Die Rache der Höhlenbewohner

Was ist eigentlich das Zentrum, die führende Stadt der französischen Schweiz? Früher hätten wahrscheinlich die meisten Romands (die Genfer ohnehin) mit «Genf» geantwortet – und sich dabei höchstens die Frage gestellt, die sich auch viele Genfer heute noch stellen, ob nämlich die stolze

Christophe Büchi
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Der Jet d'eau in Genf. Die Calvin-Stadt ist nicht mehr unangefochtenes Zentrum der Westschweiz. (Bild: Salvatore Di Nolfi/KEY)

Der Jet d'eau in Genf. Die Calvin-Stadt ist nicht mehr unangefochtenes Zentrum der Westschweiz. (Bild: Salvatore Di Nolfi/KEY)

Was ist eigentlich das Zentrum, die führende Stadt der französischen Schweiz? Früher hätten wahrscheinlich die meisten Romands (die Genfer ohnehin) mit «Genf» geantwortet – und sich dabei höchstens die Frage gestellt, die sich auch viele Genfer heute noch stellen, ob nämlich die stolze «Cité de Calvin» wirklich ganz zur Schweiz gehört. Jedenfalls war Genf bis tief ins 20. Jahrhundert nicht nur die mit Abstand bevölkerungsreichste, sondern auch die politisch und kulturell interessanteste Stadt der Westschweiz, die alle anderen Städte weit hinter sich liess. Genf besass den ersten interkontinentalen Flughafen der Schweiz und den FC Servette: An dieser Dominanz war nicht zu rütteln.

In den letzten zwanzig Jahren jedoch sind die Dinge in Fluss geraten. Während Genf von seinen Grenzen beengt wird und schon immer grösste Mühe hatte, mit dem französischen Umland gute und entspannte Beziehungen aufzubauen, entwickelte sich Lausanne zu einer wirtschaftlichen und demographischen Wachstums-Agglo, die ihre Grenzen immer mehr Richtung Gland, Yverdon und Vevey ausdehnt. Die ETH Lausanne, die sich mit der benachbarten Universität den schönsten Campus der Schweiz mit Seeanstoss teilt, ist nur ein Symbol unter anderen dieses «Waadtländer Wachstumswunders». Und dank der Geldpumpe IOK (Internationales Olympisches Komitee), und aller internationalen Sportverbände, die um diese Sonne kreisen, kann Lausanne inzwischen auch von sich behaupten, eine olympische internationale Stadt zu sein.

Auch das Lausanner Nachtleben sei, so sagen es zumindest Insider, drauf und dran, Genf den Rang abzulaufen. Natürlich verfügt Lausanne nicht entfernt über die gleiche prestigereiche Vergangenheit wie die Rivalin. Genf war schon eine in ganz Europa bekannte Stadtrepublik, als Lausanne noch ein Provinzstädtchen war. Aber die Geschichte lehrt, dass man sich auf den Lorbeeren nicht ausruhen sollte. Viel eher sollte man sie zum Würzen in die Suppe streuen. Und Basel war ja auch einst grösser, geschichtsmächtiger und bekannter als Zürich.

Dass Genf nicht mehr der Nabel der Westschweiz ist, hat sich in Genf allerdings noch nicht überall herumgesprochen. Noch vor nicht allzu langer Zeit konnte ein Genfer Politiker die Waadtländer öffentlich als «rupestres», auf Deutsch: als Höhlenbewohner, bezeichnen. Es ist zwar möglich, dass er sich versprochen hatte und eigentlich «ruraux», Landbewohner, sagen wollte. Aber der Lapsus, der vielleicht ein Freudscher Versprecher war, sagt einiges darüber aus, wie viele Genfer ihre Nachbarn auch heute noch sehen. Und dennoch: Die Zeiten wandeln sich. Und es sollen bereits schon erste Genfer gesichtet worden sein, die ein Lausanner Museum besuchten.

Eines nur müssen die Lausanner den Genfern auch heute noch lassen: Genf ist im Ausland nach wie vor bekannter als jede andere Westschweizer Stadt. Und ärger noch: Ihr geliebter Lac Léman wird nicht nur in Genf, sondern auch im Ausland nach wie vor «Lac de Genève» genannt. Und auch auf die Deutschschweizer ist kein Verlass: Selbst outre-Sarine, jenseits der Saane, wird eisern vom «Genfersee» gesprochen, obwohl alte Berner Karten schön die Bezeichnung «Leman» tragen.

Nur, die Ostschweizer haben ein ähnliches Problem: Ihr Bodensee ist ja auch auf Französisch nicht mehr als «Bodan», sondern nur als «Lac de Constance» bekannt. Und die Romands, inklusive die Waadtländer, halten es ebenfalls mit dem Konstanzer See. Da sollen sich die Vaudois nicht beklagen.

Inzwischen stecken die Verräter schon in den eigenen Wänden: Sogar die welschen Wirtschaftsförderer, unsentimental, wie sie sind, sprechen neuerdings von der «Geneva Lake Region» und schliessen das Waadtland locker mit ein. «Canton Vaud, situated in the Geneva Lake Region», ist auch auf der Website von Schweiz Tourismus zu lesen. Zum Glück hat dies Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz nicht mehr erlebt!

Aber man soll ja nicht kleinlich sein. Lausanne steht halt immer noch ein wenig im Schatten der Rivalin mit der grossen Vergangenheit. Und daran können auch die vielen Millionen Franken, mit denen die SBB die Waadtländer Agglomeration zum grossen Westschweizer Drehkreuz machen wollen, nicht viel ändern. Aber vom See und seinem Namen wird ja schliesslich niemand satt.