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Die letzte IS-Bastion in Syrien steht kurz vor dem Kollaps

In diesen Tagen könnte die letzte Bastion des «Islamischen Staates» im Osten Syriens fallen. Kurz vor den Angriffen ist IS-Chef Baghdadi untergetaucht. Auch Hunderte Frauen und Kinder flüchten derzeit durch die Wüste vor den Angriffen.
Thomas Seibert, Istanbul und Martin Gehlen
Zivilisten fliehen vor den Angriffen in Baghuz und warten auf Busse, die sie in Sicherheit bringen. (Bild: Chris McGrath/Getty, 9. Februar 2019)

Zivilisten fliehen vor den Angriffen in Baghuz und warten auf Busse, die sie in Sicherheit bringen. (Bild: Chris McGrath/Getty, 9. Februar 2019)

In einem kleinen Dorf am Euphrat könnte in diesen Tagen das Schlusskapitel des «Kalifats» des «Islamischen Staates» in Syrien geschrieben werden. Amerikanische Kampfjets und kurdische Bodentruppen greifen in der Gegend um die Ortschaft Baghuz im Südosten von Syrien an der irakischen Grenze die letzte Bastion des IS an. Schätzungsweise 500 bis 600 IS-Kämpfer haben sich mit ihren Familien in dem Dorf verschanzt. Darunter sind viele kriegserfahrene Extremisten, die sich entschlossen haben, bis zum bitteren Ende Widerstand zu leisten. Ihr Anführer, IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi, ist wahrscheinlich jedoch nicht unter ihnen. Er soll geflohen sein, möglicherweise nach einem Attentatsversuch aus den eigenen Reihen.

Auf dem Höhepunkt ihrer Schreckensherrschaft im Jahr 2015 kontrollierten die Dschihadisten grosse Teile von Zen­tral- und Ost-Syrien sowie der westlichen Provinzen des Nachbarn Irak. IS-Kämpfer überrannten Städte wie Rakka in Syrien und Mossul im Irak und erhielten starken Zulauf von Extremisten aus aller Welt.

Massenexodus aus Baghuz

Der Anfang vom Ende für das «Kalifat» kam, als sich die USA mit der syrischen Kurdenmiliz YPG verbündeten, um gegen die Dschihadisten vorzugehen. In den vergangenen drei Jahren ist der IS durch Luftanschläge der USA und anderer westlicher Staaten sowie durch Angriffe der kurdischen Verbände am Boden immer weiter zurückgedrängt worden. Im Irak setzten Offensiven der irakischen Armee und pro-iranischer Milizen dem «Islamischen Staat» zu.

Trotz des militärischen Erfolges gibt es erhebliche Spannungen innerhalb der internationalen Front gegen den IS: Die Türkei betrachtet die Kurdenmiliz YPG als Terrorgruppe und will nach dem angekündigten Abzug der USA aus Syrien gegen sie vorgehen. Die Kurden fühlen sich vom Westen allein gelassen.

Derzeit kämpfen sie jedoch weiter an der Seite der USA. Der Widerstand der verbleibenden IS-Trupps bei Baghuz in den letzten drei bis vier von den Extremisten beherrschten Quadrat­kilometern sei erbittert, meldete am Montag die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Die Nachrichtenagentur AP berichtete, Landminen und Selbstmordanschläge des IS erschwerten den Vormarsch der Angreifer.

Die Anti-IS-Koalition hatte mit dem Beginn ihrer Schluss­offensive eine Woche gewartet, um Zivilisten die Möglichkeit zu geben, die Gegend zu verlassen. Wie aktuelle Bilder zeigen, flüchteten Hunderte tief verschleierte Frauen und Kinder zu Fuss durch die Wüste, um sich hinter den Linien der arabisch-kurdischen Angreifer in Sicherheit zu bringen. Auch liessen sich scharenweise demoralisierte IS-Gotteskrieger von Soldaten der «Syrisch-Demokratischen Kräfte» gefangen nehmen und in Bussen abtransportieren. Nach unbestätigten Berichten baten sie um freies Geleit in die von islamistischen Rebellen kontrollierte Provinz Idlib im Westen Syriens. Andere Kämpfer lehnen es ab, sich zu ergeben. Fliehen können sie nicht: Pro-iranische Milizen und französische Truppen riegeln die irakische Seite der Grenze ab.

Trump will im Februar Sieg über IS verkünden

Angesichts dieses Massenexodus bekamen dieser Tage viele Regierungen – darunter Deutschland, Frankreich, Belgien, Tunesien und Marokko – Post aus Washington. Sie sollen ihre Fanatiker zurücknehmen und vor nationale Gerichte stellen, forderten die Amerikaner. Denn die Kurden möchten ihre brisanten Gefangenen möglichst rasch wieder loswerden. Und so wächst in den Augen des Pentagon die Gefahr, die nordsyrischen Verbündeten könnten die IS-Verbrecher schon sehr bald wieder laufen lassen. Noch im Februar will Donald Trump den endgültigen Sieg über den IS in Syrien ausrufen.

Eine Einnahme von Baghuz durch die Kurden wäre allerdings erst das Ende des «Kalifats» – nicht aber das Ende des IS. In der Badia-Wüste halten sich noch Verbände der Extremisten, auch wenn sie dort kein Gebiet mehr völlig kontrollieren können. IS-Anhänger verüben zudem immer wieder Terroranschläge in Gebieten, aus denen die Extremisten längst vertrieben worden sind. Mitte Januar tötete ein IS-Selbstmordattentäter im nordsyrischen Manbidsch 18 Menschen, darunter vier US-Soldaten.

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