Die Klimajugend will Roger Federer zum Klimahelden machen – wenn er die Credit Suisse zum Umdenken bewegt

Roger Federer könnte zum Helden werden, wenn es der Markenbotschafter der Credit Suisse schaffe, «seine» Bank zum Umdenken in Klimafragen zu bringen. Das sagt die Klimabewegung. Sonst droht dem Tennisstar die Rolle des Buhmanns.

Othmar von Matt
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Handshake zwischen Tidjane Thiam (CEO der Credit Suisse) und Roger Federer (Markenbotschafter der CS).

Handshake zwischen Tidjane Thiam (CEO der Credit Suisse) und Roger Federer (Markenbotschafter der CS).

Sie betraten die Lausanner Filiale der Credit Suisse an der Rue du Lion d’Or mit Tennisschlägern. Und als erstes gaben die Peace Keeper der Gruppe Entwarnung: «Keine Angst. Wir greifen niemanden an, schlagen nichts kaputt.» Dann machten sich die bunt gekleideten Aktivisten ans Einlaufen, spannten ein Netz auf und spielten Tennis.

Sie nahmen damit Bezug auf Roger Federer, seit 2009 Markenbotschafter der Credit Suisse. Die Aktion fand unter dem Hashtag #SiRogerSavait statt: Wenn Federer nur wüsste, dass «seine» Bank «das Klima zerstört», wie auf einem Transparent zu lesen war.

Das Tennisspiel fand am 22. November 2018 in den CS-Filialen Lausanne, Genf und Basel statt. Am Montag erregte es plötzlich weltweites Aufsehen, weil Richter Philippe Colelough die 12 Aktivisten von Lausanne frei sprach vom Vorwurf des Hausfriedensbruchs. Seine Begründung: der «rechtfertigende Notstand» der Klimakrise.

Jubel über den Freispruch der 12 Klimaaktivisten, die in der Lausanner Filiale der Credit Suisse Tennis spielten.

Jubel über den Freispruch der 12 Klimaaktivisten, die in der Lausanner Filiale der Credit Suisse Tennis spielten.

Keystone

Im März gibt es eine provisorische schwarze Liste der Banken

Für die Klimajugend ist das Urteil idealer Ausgangspunkt für einen umfassenden Angriff auf den Schweizer Finanzplatz. Sie hat ihn schon im November eingeleitet mit 300 Briefen an Banken und Versicherungen. Am 1. März will die Bewegung eine provisorische schwarze Liste der Schweizer Banken publizieren, die als Klimaverschmutzer gelten. Im Juni wird sie definitiv.

Auch Roger Federer soll noch stärker unter Druck gesetzt werden. Der globale Tennisstar hatte sich am Tag vor dem Prozess in Lausanne überraschend zu Wort gemeldet und «grossen Respekt und Bewunderung für die Jugendklimabewegung» ausgedrückt.

Mit dem Statement öffnete Federer eine Türe. Die Klimabewegung will nun mehr. «Unser Ziel ist es, dass er die CS öffentlich dazu auffordert, ihre Investitionspolitik zu ändern», sagt Olivier de Marcellus vom Genfer Kollektiv Break Free. «Und dass er seine Beziehung zur CS abbricht, falls sie das nicht tut.»

De Marcellus liegt mit Break Free am Ursprung der Federer-Aktion vom 22. November 2018. Das Kollektiv hatte am 8. Februar 2019 versucht, auch direkt mit Federer in Kontakt zu treten, als dieser für den Laver-Cup in Genf war. «Ein Treffen wurde uns aber aus Sicherheitsgründen verweigert.»

De Marcellus glaubt, Federer biete sich zurzeit ein historisches Zeitfenster. «Er kann zum Klimahelden werden», sagt er. Stephanie Wyss vom Klimastreik warnt, dass es auch anders laufen könnte. Die Bewegung würde es «sehr begrüssen», wenn Federer die CS vom Divestment, dem Ausstieg aus den fossilen Investitionen, überzeugen könnte, sagt sie. «Federer ist eine sehr beliebte Persönlichkeit. Seine Verbindung mit der Umweltzerstörerin CS schadet aber seinem Image.» Oder anders formuliert: Schafft Federer die Heldenrolle nicht, droht ihm jene des Buhmanns.

Klimajugend nutzt Federer als Hebel gegen die Credit Suisse

Dass die Klimaaktivisten CS-Markenbotschafter Federer als Hebel nutzen, um an die Credit Suisse heranzukommen, ist kein Zufall. Jahrelang versuchten sie vergeblich, mit der Grossbank ins Gespräch zu kommen, die gemäss dem NGO-Finanzreport 2019 «Banking on Climat Change» auf Rang 14 aller Banken liegt, wenn es um Kredite für Unternehmen im fossilen Bereich geht. Sie investierte zwischen 2016 und 2018 57,4 Milliarden Dollar und ist damit die Nummer drei in Europa und die Nummer eins in der Schweiz.

Das Genfer Kollektiv Break Free hatte ab 2016 Aktionen gegen die CS durchgeführt und der Bank immer wieder Briefe geschrieben. «Wir erhielten nie Antworten», sagt de Marcellus. Ein einziges Mal habe manv mit einem Risk Officer der CS sprechen können.

Die CS blieb auch dem Prozess gegen die 12 Aktivisten fern, die freigesprochen wurden. «Die Klimaaktivisten sagen, es sei einfacher, eine Antwort von Roger Federer zu bekommen als von der CS», hält Marie-Pomme Moinat fest. Die Anwältin hat mit Kollegin Irène Wettstein für den Prozess elf Kollegen aus verschiedenen Parteien organisiert, bestätigte Strafrechtler. Die Aktivisten hätten stets den Dialog gesucht mit der CS, sagt Anwältin Wettstein. Die CS habe aber «nie» geantwortet. «Wir empfanden es als arrogant.»

Weltweit «extremste Schritte gegen Klima-Protester»

Umso mehr, als die CS mit einer harten Haltung auffällt, wenn es um Aktionen des zivilen Ungehorsams geht. Zusammen mit der UBS hat die CS in den letzten Jahren Strafanzeigen eingereicht, die Hunderte von Aktivisten betreffen. Die internationale Organisation BankTrack, welche Finanzströme von Privatbanken verfolgt, schreibt in einem Blogbeitrag, CS und UBS würden weltweit «die extremsten Schritte gegen Klima-Protester» ergreifen, gehörten aber zu den «schlimmsten Klimasündern» Europas (Stellungnahme CS rechts). Inzwischen haben Klimaaktivisten aus der Westschweiz die Homepage discreditsuisse.ch online gestellt.

In den kommenden Monaten kommt es in Genf, Lausanne, Zürich und Basel zu einer ganzen Reihe von Prozessen gegen Hunderte on Angeklagten. Das hängt auch mit dem Vorgehen der Klimabewegung zusammen. Sie ist nicht bereit, Strafbefehle ohne Gerichtsverfahren entgegenzunehmen.

Klimabewegung ficht Strafbefehle konsequent an

«Es ist Strategie, Strafbefehle anzufechten, um die Bevölkerung in Gerichtsprozessen über die Klimakrise informieren zu können», sagt Anwältin Moinat. De Marcellus formuliert es härter: «Wir nutzen Prozesse, um die wahren Verbrechen bekannt zu machen.»

Als sie die Strafbefehle über insgesamt 21’600 Franken sahen, hätten sie als Studenten zuerst «leer geschluckt», sagt Beate Thalmann, Aktivistin des 22. Novembers in Lausanne. Das will die Klimajugend nicht einfach hinnehmen.

«Wenn die CS weiterhin Menschen unter anderem mit Geldbussen bestraft, die friedvoll auf ihre dreckigen Geschäfte aufmerksam machen», warnt Stephanie Wyss, «bekommt sie mal eine Busse zurück für all die Arbeitsstunden wie auch das Ausmass der Zerstörungen, das sie mit ihren Geschäften angerichtet hat.» Diese Busse wäre «in Millionen- wenn nicht Milliardenhöhe».

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