«Die Krise ist eine grosse Chance»

Die Grünen sind im Aufwind. Die neue Fraktionschefin Maya Graf äussert sich im Interview zur Wirtschaftskrise, zu Frauen in Verwaltungsräten, zur Bundesratskandidatur und zu Gemeinsamkeiten mit der SVP.

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«Wir wollen der SP nicht schaden»: Maya Graf, Fraktionschefin der Grünen. (Bild: ky/Peter Klaunzer)

«Wir wollen der SP nicht schaden»: Maya Graf, Fraktionschefin der Grünen. (Bild: ky/Peter Klaunzer)

Frau Graf, die Grünen gehörten zuletzt immer zu den Wahlsiegern: In den Kantonen, auf nationaler Ebene, in Europa. Gibt es heute am Parteitag Champagner?

Maya Graf: Wir freuen uns über diese Erfolge. Sie bestärken uns, die Arbeit so weiterzuführen, wie wir es seit über 25 Jahren machen. Die Diagnose der Grünen ist: Wir haben nicht nur eine Wirtschafts- und Finanzkrise, sondern auch Probleme beim Klima oder bei der weltweiten Verteilung von Nahrungsmitteln. Das spüren die Leute, darum haben wir eine hohe Glaubwürdigkeit.

Wollen Sie den Aufschwung jetzt ausnützen und mit einer eigenen Kandidatur um den freiwerdenden FDP-Sitz kämpfen – trotz der relativen Aussichtslosigkeit?

Graf: Wir werden uns eine Kandidatur überlegen und nach der Sommerpause entscheiden. Als Zehn-Prozent-Partei haben wir Anspruch auf einen Sitz. In erster Linie geht es für uns darum, dass jemand gewählt wird, der sich für nachhaltige Entwicklung einsetzt.

Es gäbe für die Grünen einen weiteren Grund zum Feiern: Dank dem Zusammenbruch von Teilen der Autoindustrie scheint über Nacht einzutreffen, was sie schon immer gefordert haben: Autos, die weniger Benzin schlucken.

Graf: Wir jubeln nicht, wenn Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren. Denn die Rechnung zahlen nie diejenigen, welche die Verantwortung für das Debakel tragen, sondern die Arbeitnehmenden oder die Umwelt.

Aber es stimmt, wir haben schon lange darauf hingewiesen, dass die Industrie effizientere Autos bauen und von dieser Erdölabhängigkeit wegkommen muss. Alle wussten, dass es so nicht weitergehen kann. Doch getan wurde fast nichts.

Ist die Krise in Ihren Augen ein heilsamer Schock?

Graf: Die Krise ist auch eine grosse Chance. Aber nur dann, wenn der nächste Aufschwung ein ökologischer Umschwung ist.

Was heisst das konkret?

Graf: Wir müssen in den ökologischen Umbau der Wirtschaft investieren. In erneuerbare Energien, in Energieeffizienz, in Gebäudesanierungen, in grüne Technologien. Zum Green New Deal gehören auch Investitionen in Bildung und Forschung. Dies schafft Arbeitsplätze, hilft dem Klima und ist das beste Mittel, um eine nächste Krise abzuwenden.

Wer soll das alles in Zeiten von sinkenden Einnahmen bezahlen?

Graf: Der Staat hat offenbar Milliarden, um die UBS zu stützen. Jetzt hat er auch die Pflicht, zukunftsweisend zu investieren und den Menschen zu helfen, die arbeitslos sind oder ihre Krankenkasse nicht mehr bezahlen können. Es ist besser, Arbeitsplätze zu schaffen, als Steuern zu senken.

Die Grünen Frauen sagen, an der Wirtschaftskrise seien vor allem die Männer schuld. Ist das nicht ein bisschen einfach?

Graf: Ich rede nicht von Männern, sondern von männlichem Denken, das risikoreicher, kurzfristiger und eher aufs Prestige gerichtet ist. In der Finanzwelt hat das geschadet. Es gab ja in den obersten Stufen praktisch keine Frauen.

Was ist mit der nächsten Generation? Wie gehen wir mit unseren Ressourcen um? Macht das alles einen Sinn? Ich glaube tatsächlich, dass dies eher weibliche Ansätze sind.

Aber wird die Welt besser, wenn 40 Prozent der Mitglieder aller Verwaltungsräte weiblich sind, wie Sie fordern?

Graf: Ich glaube an Veränderung, sonst würde ich nicht Politik machen. Die Quotenfrage ist eine alte Frage. Sie wurde immer ein bisschen belächelt. Aber das Potenzial für mehr Frauen in Führungsetagen ist da.

Wir müssen sie nur nutzen und dafür schauen, dass die Balance zwischen Beruf und Familie besser gelingt, für Frau und Mann.

Was macht Sie so sicher, dass ein Umdenken stattfindet?

Graf: Wenn ich die Debatten hier im Rat mitverfolge, habe ich manchmal die Befürchtung, dass wir nichts aus der Finanzkrise lernen.

Aber wir müssen uns bewegen: Niemand in der Bevölkerung, der gerade genug zum Leben verdient, versteht, wie jemand 200mal so viel Lohn haben kann. Hier ist es die Aufgabe der Politik zu sagen, das geht nicht.

Für einen Lohndeckel bei der vom Staat abhängigen UBS hat sich zuletzt auch die SVP stark gemacht. Auch in Militärfragen oder in der Gesundheitspolitik haben Sie ähnliche Rezepte: Wie erklären Sie Ihren Wählern diese unheilige Allianz?

Graf: Das ist ja schon länger so.

Wir haben natürlich andere Ziele als die SVP, kommen aber gerade in Militärfragen oft zum gleichen Schluss, beispielsweise bei den Auslandeinsätzen, aber auch bei der Agrarpolitik, wo wir mit der SVP die Skepsis gegenüber dem Agrar-Freihandel mit der EU teilen. Punktuelle Partnerschaften gibt es auch mit der CVP. Wir brauchen schliesslich Mehrheiten, um vorwärts zu kommen. Der zuverlässigste Partner für uns ist aber die SP.

Schmerzt es da nicht, dass Sie vor allem der SP Wähleranteile abjagen?

Graf: Es liegt nicht in unserem Interesse, dass die SP geschwächt wird, weil wir einen starken Partner brauchen. Wir haben aber beispielsweise bei den Kantonsratswahlen in Solothurn oder Aargau mit der Wahl von Biobauern auch gesehen, dass wir neue Wählerschichten mobilisieren konnten.

Die Grünen haben als einzige Partei im Nationalrat mehr Frauen (11) als Männer (10). Wann müssen Sie eine Quote für Männer einführen, um das Geschlechterverhältnis zu wahren?

Graf: (lacht). Nein, das brauchen wir nicht. Wir haben ein entspanntes und ausgeglichenes Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Die Grünen haben schon immer viel Wert darauf gelegt, dass Frauen eine gute Position haben. Unser Erfolg zeigt, dass wir das den anderen Parteien nur empfehlen können.

Interview: Jürg Ackermann, Bern