Die Politik will nicht alt aussehen

Wurde das demographische Problem verschlafen? Nein, fand eine Diskussionsrunde am WDA Forum. Doch jetzt müsse man handeln und wenn nötig auch Tabus wie das Rentenalter brechen.

Christian Kamm
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ST. GALLEN. Die Menschen werden immer älter. Und wenn immer mehr immer älter werden, hat das für eine Gesellschaft auch problematische Seiten. Drei Tage lang beschäftigte sich das 9. World Demographic & Ageing Forum (WDA) an der Universität St. Gallen mit den demographischen Herausforderungen für die Schweiz. Zum Abschluss hatten gestern abend eidgenössische Parlamentarier das Wort.

Alle Reformen gescheitert

«Die Schweizer Politik ist wie die Feuerwehr: Man kommt erst, wenn's brennt», stellte Diskussionsleiterin Eva Nietlispach Jaeger als erste These in den Raum. Ganz so schlimm sei es nicht, meinte der Zürcher SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi. Das Thema Demographie sei sehr wohl in der Politik angekommen. «Aber es geht zu wenig schnell.» Ruth Humbel (CVP/AG) machte wiederum die Politik selber dafür verantwortlich: «In letzter Zeit sind alle Reformen der Sozialwerke gescheitert.» Ursache seien nicht zuletzt unheilige Allianzen. «Es ist viel Schaden angerichtet worden. Wir sind stehengeblieben.»

«Thema aller Themen»

Und wo muss die Politik nun für Bewegung sorgen? Für den jüngsten Teilnehmer der Diskussionsrunde, den Ausserrhoder FDP-Nationalrat Andrea Caroni, sind angesichts einer alternden Gesellschaft die Sozialwerke «das Thema aller Themen». Im speziellen das Rentenalter, wo eine Angleichung bei 65 Jahren für beide Geschlechter «massiv überfällig» sei. Widerspruch gab es lediglich von SP-Nationalrätin Barbara Gysi (SG). «Das werden wir so nicht zulassen», kündigte sie an. Schliesslich verdienten Frauen bis zu 20 Prozent weniger als Männer.

Damit war die Gleichberechtigungsdiskussion innerhalb der Sozialversicherungsdebatte lanciert. «Diese Art von Geschlechterkampf ist mir zuwider», kritisierte Bortoluzzi. Um im nächsten Atemzug vorzurechnen, dass 60 Prozent der AHV-Leistungen heute an die Frauen gingen. Und Frauen durchschnittlich höhere Leistungen bezögen als Männer.

BDP-Mann Bernhard Guhl (AG) warb für eine Entpolitisierung der Rentenalterdiskussion. Überhaupt könne man lange über die Erhöhung diskutieren. Entscheidend sei, dass die Wirtschaft dann auch Arbeitsplätze für 67- oder 68-Jährige zur Verfügung stelle. Ältere Arbeitnehmer sollten auf dem Arbeitsmarkt wieder konkurrenzfähiger gemacht werden. Zum Beispiel könnten die Sozialbeiträge der Arbeitgeber nicht mehr ansteigen (Humbel) oder Arbeitnehmer künftig akzeptieren, dass sie ab 50 wieder weniger verdienen (Guhl). Die Wirtschaft müsse einsehen, dass altersdurchmischte Teams etwas Wertvolles seien, appellierte Caroni.

Als Chance begreifen

Am 3-Säulen-Modell der Vorsorge wollte niemand rütteln. Barbara Gysi plädierte für eine Stärkung der 1. Säule (AHV) auf Kosten der 2. (berufliche Vorsorge). Allerdings sei das politisch nicht mehrheitsfähig. Was die Reaktionen auf dem Podium postwendend bestätigten. Einig war sich die Runde schliesslich darin, in der Alterung der Gesellschaft nicht nur eine Last zu sehen. «Ich freue mich, dass ich statistisch noch 30 Jahre Lebenserwartung vor mir habe», sagte Humbel. «Ich teile Ruth Humbels Begeisterung, dass wir immer älter werden», meinte Caroni. Und Barbara Gysi warb dafür, diese Entwicklung als Chance zu begreifen und nach kreativen Lösungen zu suchen.