Die Schildbürger von Bergün

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Ich zweifle kaum: Der Beschluss der Bergüner Gemeindeversammlung, das Fotografieren auf ihrem Gemeindegebiet zu verbieten, wird, wenn auch als etwas fragwürdiger, so doch als geschickter PR-Coup gefeiert werden. Das Verbot hat jedenfalls landauf, landab für Schlagzeilen gesorgt.

Mit dem Gesetz, das offenbar allen Ernstes durchgesetzt werden soll, will die Gemeinde bei Touristen in unkonventioneller Weise auf ihren sehenswerten Dorfkern aufmerksam machen. Rund um Bergün sind bereits entsprechende Verbotsschilder aufgestellt worden. Eine Sicherheitsfirma, die als Dorfpolizei amtet, ist angewiesen, bei Gesetzesverstössen fünffränkige Bussen zu erheben, deren Ertrag später einem guten Zweck zugeführt werden soll.

Offiziell wird das «herzliche Fotografierverbot» damit begründet, dass Empfänger von Fotogrüssen aus Bergün allenfalls gar erkranken könnten, wenn sie in ihrem Büro oder an ihrem Industriearbeitsplatz im Flachland gewahr werden müssten, dass sie sich derzeit selbst in einer weitaus weniger pittoresken Umgebung befinden als in Bergün. Die Schmach, in diesem Moment nicht selbst dort vor Ort zu sein, könnte sich – so der Befund der Bergüner Gemeindeversammlung – für die Betroffenen äusserst ungünstig auswirken...

Gewiss: man mag über die PR-Idee schmunzeln. Letztlich aber müsste – bei allem Humor – das Bergüner Gesetz von einer übergeordneten Stelle «kassiert» werden. Es verstösst gewiss gegen Grundrechte und lässt sich auch nicht seriös rechtfertigen!

Andrerseits: das der Gemeindeversammlung übergeordnete Bündner Kantonsparlament könnte nun auch zu einem humoristischen Gegenschlag ausholen und seinerseits ein Gesetz erlassen, mit dem Touristen verboten wird, in Bergün überhaupt Halt zu machen. Die Begründung läge dann ebenfalls auf der Hand: Dorfbesucher aus dem Flachland könnten nachhaltig ins Unglück gestürzt werden, wenn sie anlässlich eines Dorfrundgangs erkennen müssten, dass sie in ihrer Kleinwohnung im Ruhrgebiet oder etwa im Kanton Aargau in eine weniger idyllisch wirkende Szenerie eingebettet sind als die Bewohnerinnen und Bewohner des Bergdorfs im Albulatal.

Oder – dies wäre dann ein Verbot mit leicht verändertem Ansatz: Der Kanton Tessin könnte an den südlichen Ausgängen des Gotthardtunnels Verbotsschilder anbringen, auf denen darauf hingewiesen wird, dass auf Tessiner Gebiet bei trockener Witterung das Mitführen von Regenschirmen untersagt ist. Begründung: weil das offene Mittragen eines Knirpses oder Schirms an den Seeufern von Locarno, Ascona oder Lugano das Image der «südlichen Sonnenstube» ungebührlich beschädigen würde.

Bei allem Verständnis für den jüngsten Bergüner Werbegag: Verbote sind zu ernst, als dass sie für PR-Zwecke missbraucht werden sollten. Ich hoffe jedenfalls, dass nicht noch andere Gemeinden mit ebenso blödsinnigen Verboten nachziehen werden. Im übrigen: Den Bündnern gelingt es auch ohne das Bergüner Fotografierverbot, auf herausragende Weise auf ihre touristischen Angebote aufmerksam zu machen. Etwa mit den bündnerisch sprechenden Steinböcken, die in Werbespots jeweils über unsere Bildschirme flimmern.