Mobbing-Affäre an der ETH: Kommission stellt sich gegen Hochschulleitung

Der lange unter Verschluss gehaltene Bericht zum Mobbingfall an der ETH weist Mängel auf. An der Entlassung einer Professorin hält die Hochschule dennoch fest.

Yannick Nock
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Die Affäre um die Astro­nomie-Professorin Marcella Carollo hat dem Ruf der ETH geschadet. (Bild: Keystone)

Die Affäre um die Astro­nomie-Professorin Marcella Carollo hat dem Ruf der ETH geschadet. (Bild: Keystone)

Es sind 67 Seiten, die eine der grössten Krisen der ETH Zürich ausgelöst haben. Seit Monaten sorgt der unveröffentlichte Bericht über die Administrativuntersuchung zur Mobbingaffäre für Schlagzeilen. Nationale und internationale Medien berichteten über die umstrittene Astro­nomie-Professorin Marcella Carollo, die über Jahre Doktoranden schikaniert haben soll. Nun hat die Hochschule den Untersuchungsbericht offengelegt. Aufgrund des gestiegenen öffent­lichen Interesses und der Transparenz wegen habe sich die ETH zu diesem Schritt entschieden, schrieb die Schule gestern.

Der Bericht umfasst Einzelheiten der Anschuldigungen und zeichnen ein schlechtes Bild von Carollos Umgang mit Doktoranden. Es sind die bisher unveröffentlichten Details. Mehrere Doktoranden erklären darin, dass die Professorin sie angeschrien oder beleidigt habe. Bereits eine schlechte Körperhaltung sei Grund genug gewesen. «Ich war psychisch am Ende, so konnte ich nicht weitermachen, der Druck war zu hoch», gibt eine Doktorandin zu Protokoll.

Es fehle die Objektivität

Im Bericht kommen auch Angestellte zu Wort. Es seien Wetten abgeschlossen worden, ob die neue Sekretärin Carollos länger als ein bis zwei Jahre bleiben werde. Die Vorgängerinnen wechselten im Schnitt nach vier bis sechs Monaten die Stelle. Carollo selbst bestreitet die Vorwürfe. Sie sieht sich selbst als Opfer einer Intrige enttäuschter Doktoranden. Auf Basis des Berichts beantragte der neue Präsident der ETH Zürich, Joël Mesot, die Freistellung Carollos. Sollte es so weit kommen, wäre das die erste Entlassung in der 164-jährigen Geschichte der Hochschule. Der ETH-Rat wird darüber entscheiden.

Doch so eindeutig ist die ­Sache nicht. Bemerkenswert ist die Beurteilung der Professoren-Kommission, welche die Kün­digung untersucht hat. Ihre ­Einschätzung wurde gestern ebenfalls veröffentlicht. Darin kritisiert sie den Mobbingbericht: «Beim Studium der Akten stellten wir fest, dass der Untersuchungsbericht kein in allen Punkten ausgewogenes Bild vermittelt.» Vielmehr würden für Carollo belastende Aspekte übergewichtet, positive hingegen nur einzeln Eingang in den Bericht finden. Des Weiteren würden Aussagen der Professorin aus dem Zusammenhang gerissen.

Allerdings sind die Verfehlungen Carollos auch für die Kommission unbestritten. Das ihr zur Last gelegte Verhalten wiege schwer. Letztlich zeichne sich ein Bild einer fachlich anerkannten Professorin ab, die allerdings ­signifikante Defizite in der Sozialkompetenz habe. Deshalb gäbe es dringenden Handlungsbedarf. «Es ist zwar nicht Aufgabe der Schulleitung, Studierenden und Doktorierenden eine Wohlfühl­umgebung zu garantieren. Aber sie muss Entgleisungen wie im Fall der Professorin frühzeitig aufdecken und unterbinden.»

Bericht kostet 225000 Franken

Freistellen würde die Kommission Carollo allerdings nicht: «Auf eine Entlassung ist zu verzichten», heisst es. Vielmehr dürfe Carollo nicht mehr alleine Doktoranden betreuen, und sie müsse einen Führungskurs belegen. Zudem sollte man ihr eine Probezeit von mindestens zwei Jahren auferlegen, empfehlen die Professoren. Das sieht die ETH-Führung anders. Bereits Mitte März kündete Präsident Mesot die Entlassung an. Er betonte ­damals, dass sich die Professorin während des kompletten Verfahrens uneinsichtig zeigte und sich bis heute keines Fehlverhaltens bewusst sei.

Der Fall kommt der ETH nicht nur wegen der Reputation teuer zu stehen. 225000 Franken hat die Untersuchung gekostet, wie die Hochschule auf Anfrage mitteilt. Und es dürfte nicht das letzte Kapitel im Fall Carollo bleiben. Die Beschuldigte hat bereits angekündigt, in Berufung zu gehen, sollte der ETH-Rat die Entlassung aussprechen. Die Professoren-Kommission warnt deshalb: Es sei sehr wahrscheinlich, dass die allfällige Kündigung von einem Gericht als ungerechtfertigt eingestuft werden würde.