Kommentar

Die Neat ist für alle da: Die Schweiz muss Europa in die Pflicht nehmen

Nach zwei Jahrzehnten ist die Alpentransversale Neat fertig: Diese Woche wird im Tessin der Ceneri-Basistunnel eröffnet. Doch jetzt sind andere gefordert.

Sven Altermatt
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Sven Altermatt

Sven Altermatt

Bild: Sandra Ardizzone

Salbungsvolle Hymnen wird es diesmal keine geben. Keine deutsche Bundeskanzlerin, die von «einem Freudentag» spricht. Kein französischer Staatschef, der den «Realität gewordenen europäischen Traum» beschwört. Keinen zweiten 1. Juni 2016. Damals wurde der Gotthard-Basistunnel eröffnet, das Herzstück des alpenquerenden Schienenverkehrs.

Wenn diese Woche der Ceneri-Basistunnel an der Reihe ist, reisen keine ausländischen Staatschefs an. Die Eröffnungsfeier geht – auch wegen der Coronakrise – bescheiden über die Bühne. Doch ohne Ceneri bliebe die Alpentransversale Neat bloss Stückwerk. Er ist die letzte fehlende Röhre.

Für Reisende sind die Vorteile konkret: Die Fahrzeiten ins und im Tessin reduzieren sich massiv. Auch die autofreudigen Ticinesi könnten, so die Hoffnung, endlich häufiger mit dem Zug pendeln.

Aber was ist mit der Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene – auf der Nord-Süd-Achse? Hier hapert es gewaltig, trotz aller Huldigungen. Solange die Zufahrtsstrecken nicht ausgebaut sind, solange insbesondere Deutschland im Norden nicht seinen Teil dazu beiträgt, kann die Neat ihre Leistungsfähigkeit nicht demonstrieren.

Das Bauwerk wurde für ganz Europa errichtet – das ist keine neue Erkenntnis. Schweizer Diplomaten tun jedoch gut daran, diese in aller Bestimmtheit zu betonen, wenn sie mit Brüssel über das europapolitische Schicksal des Landes verhandeln.

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