Angst vor Stellenabbau: Nun kommt es zur letzten Schlacht um die SBB-Werkstätten in Bellinzona

Das Tessiner Stimmvolk entscheidet am Wochenende über eine Volksinitiative zu den legendären SBB-Werkstätten in Bellinzona. Im Falle einer Annahme würde die geplante Verlegung scheitern.

Gerhard Lob, Bellinzona
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Gianni Frizzo, Sprecher der Werkstätte Bellinzona, während eines Informationsanlasses des Komitees gegen den Abbau im Jahr 2016. (KEYSTONE/Ti-Press/Pablo Gianinazzi)

Gianni Frizzo, Sprecher der Werkstätte Bellinzona, während eines Informationsanlasses des Komitees gegen den Abbau im Jahr 2016. (KEYSTONE/Ti-Press/Pablo Gianinazzi)

Der Streik sorgte landesweit für Aufsehen. Mehr als 400 Arbeiter in den SBB-Werkstätten von Bellinzona legten 2008 die Arbeit für einen Monat nieder. Und sie hatten Erfolg: Am Ende krebsten die SBB mit ihren Plänen zurück, welche de facto eine Schliessung des Werks bedeutet hätten. Dort werden vor allem Lokomotiven unterhalten und Radsätze von Güterwagen instandgesetzt. Die Ende des 19. Jahrhunderts gegründeten «Officine» sind für die Tessiner Kantonshauptstadt ein integraler Bestandteil der eigenen Geschichte. Aus Angst vor einem definitiven Aus dieses Industriewerks wurde damals erfolgreich eine Volksinitiative lanciert. Dahinter stand die Idee, die SBB-Werkstätten in ein Zentrum für Bahntechnologie und öffentlichen Verkehr auszubauen.

Doch mittlerweile ist viel passiert. «Seit 2008 hat sich die Situation radikal geändert», sagt der kantonale Wirtschafts- und Finanzdirektor Christian Vitta (FDP). Tatsächlich haben die SBB das Projekt für eine neue Werkstätte in Bellinzonas Vorort Castione lanciert. Dort soll der Unterhalt moderner Triebzüge erfolgen. Bis 2026 soll das 360-Millionen-Franken-Projekt realisiert sein. Der Grosse Rat hat als Beteiligung 100 Millionen Franken und die Stadt Bellinzona 20 Millionen gesprochen.

Komitee warnt vor Stellenabbau

Der Tessiner Bau- und Verkehrsdirektor Claudio Zali (Lega) sagt: «Das SBB-Projekt bedeutet eine klare Zukunftsperspektive.» Im Falle einer Annahme der Initiative wären hingegen rechtliche und finanzielle Unwägbarkeiten die Folge. Roberta Cattaneo, SBB-Direktorin für die Region Süd, warnt ebenfalls vor einer Annahme: «Dann gehen wir hinter den Startpunkt zurück.» Ganz anders sieht es das Initiativkomitee, das aus dem einstigen Streikkomitee hervorgegangen ist. «Trotz Kantonsbeteiligung in Millionenhöhe werden Arbeitsplätze abgebaut», sagt der ehemalige Streikführer Gianni Frizzo. Von einem guten Deal könne keine Rede sein. Laut dem Komitee werden 300 Jobs wegfallen. Die SBB bestreiten dies. Das neue Werk werde 200 bis 230 Angestellte benötigen. Heute arbeiten 340 Fest- und 45 Temporärangestellte in den «Officine». Laut Initiativkomitee könnten in Bellinzona Kompetenzen in der Bahntechnik sowie Arbeitsplätze garantiert werden, die ansonsten auf immer verloren gingen. Das neue Werk in Castione sei allenfalls komplementär.

Die SBB unterstützen das Anti-Initiativ-Komitee mit 35000 Franken, was Kritik ausgelöst hat. Solche mussten aber auch die Initianten einstecken: Sie nutzen für ihre Kampagne unter anderem 120 000 Franken aus Spenden, die einst während des Streiks für bedürftige Arbeiter und ihre Familien gesammelt wurden.