Die Pyramiden des blonden Indiana Jones

Er nennt sich Indiana Jones von Bosnien: Der Unternehmer Semir Osmanagic, der in seiner Heimat die grössten und ältesten Pyramiden der Welt entdeckt haben will. Auch wenn die Fachwelt ihn belächelt, zieht es immer mehr Touristen ins Tal der bosnischen Pyramiden. Von Sebastian Schneider (Text) und Benjamin Manser (Fotos).

Drucken
Teilen
Der Hausberg von Visoko, einer Kleinstadt nordwestlich von Sarajevo, hat durch seine Form eine grosse Anziehungskraft auf spirituelle Menschen.

Der Hausberg von Visoko, einer Kleinstadt nordwestlich von Sarajevo, hat durch seine Form eine grosse Anziehungskraft auf spirituelle Menschen.

Thomasz Lelewski streift den Schweiss von der Stirn. Auf einem Steinblock sitzend, schaut er zum Himmel. Ein Gewitter zieht auf. Wahrscheinlich dauert der Einsatz auf der bosnischen Sonnenpyramide nicht mehr lange. Denn wenn es regnet, arbeitet der Pole nicht. Thomasz Lelewski ist unabhängiger spiritueller Archäologe und als solcher die Leitfigur der Gruppe, die heute in der Sommerhitze Steinblöcke säubert. Dreizehn Freiwillige aus zehn Ländern packen mit an. Das Erdmaterial, das die Steinblöcke verdeckt, gilt es abzutragen, mit Kübeln wegzuschaffen und unterhalb der Fundstelle in den Wald zu kippen. Doch solche Knochenarbeit ist nichts für Lelewski. Er, der Fachmann mit Schlapphut, Hemd und Sandalen, ist für die Feinarbeit zuständig. Mit geübter Hand führt er die dreieckige Kelle, um die Steine von Lehm und Erde zu befreien. Der Wind bläst jetzt aber zu stark. Das Wetter schlägt schnell um in diesem Tal, wissen die Helfer. Sie brechen den Arbeitstag frühzeitig ab.

Sensationsfunde in Bosnien

Zehn Jahre ist es her, seit der bosnisch-amerikanische Unternehmer und Forscher Semir Osmanagic zu einer internationalen Pressekonferenz nach Visoko, einer Kleinstadt nordwestlich von Sarajevo, lud. Er will fünf Pyramiden entdeckt haben, die so alt sind, dass sie bereits von Wäldern überzogen sind. Mindestens 12 000 Jahre alt sollen sie sein. Am Ortseingang, etwa 2,5 Kilometer von der Sonnenpyramide entfernt, hat Semir Osmanagic ein Tunnelsystem entdeckt. Die unterirdischen Gänge führen dem Anschein nach zur Sonnenpyramide, zur grössten Pyramide des Komplexes. Sie soll eine Höhe von 220 Metern haben und damit die grösste Pyramide sein, die je auf der Erde gebaut wurde. Den Hausberg von Visoko bezeichnen die Bewohner der 17 000-Seelen-Stadt seit jeher als Pyramidenberg. Denn er weist zwei deutliche Flanken auf, die in eine Spitze zulaufen. Durch die dreieckigen Seitenflächen sieht der Berg tatsächlich einer Pyramide ähnlich.

Osmanagic promovierte an der Universität Sarajevo und schrieb seine Dissertation über Pyramiden der Maya. Noch vor dem Ausbruch des Bosnienkriegs 1992 zog er nach Houston in Texas, gründete dort eine Schlosserei und befasste sich weiterhin mit den mysteriösen Bauwerken. Er reiste um die ganze Welt und schrieb Bücher über seine Entdeckungen. «Die Geschichte wird falsch geschrieben», ist er überzeugt. Pyramiden hätten nie toten, sondern nur lebenden Menschen gedient. Schliesslich sei in Ägypten nie eine Mumie in einer Pyramide gefunden worden.

Als Osmanagic zum erstenmal nach Visoko kam, staunte er, als er den Pyramidenberg namens Visocica sah. Da er aus Mittel- und Südamerika weiss, dass eine Pyramide nicht allein in der Landschaft steht, erhob er weitere Hügel mit ähnlicher Topographie zu Pyramiden. So gibt es heute im Tal der bosnischen Pyramiden auch eine Mond- und eine Drachenpyramide sowie die Pyramiden der Erde und der Liebe. Die Fachwelt reagierte skeptisch auf die Aussagen des Unternehmers, der zum Ziel hatte, die bosnischen Pyramiden spätestens im Jahr 2010 ins Inventar des Unesco-Weltkulturerbes aufnehmen zu lassen. Das Ziel blieb eine Utopie. Auch, weil Wissenschafter einen Protestbrief schrieben, in dem sie die Behörde vor Osmanagic und seinen pseudowissenschaftlichen Hypothesen warnten. Auch zehn Jahre nach Bekanntmachung der vermeintlichen Sensation ist es Osmanagic nicht gelungen, Geologen wie den Amerikaner Robert Schoch oder Archäologen wie den deutschen Dominique Görlitz von seinen Thesen zu überzeugen. Anhänger hat Semir Osmanagic trotzdem viele gefunden. Und je öfter er kritisiert wird, desto mehr wittern sie eine Verschwörung, desto überzeugter schlagen sie sich auf seine Seite.

Hunderte freiwillige Helfer

Osmanagic gründete 2005 eine archäologische Stiftung, mit deren Hilfe er Geheimnissen von Visoko auf den Grund gehen will. Heute arbeiten während der Hauptsaison 45 Angestellte für die Organisation, im Winter sind es etwa 20. Wichtiger Bestandteil der Forschungsarbeit sind freiwillige Helfer, die während der Sommermonate bei den Ausgrabungen helfen, sogenannte Volontäre. In den Anfangsjahren wurden Hobbyarchäologen aus Bosnien eingeladen, seit 2010 gibt es das internationale Sommercamp. Über 2300 ausländische Volontäre haben mittlerweile in den Tunnels gegraben oder Erdreich von der Sonnen- und der Mondpyramide abgetragen. Aus 62 Ländern sind sie gemäss Osmanagic gekommen. «Wir sind offen für jeden. Und im Gegensatz zu Ägypten haben wir nichts zu verbergen», sagt der 66-Jährige im Gespräch.

Derweil befindet sich die Gruppe Freiwilliger auf der Sonnenpyramide, bei einer Fundstelle oberhalb des Städtchens, wo tonnenschwere, regelmässig geformte Steinblöcke herumliegen. Aus steinzeitlichem Beton sollen sie sein, gegossen aus einem sandigen Bindemittel und Steinen aus den Flüssen Bosna und Fojnica. Während dieses Material für Geologen ein natürliches Konglomerat darstellt, sind die Volontäre davon überzeugt, dass die Blöcke Mantelteile einer von Urmenschen gebauten Pyramide sind. Das spornt sie auch an, bei über 30 Grad im Schatten Arbeit zu verrichten, die sie selber zuweilen als «frustrierend» bezeichnen.

Denn rascher Fortschritt ist nicht in Sicht. Selbst Mitglieder der Stiftung sagen, es würde wohl noch weit mehr als 100 Jahre dauern, bis die Pyramide freigelegt wäre. Auch wenn die Arbeitsmoral auf den heissen Steinblöcken manchmal einbricht, bleiben die Volontäre vom Projekt überzeugt. Zumal sich in den Pausen auch Zeit bietet, um über Semir Osmanagic, über Verschwörungstheorien und über die rätselhaften bosnischen Pyramiden zu sprechen. Wo ist wohl der Eingang zur Pyramide? «Vielleicht stösst man durch die Tunnels in die unterirdischen Kammern. Oder vielleicht finden wir ihn gleich hier oben», hofft ein Helfer.

Schlafen auf der «Antenne»

Elisabeth Stelling, eine Volontärin aus Deutschland, hat sich an diesem Tag etwas Besonderes vorgenommen: Sie will am Abend auf der Spitze der Pyramide übernachten. Letzte Nacht hat es nicht geklappt, zu unsicher war das Wetter. Doch heute fährt sie mit ihrem Auto über eine holprige Strasse, die zur Anhöhe auf der Rückseite der Pyramide führt. Hier oben weiden Schafe, bellen Hunde, und Touristen übernachten im Hotel Pyramid Lodge. Weshalb der Berg von dieser Seite nicht mehr wie eine Pyramide aussieht, darüber gibt es viele Spekulationen und Erklärungen – das Ende der Eiszeit könnte zur Verschiebung der Erdmassen geführt haben. Elisabeth Stelling nimmt Proviant, Schlafsack und Mätteli unter die Arme und geht in zunehmender Dunkelheit über einen steilen Trampelpfad zur Pyramidenspitze hinauf. Sie ist jetzt alleine oben. Tagsüber weilten hier zahlreiche Gruppen, vornehmlich aus Slowenien, Deutschland und Holland.

Eine eindeutige Spitze gibt es zwar nicht. Der abgerundete Berggipfel ist vielmehr uneben, steinig und von Büschen überwachsen. Hier oben befinden sich Überreste einer romanischen Kirche, die einst Teil der Stadtmauer von Visoko war – der Stadt, wo im Mittelalter die bosnischen Könige gekrönt wurden und ihren Sitz hatten. Zwischen- den restaurierten Mauern schlägt Elisabeth Stelling ihr Nachtlager auf. Ein bisschen Angst habe sie jetzt schon, gibt sie zu. Obschon sie dieses Gefühl nicht wirklich kenne. Aber schliesslich habe sie 13 Jahre lang Kampfsport betrieben, sie wüsste sich zu verteidigen.

Unweit der Ruine, in der Mitte des Gupfs, befindet sich eine kleine Senke. Von hier aus sendet die Pyramide gemäss Erklärungen von Semir Osmanagic einen Energiestrahl ins Universum. Es heisst, die Pyramide fungiere als riesige Antenne, die der Kommunikation mit dem Kosmos diene. Heute sei die Antenne auf Stand-by; ist die Pyramide erst einmal freigelegt, entfalte sie wieder ihre volle Wirkung.

«Mag ja sein», sagt Elisabeth Stelling. Doch sie vertraue der «intuitiven Wissenschaft»: Für sie zählt das, was sie in sogenannten Rückführungen selber sieht und spürt. So weiss sie, dass sie in ihrem früheren Leben die Mutter eines ägyptischen Hohepriesters war, der einst in den Pyramiden auf dem Gizeh-Plateau geweiht wurde. Heute aber schläft sie seelenruhig unter dem Sternenhimmel – und unter der deutlich sichtbaren Milchstrasse.

Wundersame Tunnels

Wer nach Visoko reist, sei es als Volontär oder als Tourist, der lässt sich die Ravne-Tunnels am Ortseingang nicht entgehen. Das unterirdische Labyrinth, das von einer vergessenen Zivilisation vor über 30 000 Jahren angelegt worden sein soll. Der Aushub könnte zum Bau der Sonnenpyramide verwendet worden sein. In Visoko ist man überzeugt, dass eine spätere Kultur die Gänge wieder zuschüttete. Darum heisst die Devise: Graben bis gefunden. Mehrere Hundert Meter Tunnels sind einstweilen freigeschaufelt. Doch um die restliche Distanz zur Sonnenpyramide von rund zwei Kilometern zu überwinden, dauert es noch eine ganze Weile, 30 bis 40 Jahre sind es gemäss Osmanagic.

Die Decken in den Gängen sind über weite Strecken durch eine Holzkonstruktion gestützt. Eine bosnische Reisegruppe lässt sich durch die feuchtkühlen Gänge führen. Die Decken und Wände sind unregelmässig, einmal ist Kauergang angesagt, und es kann eng werden, wenn sich Touristengruppen kreuzen. Ein Besucher tastet die Seitenwand ab. Er erschrickt, als sich plötzlich Steine lösen.

Wie die Pyramiden selber sind die Tunnels den Bewohnern von Visoko schon länger bekannt. Vor der «Entdeckung» durch Osmanagic hätten Kinder am Tunneleingang miteinander gespielt und in der damals 70 Meter langen Höhle nach Geistern gesucht. Heute spricht man von einem Gangsystem mit vielen Verästelungen, die auch die Freilegung verkomplizieren und verlangsamen. Von einem grösseren Unfall ist bislang nichts bekannt. Im Gegenteil: Besucher erzählen sich Geschichten von wundersamen Heilungen in den Tunnels. Die angeblich perfekte Luftzirkulation und der hohe Wert negativ geladener Ionen würden mit einem Rundgang die Aura flicken. Ja, sie fühlten sich gleich jünger, sagen die bosnischen Besucher, nachdem sie tief eingeatmet haben.

Vor dem Tunneleingang taucht plötzlich Semir Osmanagic auf. Von allen Seiten winken Touristen dem «Indiana Jones von Bosnien» zu. Der grossgewachsene Geschäftsmann mit blondem Haar und blauen Augen ist hier ein wahrer Held. Immerhin: dank seines Engagements werden die Hügel von Visoko in ein positives Licht gerückt. Touristen und Helfer suchen hier nach Wundern, nach Heilung oder nach einer sensationellen Entdeckung. Die Einheimischen ihrerseits reiben sich am Souvenirstand und an der Hotelreception die Hände.

Heilend für die Region

Der Tourismus bringt Leben und Geld ins Städtchen zurück, das vor dem Krieg und seinen fatalen wirtschaftlichen Folgen eine florierende Tabak- und Lederindustrie hatte. Einheimische scheinen sich wohl auch darum nicht in die Pyramidendiskussion einmischen zu wollen. Auf die Pyramiden angesprochen, schüttelt ein älterer Mann nur den Kopf und lacht, ein Taxifahrer hingegen findet die Geschichte immerhin «sehr interessant». Vielleicht tun die Touristen den Einheimischen auch seelisch gut, machen sie doch fast vergessen, dass die pyramidenförmigen Hügel noch immer Spuren des Bürgerkriegs tragen. Bei der Mondpyramide etwa gibt es Sperrgebiete, die umsäumt sind von roten Tafeln: «Lebensgefahr durch Minen!»

Auf der Spitze, auf einer mehrere hundert Quadratmeter grossen Ebene, pflegt ein Einheimischer seinen Sommersitz, seinen Garten mit Blumen, Pflaumen- und Apfelbäumen. Ein Stacheldraht trennt seine Oase vom Sperrgebiet. Der Mann brennt aus den Äpfeln seinen eigenen Schnaps, den er Touristen grosszügig auftischt. Er spricht nur Bosnisch und mit Händen und Füssen. Er deutet auf die «Fundstellen» auf seinem Grundstück und zeigt, wo der Wanderweg nach Visoko beginnt. Der Weg führt durch die sanfte Hügellandschaft, über die östliche Flanke des Tals der bosnischen Pyramiden. Der Name des Tals ist zwar geschützt, gesichert wäre die Pyramidentheorie allerdings erst dann, wenn steinzeitliche Werkzeuge oder Knochen gefunden würden. «Man kann ihm den Sensationsfund nur wünschen», schrieb UFO-Kenner Erich von Däniken 2014 in einem Blog über Semir Osmanagic. Nach einem Besuch liess sich der Schweizer Buchautor zwar von der Pyramidenthese überzeugen, kurze Zeit später schlug er sich aber auf die Seite der Skeptiker. Visokos Hausberg sei naturgeformt wie zum Beispiel der Niesen am Thunersee, schrieb von Däniken. Dieser Berg sehe einer Pyramide ebenfalls ähnlich und liesse sich gleichermassen als uraltes menschliches Bauwerk touristisch vermarkten.

Die Spitze der Sonnenpyramide ist für viele Touristen ein Kraftort.

Die Spitze der Sonnenpyramide ist für viele Touristen ein Kraftort.

Knochenarbeit ohne Knochen: Archäologe Thomasz Lelewski an der Arbeit.

Knochenarbeit ohne Knochen: Archäologe Thomasz Lelewski an der Arbeit.

Viele kleine Pyramiden am Souvenirstand.

Viele kleine Pyramiden am Souvenirstand.

Held oder Scharlatan? Semir Osmanagic, Entdecker der bosnischen Pyramiden.

Held oder Scharlatan? Semir Osmanagic, Entdecker der bosnischen Pyramiden.

Besonderes Erlebnis: Elisabeth Stelling übernachtet in der Ruine auf der Sonnenpyramide.

Besonderes Erlebnis: Elisabeth Stelling übernachtet in der Ruine auf der Sonnenpyramide.