Ärzten, Juristen, Beamten und Kaufleuten vorangetrieben, die auf eine breite Unterstützung in der Bevölkerung zählen konnte».

Die immergleiche Polarisierung

Im durch das Marignano-Jubiläum aufgeheizten politischen Klima freilich haben es solche Positionen schwer. Hans Ulrich Jost etwa, emeritierter Professor der ETH Lausanne und Parteigänger Thomas Maissens, schlägt denn auch vor, statt Marignanos der Staudammkatastrophe von Mattmark 1965 zu gedenken, und bereits letztes Jahr hat sich ein Verein «499 Jahre sind genug» gebildet. Für Erika Hebeisen ist das keine Alternative. Die Verantwortliche der Marignano-Ausstellung im Landesmuseum erklärt vielmehr, es gelte «den Reflex zur immergleichen Polarisierung historischer Erzählungen zu überwinden». Und weiter schreibt sie: «Mir scheint, über die politische Geschichte der Eidgenossenschaft liesse sich produktiver diskutieren, würde sie nicht zwischen Landigeist und postmoderner Befreiungsphantasie aufgerieben.»

Was würde das bedeuten? Wohl, dass man die historisch gewachsenen Eigenheiten der Schweiz anerkennt – aber zugleich sieht, wie sehr diese Schweiz in der Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt zu dem geworden ist, was sie heute ist. Die Schlacht von Marignano ist eine Etappe auf diesem Weg gewesen.

Kontrahenten: Thomas Maissen… (Bild: ky)

Kontrahenten: Thomas Maissen… (Bild: ky)

Bis heute beschäftigt das Hauen und Stechen auf dem Schlachtfeld von Marignano die Gemüter. Erlebt hat die Brutalitäten der Zeichner Urs Graf, von dem dieses Blatt stammt. (Bild aus: 1515 – Gesichter einer Kriegsgeschichte, Schweizerisches Nationalmuseum)

Bis heute beschäftigt das Hauen und Stechen auf dem Schlachtfeld von Marignano die Gemüter. Erlebt hat die Brutalitäten der Zeichner Urs Graf, von dem dieses Blatt stammt. (Bild aus: 1515 – Gesichter einer Kriegsgeschichte, Schweizerisches Nationalmuseum)

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