«Die Mafia ist eine Bedrohung»

Die Bundespolizei fokussiert sich zunehmend auf organisiertes Verbrechen. Die italienische Mafia sei in der Schweiz aktiver als bislang angenommen, sagt René Wohlhauser, Chef der Bundeskriminalpolizei.

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«Komplex organisiert»: Beschlagnahmte Waffen in Genf-Cornavin. (Bild: ky/Martial Trezzini)

«Komplex organisiert»: Beschlagnahmte Waffen in Genf-Cornavin. (Bild: ky/Martial Trezzini)

Herr Wohlhauser, Sie stellen in Ihrem Jahresbericht fest, dass die organisierte Kriminalität in der Schweiz Realität ist. Wie verbreitet ist sie?

René Wohlhauser: Genau diese Eigenschaft macht das Phänomen der organisierten Kriminalität aus: Sie ist nicht sichtbar, die genauen Ausmasse sind deshalb nur schwer zu umreissen. Organisationen wie die italienische 'Ndrangheta aus Italien sind darauf bedacht, keine Spuren zu hinterlassen und sich abzuschotten.

Wie ist das bei kriminellen Taten möglich?

Wohlhauser: Innerhalb der mafiösen Strukturen gelten klare Regeln. Verfehlungen werden bestraft. Zudem sind die Mitglieder äusserst diskret, und gerade zentrale Figuren treten ausserhalb des kriminellen Umfelds zuweilen sehr bieder auf.

Wie kommen Sie denn solchen Organisationen überhaupt auf die Spur?

Wohlhauser: Wir sammeln Informationen aus den Ermittlungen und Vorermittlungen hier in der Schweiz und werten diese aus. Eine grosse Hilfe sind auch die Angaben, welche uns die italienischen Behörden übermitteln. All das hat uns die Beweise dafür geliefert, dass die italienische Mafia in der Schweiz in verschiedensten – auch neuen – Deliktsbereichen tätig ist. Vermehrt ist sie in den Schweizer Grenzregionen zu Italien und Deutschland tätig.

Im Bericht schreiben Sie, dass die Mafiaorganisationen vermehrt auch kleinere Delikte wie Raub begehen. Warum haben die Strafverfolgungsbehörden in der Schweiz so lange gebraucht, um das zu realisieren?

Wohlhauser: Ich persönlich werte dies als Erfolg. Denn ein einzelnes Delikt, welches nicht typisch zu mafiösen Organisationen passt, ist nur ein kleines Mosaiksteinchen. Davon benötigten wir viele, bis sich daraus ein schlüssiges Bild ergab. Zudem dauert es, bis man solche Organisationen infiltriert hat. Es brauchte eine gewisse Zeit, bis wir Verbindungen zwischen einzelnen Personen herstellen und alle Informationen überprüfen konnten. Wir haben in den letzten drei Jahren die Ermittlungen in diesem Bereich intensiviert und trugen so Steinchen um Steinchen zusammen.

Als klassische Mafiageschäfte gelten Handel mit Waffen, Drogen, Menschen. Warum nun diese Verlagerung in die Kleinkriminalität?

Wohlhauser: Diese Gruppierungen, wie etwa die 'Ndrangheta, sind sehr komplex organisiert. Die Strukturen ausserhalb Italiens scheinen noch komplizierter. In der Regel sind sie aber stark hierarchisch strukturiert. Das heisst, es besteht eine klare Rangordnung, vergleichbar mit einer Pyramide. Die höheren Ränge bilden die Elite. Sie sind spezialisiert und agieren zum Beispiel im Bereich der Geldwäscherei. Die tieferen Ränge begehen einfache Delikte wie Einbruchdiebstähle, treiben Gelder ein. Die Organisation aber bleibt die gleiche und profitiert als Ganzes.

Sie führen dies als Bedrohung für die Schweiz auf. Wie akut ist sie für den Schweizer Bürger?

Wohlhauser: Sie ist eine unmittelbare Bedrohung für die Bevölkerung, wenn es um Raub oder Diebstahl geht. Solche Delikte fallen primär in die Zuständigkeit der Kantone. Wir versuchen dann, die Zusammenhänge herauszufiltern, um nachweisen zu können, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt.

Warum operieren italienische Mafiaorganisationen nun vermehrt in der Schweiz?

Wohlhauser: Das hat teilweise ganz naheliegende Gründe: Da ist die geographische Nähe, die Sprache. Dazu kommt, dass in der Schweiz viele Italiener Fuss gefasst haben, die Diaspora gibt es. Und die Schweiz liefert mit funktionierender Infrastruktur und einem soliden Finanzmarkt eine attraktive Grundlage. Ausserdem haben die italienischen Strafverfolgungsbehörden den Druck auf diese Organisationen im Inland verstärkt, was unter anderem zu einer Verlagerung dieser Gruppierungen in das benachbarte Ausland führte.

Interview: Léa Wertheimer, Bern

René Wohlhauser Chef Bundeskriminalpolizei im Bundesamt für Polizei (Fedpol) (Bild: Quelle)

René Wohlhauser Chef Bundeskriminalpolizei im Bundesamt für Polizei (Fedpol) (Bild: Quelle)