Die Kostenbilanz spricht immer stärker für das Auto – und gegen den Zug

Die Strasse wird tendenziell billiger, die Schiene teurer, und das Generalabonnement kostet vielleicht bald mehr als 4000 Franken. Je nach Auto fahren Familien finanziell auf der Strasse schon heute besser.

Kari Kälin
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Ob Politiker, Verbände oder Kunden: Von allen Seiten hagelt es Proteste wegen der Pläne von CH-Direkt, das GA ab 2021 um 10 Prozent auf 4250 Franken zu verteuern. Zu CH-Direkt gehören rund 250 Transportunternehmen des öffentlichen Verkehrs.

Werden Pendler durch höhere ÖV-Preise auf die Strasse getrieben, wie zum Beispiel der Verkehrs-Club der Schweiz (VCS) befürchtet? Tatsache ist: Die finanzielle Bilanz verschiebt sich zusehends zu Ungunsten der Schiene. Von 2010 bis 2015 sanken die Kosten pro Personenkilometer für Autofahrer um 7 Prozent, für Zugfahrer stiegen sie um gleich viel an. Das zeigt folgende Grafik:

Während zum Beispiel Benzin- und Autopreise sanken, stiegen die Billettpreise. Unter dem Strich ist ein Kilometer im Zug aber im Durchschnitt gemäss einer aktuellen Erhebung des Bundesamtes für Statistik immer noch 8 Rappen billiger als auf der Strasse. Dies ist der Fall, obwohl die Autofahrer mit 86 Prozent einen viel höheren Anteil an den von ihnen verursachten Gesamtkosten tragen als die Zugfahrer (46 Prozent).

Günstige Occasion anstatt teure Karosse

Je nach Konstellation und Mobilitätsbedürfnis lohnt es sich indes auch wirtschaftlich, auf ein Auto anstatt ein GA zu setzen. Nehmen wir eine Familie mit zwei Kindern im Alter von 14 und 17 Jahren. Wenn alle Familienmitglieder ein GA besitzen, müssen sie dafür derzeit pro Jahr 8165 Franken hinblättern. Der Touring Club Schweiz (TCS) rechnet in einem Musterbeispiel vor, dass dieselbe Familie im Jahr rund 10630 Franken für Mobilität ausgibt, wenn das Auto 35000 Franken gekostet hat und damit jährlich 15000 Kilometer gefahren werden. Pro Kilometer ergeben sich Kosten von 71 Rappen. Darin eingerechnet sind Fixkosten wie die Amortisation, aber auch variable Kosten wie das Benzin. Kauft die Familie aber ein Auto für 12000 Franken, sinken die jährlichen Kosten auf rund 6750 Franken. Vereinfacht gesagt: Wenn die vierköpfige Familie mit einem günstigen Occasion anstatt einer teuren Karosse unterwegs ist, fährt sie finanziell schon heute besser als mit dem GA. Mit der angedachten Preiserhöhung wird die Strasse gegenüber dem ÖV noch attraktiver.

Bloss: Wenden sich ÖV-Pendler deswegen im grossen Stil von der Bahn ab? Daniel Müller-Jentsch, der sich als Ökonom bei Avenir Suisse mit Verkehrsfragen befasst, glaubt das nicht. «Der Benzinpreis unterliegt relativ starken Schwankungen. Wenn er noch oben ausschlägt, steigen die Leute deswegen nicht auf die Schiene um», sagt er. Müller-Jentsch rechnet aber damit, dass in Zukunft die Transportkosten pro Personenkilometer für die Strasse im Verhältnis zur Schiene tendenziell weiter fallen werden. «Im Strassenverkehr beobachten wir eine deutlich höhere Innovationsdynamik. Beispiele sind ­moderne Taxidienste, Elektromotoren oder autonom fahrenden Autos», sagt er. Der öffentliche Verkehr hinke hinterher. «Die Politik schnürt immer wieder neue Milliardenpakete für den Ausbau der Bahninfrastruktur, anstatt das Potenzial der bestehenden besser zu nutzen.»

Müller-Jentsch gibt zu bedenken, dass die durchschnittliche Sitzauslastung bei den SBB im Fernverkehr nur 32 Prozent betrage. Die schlechte Auslastung sei ein strukturelles Problem, das sich nur durch variable Tarife lösen liesse. Nur wenn es gelinge, die Nachfragespitzen zu glätten und die Auslastung in Nebenverkehrszeiten zu erhöhen, könne der ÖV sein massives Kostenproblem in den Griff bekommen. «So gesehen wäre ein höherer GA-Preis nur ein erster Schritt auf dem Weg zu einer neuen Tarifstruktur.»