«Die Not von Frauen ausgenutzt»

Die Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind engagiert sich dafür, dass ungewollt Schwangere von einer Abtreibung absehen. Dass öffentliche Spitäler von ihr Babyklappen betreiben lassen, löst bei Politikern und Fachstellen Kritik aus.

Eveline Rutz
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Ein positiver Schwangerschaftstest löst nicht immer Glücksgefühle aus. Politiker pochen darauf, dass Frauen dann neutral beraten werden. (Bild: ky)

Ein positiver Schwangerschaftstest löst nicht immer Glücksgefühle aus. Politiker pochen darauf, dass Frauen dann neutral beraten werden. (Bild: ky)

BERN. «Es ist schockierend, wie offensichtlich radikale Abtreibungsgegner die Notsituation von Frauen auszunutzen versuchen.» Die Beratungen der Schweizerischen Hilfe für Mutter und Kind (SHMK) seien alles andere als objektiv, kritisiert SP-Nationalrat Cédric Wermuth (AG). Sie bestünden vielmehr darin, die Betroffene mit Geldgeschenken und Druck dazu zu bringen, auf einen Schwangerschaftsabbruch zu verzichten. Aufgeschreckt hat Wermuth eine verdeckte Recherche der «Zeit». Diese hatte aufgezeigt, was eine Frau erlebt, die sich an die SHMK wendet. Der Journalistin wurde nicht nur beschieden, dass kaum jemand über eine Abtreibung hinwegkomme. Ihr wurde auch gesagt, ihr ungeborenes Kind werde bei einer Abtreibung brutal in Stücke zerrissen. Zudem wurde ihr eine monatliche Unterstützung von 600 Franken in Aussicht gestellt, sollte sie sich für das Kind entscheiden.

Brief an Gesundheitsdirektoren

«Das ist völlig unseriös», ärgert sich Wermuth, der das Thema ins nationale Parlament getragen hat. Er stört sich unter anderem daran, dass in Olten und Davos öffentliche Spitäler von der SHMK Babyklappen betreiben lassen. Ein Umstand, der auch die Dachorganisation der öffentlichen Beratungsstellen, Sexuelle Gesundheit Schweiz (SGS), auf den Plan gerufen hat. In einem Brief teilt sie den kantonalen Gesundheitsdirektoren, den Kantonsärzten und den Kantonsparlamenten ihre Bedenken mit. «Die SHMK setzt sich aktiv gegen die Fristenregelung ein und vertritt Extrempositionen», sagt Christine Sieber. Dass ein öffentliches Spital mit einer solchen Organisation eine Partnerschaft eingehe, sei bedenklich. «Eine professionelle Beratung bietet Hilfe an, übt aber niemals Druck aus», betont Yvonne Gilli, Präsidentin der Dachorganisation und Grüne Nationalrätin (SG). Die betroffene Frau werde umfassend beraten und entscheide letztlich selbst, welches für sie der richtige Weg sei. Gilli, die als Ärztin solche Beratungen durchführt, begrüsst es, dass Wermuth das Thema aufs nationale Parkett bringt. «Das trägt zur Sensibilisierung bei.» Öffentliche Kliniken dürften sich nicht zu «Propagandaträgern von Extremisten» machen lassen, sagt Wermuth. In der letzten Fragestunde forderte er den Bundesrat auf, Stellung zu beziehen.

Bundesrat teilt Bedenken

Gesundheitsminister Alain Berset betonte, dass die Kantone für die Spitäler verantwortlich seien und der Bund ihnen keine Vorschriften machen könne. Er sagte allerdings auch, dass der Bundesrat die fachlichen Bedenken der SGS teile. «Er hat das Problem erkannt», freut sich Wermuth, der eben eine Interpellation nachgereicht hat. Er will unter anderem wissen, ob das Angebot der SHMK legal sei und welche gesetzlichen Möglichkeiten bestehen, dubiose Beratungsangebote vom Markt zu nehmen. Seiner Meinung nach sollte der Bund gesetzliche Mindeststandards festlegen.

Dominik Müggler, Präsident der SHMK, weist die Kritik zurück. «Wir bemühen uns um eine echte Alternative zur Abtreibung», sagt er. Die Frauen würden von geschultem Personal beraten und über die grosszügigen Hilfsangebote informiert. Sie seien frei, diese anzunehmen oder nicht. «Sie kommen auch nicht unter Druck, weil sie bei uns nichts zurückzahlen müssen.» Darin unterscheide sich das Angebot der SHMK von der Fürsorge. Im Gegensatz zu staatlichen Beratungsstellen leiste die SHMK damit konkrete Hilfe.