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Die Erstfahrt im neuen, schnellen Gotthardzug Giruno: «Nie gerät er ins Wanken»

Nur Pleiten und Pannen bei den SBB? Die Erstfahrt des neuen Gotthardzuges ist ein Akt der Selbstvergewisserung. Ein Reisebericht.
Sven Altermatt
Lokführer Marcel Tonini bei der ersten offiziellen Fahrt im Gotthardzug Giruno von Stadler Rail im Zürcher Hauptbahnhof. (Bild: Keystone/ Walter Bieri, Zürich, 8. Mai 2019)

Lokführer Marcel Tonini bei der ersten offiziellen Fahrt im Gotthardzug Giruno von Stadler Rail im Zürcher Hauptbahnhof. (Bild: Keystone/ Walter Bieri, Zürich, 8. Mai 2019)

Der Zug fährt also. Sanft rollt der Giruno des Thurgauer Herstellers Stadler aus dem Zürcher Hauptbahnhof. Die Lautsprecher knacken, gut gelaunt begrüsst der Zugchef die Reisenden des Interregio 46 nach Erstfeld. «Guten Morgen, geschätzte Fahrgäste!», tönt es aus den Lautsprechern.

Alles ganz vertraut, alles ganz unaufgeregt. Dabei ist an diesem Mittwochmorgen der neue Gotthard-Zug erstmals mit Kunden an Bord unterwegs – was der Zugchef unwissenden Fahrgästen vorsorglich dann doch noch erklärt. Wer nun viel Pomp und Spektakel erwartet, wird enttäuscht. Noch 1956 glich die Erstfahrt der neuen Gotthard-Lokomotive «einem Triumphzug durch die Schweiz», wie die «NZZ» damals rapportierte.

Im Vergleich dazu ist die Jungfernfahrt des Giruno – die SBB haben 29 Kompositionen für knapp eine Milliarde Franken bestellt – schon fast verdächtig normal. Im Zug sind immerhin Stadler-CEO Thomas Ahlburg und SBB-Spitzenmanager Toni Häne dabei, ebenso Dutzende Bahnfunktionäre und Journalisten.

In den Abteilen hat sich der aus Autos bekannte Neuwagenduft noch nicht verflüchtigt, der Innenraum wirkt zugleich hochwertig wie unprätentiös.

(Bild: KEYSTONE/Walter Bieri)

(Bild: KEYSTONE/Walter Bieri)

Die Sitze sind ordentlich gepolstert, die Abfalleimer aus Chromstahl und die Akustik angenehm gedämpft. So weit, so unspektakulär.

Immerhin: Die geschlechtergetrennten Toiletten haben schon für einige Schlagzeilen gesorgt. Fahrgastvertreter bemängeln, dass das Pissoir etwas gar klein geraten sei.

(Bild: Twitter/ Christian Ginsig)

(Bild: Twitter/ Christian Ginsig)

Der Detailgrad dieser Kritik verdeutlicht, warum die Giruno-Premiere eben doch aussergewöhnlich ist: Weil die Schweizer Bahnwelt gerade von einem beispiellosen Trauerspiel erschüttert wird – und so eine reibungslose Erstfahrt plötzlich einem Akt der Selbstvergewisserung gleicht. «Wir können es noch», lautet die Devise, die auf dieser Fahrt über allem schwebt. Denn derzeit sind es vor allem zwei Ausdrücke, die den SBB-Zügen anhaften: Pleiten und Pannen.

Verantwortlich dafür ist die Einführung des Fernverkehrszuges FV-Dosto – die grösste Rollmaterialbestellung in der Geschichte der SBB ist ein endloses Drama. Seit über fünf Jahren verzögert sich die Auslieferung der Züge, erst seit dem vergangenen Fahrplanwechsel sind die ersten im Einsatz. Weil es im Obergeschoss stark schüttelt, nennen viele Reisende den FV-Dosto schlicht Schüttelzug.

Wettstreit der Prestigezüge

Toni Häne steht in einem der Erstklassabteile und lacht gelöst, draussen glitzert der Zürichsee unter grauen Wolken. Ohne Zweifel, sagt der Personenverkehr-Chef der SBB, diese Fahrt tue gut. «Wir können demonstrieren, dass wir sehr wohl in der Lage sind, so eine grosse Bestellung zu managen.»

Häne ist seit 48 Jahren bei den SBB, er fing als Stationslehrling an und ist heute die Nummer zwei im Konzern. Wenn einer versteht, warum das Image zuletzt gelitten hat, wenn einer einordnen kann, welch identitätsstiftende Rolle die SBB als nationale Institution haben, dann ist es der Mann mit dem grauen Schnauz.

Über den FV-Dosto redet Häne nicht, nicht an diesem Tag. Auch Stadler-CEO Thomas Ahlburg spricht in einer kurzen Ansprache im Zug nur über seinen Giruno, die Zwischentöne jedoch sind vieldeutig. Stolz sei er auf den «ersten Hochgeschwindigkeitszug in unserer Unternehmensgeschichte», sagt Ahlburg.

«Es ist möglich, am Werkplatz Schweiz innovative Fahrzeuge zu bauen.»

Thomas Ahlburg, CEO von Stadler. (Bild: KEYSTONE/Walter Bieri)

Thomas Ahlburg, CEO von Stadler. (Bild: KEYSTONE/Walter Bieri)

Dass die Bundesbahnen vor zehn Jahren ihren bis dato grössten Auftrag an den kanadischen Bahnmulti Bombardier vergaben und den einheimischen Zugbauer Stadler aufs Abstellgleis schickten? Ahlburg würde sich nur selbst schaden, wenn er angesichts der aktuellen Wirren mit Schadenfreude reagieren würde.

Tatsächlich könnte man die Geschichte der beiden Prestigezüge auch entlang eines «Bad guy and good guy»-Plots erzählen. Anders als beim FV-Dosto, rechnen beim Giruno alle Verantwortlichen mit einer reibungslosen Einführung. Zum Warmlaufen verkehren einige Kompositionen vorerst als Interregio zwischen Basel und Zürich, ab dem nächsten Fahrplanwechsel fahren sie auf der Gotthardachse bis ins Tessin und wohl ab Frühjahr 2020 weiter bis Mailand.

Fachsimpeln über Laufruhe

Natürlich, da ist noch die Frage aller Fragen: Wie kommt der Zug bei den Kunden an? Unter die ersten Fahrgäste haben sich einige ferrophil veranlagte Zeitgenossen gemischt. In einem Zweitklass-Abteil fachsimpeln zwei Mittsiebziger über die Laufruhe des Giruno. «Nie gerät er ins Wanken», schwärmt einer der Senioren.

Gotthardzug Giruno. (Bild: KEYSTONE/Walter Bieri)

Gotthardzug Giruno. (Bild: KEYSTONE/Walter Bieri)

Der andere lobt «diese innere Ruhe», die starke Dämmung gegen Schall und den druckdichten Wagenkasten. In einer kurzen Umfrage im Zug fällt immer wieder ein Begriff: Geräumigkeit. Von den Abteilen mit viel Beinfreiheit über die Gepäckzone bis hin zu den badezimmerhaften Toiletten, alles sei grosszügig ausgelegt.

Ein wenig getrübt wird die Erstfahrt einerseits, weil der Giruno Erstfeld mit vier Minuten Verspätung erreicht. Und andererseits wegen einer Türstörung, die in einem Zugsteil auftritt. Zum Glück, sagt eine Reisende aus Arth-Goldau. «Fänden Sie es nicht unheimlich, wenn gar nichts schiefgehen würde?»

Stadler Rail präsentiert den Giruno im Mai 2017

Peter Spuhler überreicht SBB-Chef Andreas Meyer als Geschenk eine Busshard-Skulptur. Der Raubvogel ist der Namensgeber für den Zug "Giruno". (Bild: Urs Bucher)Peter Spuhler überreicht SBB-Chef Andreas Meyer als Geschenk eine Busshard-Skulptur. Der Raubvogel ist der Namensgeber für den Zug "Giruno". (Bild: Urs Bucher)
SBB-Chef Andreas Meyer, Bundespräsidentin Doris Leuthard und Peter Spuhler vor dem neuen Giruno. (Bild: Urs Bucher)SBB-Chef Andreas Meyer, Bundespräsidentin Doris Leuthard und Peter Spuhler vor dem neuen Giruno. (Bild: Urs Bucher)
Etwas fürs Familienalbum: Peter Spuhler macht ein Foto mit Bundespräsidentin Doris Leuthard und seiner Familie. (Bild: Urs Bucher)Etwas fürs Familienalbum: Peter Spuhler macht ein Foto mit Bundespräsidentin Doris Leuthard und seiner Familie. (Bild: Urs Bucher)
Bitte Platz nehmen: Peter Spuhler testet mit Bundespräsidentin Doris Leuthard und SBB-Chef Andreas Meyer die Sitzplätze im neuen Zug. (Bild: Urs Bucher)Bitte Platz nehmen: Peter Spuhler testet mit Bundespräsidentin Doris Leuthard und SBB-Chef Andreas Meyer die Sitzplätze im neuen Zug. (Bild: Urs Bucher)
Bundespräsidentin Doris Leuthard und SBB-Chef Andreas Meyer. (Bild: Urs Bucher)Bundespräsidentin Doris Leuthard und SBB-Chef Andreas Meyer. (Bild: Urs Bucher)
Bundespräsidentin Doris Leuthard wurde von Harry Hasler vorgefahren. (Bild: Urs Bucher)Bundespräsidentin Doris Leuthard wurde von Harry Hasler vorgefahren. (Bild: Urs Bucher)
Und wie ein Gentleman öffnet Harry Hasler Doris Leuthard die Beifahrertür. (Bild: Urs Bucher)Und wie ein Gentleman öffnet Harry Hasler Doris Leuthard die Beifahrertür. (Bild: Urs Bucher)
Mit viel Dampf rollt der Giruno in Bussnang an. (Bild: Urs Bucher)Mit viel Dampf rollt der Giruno in Bussnang an. (Bild: Urs Bucher)
Peter Spuhler spricht zu den die anwesenden Gästen. (Bild: Urs Bucher)Peter Spuhler spricht zu den die anwesenden Gästen. (Bild: Urs Bucher)
Blick ins Innere eines 1.Klasse-Abteils. (Bild: Urs Bucher)Blick ins Innere eines 1.Klasse-Abteils. (Bild: Urs Bucher)
Geneigt in die Kurve. (Bild: Urs Bucher)Geneigt in die Kurve. (Bild: Urs Bucher)
Stadler-Chef Peter Spuhler ist zufrieden mit seinem neusten Zug. (Bild: Keystone)Stadler-Chef Peter Spuhler ist zufrieden mit seinem neusten Zug. (Bild: Keystone)
Der Innerrhoder Ständerat Ivo Bischofberger und seine St.Galler Amtskollegin Karin Keller-Sutter auf dem Rundgang. (Bild: Johannes Wey)Der Innerrhoder Ständerat Ivo Bischofberger und seine St.Galler Amtskollegin Karin Keller-Sutter auf dem Rundgang. (Bild: Johannes Wey)
Der Thurgauer Nationalrat Hermann Lei in den Lagerhallen von Stadler. (Bild: Johannes Wey)Der Thurgauer Nationalrat Hermann Lei in den Lagerhallen von Stadler. (Bild: Johannes Wey)
Bereit zum Zugputz: Industriestaubsauger warten bei Stadler auf ihren Einsatz. (Bild: Johannes Wey)Bereit zum Zugputz: Industriestaubsauger warten bei Stadler auf ihren Einsatz. (Bild: Johannes Wey)
Der Thurgauer Nationalrat Christian Lohr (l.) lässt sich den neuen Giruno nicht entgehen. (Bild: Johannes Wey)Der Thurgauer Nationalrat Christian Lohr (l.) lässt sich den neuen Giruno nicht entgehen. (Bild: Johannes Wey)
Immer schön den Pfeilen folgen: Blick ins Innere von Stadler Rail. (Bild: Johannes Wey)Immer schön den Pfeilen folgen: Blick ins Innere von Stadler Rail. (Bild: Johannes Wey)
Die geladenen Gäste informieren sich vor Ort über die Entstehung des Giruno. (Bild: Johannes Wey)Die geladenen Gäste informieren sich vor Ort über die Entstehung des Giruno. (Bild: Johannes Wey)
Bild: Johannes WeyBild: Johannes Wey
Trotz Grossanlass: Bei Stadler wird gearbeitet. (Bild: Johannes Wey)Trotz Grossanlass: Bei Stadler wird gearbeitet. (Bild: Johannes Wey)
Bild: Johannes WeyBild: Johannes Wey
Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)
SCHWEIZ ROLLOUT HOCHGESCHWINDIGKEITSZUG GIRUNO (Bild: Keystone)SCHWEIZ ROLLOUT HOCHGESCHWINDIGKEITSZUG GIRUNO (Bild: Keystone)
SCHWEIZ ROLLOUT HOCHGESCHWINDIGKEITSZUG GIRUNO (Bild: Keystone)SCHWEIZ ROLLOUT HOCHGESCHWINDIGKEITSZUG GIRUNO (Bild: Keystone)
SCHWEIZ ROLLOUT HOCHGESCHWINDIGKEITSZUG GIRUNO (Bild: Keystone)SCHWEIZ ROLLOUT HOCHGESCHWINDIGKEITSZUG GIRUNO (Bild: Keystone)
SCHWEIZ ROLLOUT HOCHGESCHWINDIGKEITSZUG GIRUNO (Bild: Keystone)SCHWEIZ ROLLOUT HOCHGESCHWINDIGKEITSZUG GIRUNO (Bild: Keystone)
SCHWEIZ ROLLOUT HOCHGESCHWINDIGKEITSZUG GIRUNO (Bild: Keystone)SCHWEIZ ROLLOUT HOCHGESCHWINDIGKEITSZUG GIRUNO (Bild: Keystone)
Bild: Johannes WeyBild: Johannes Wey
Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)
Bild: Johannes WeyBild: Johannes Wey
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Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)
Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)
Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)
Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)
Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)
Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)
Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)
Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)
Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)
Bild: Johannes WeyBild: Johannes Wey
Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)
Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)
Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)
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Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)Roll-out des Giruno bei Stadler Rail in Bussnang (Bild: Urs Bucher)
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Stadler Rail präsentiert den Giruno

Hochgeschwindigkeitszug: Bis zu 250 km/h schnell

Der einstöckige Giruno ist bis zu 400 Meter lang, bietet bis zu 810 Sitzplätze und hat serienmässig einen Niederflureinstieg. Die Züge sind mit WLAN und Mobilfunkverstärker ausgestattet. Vorerst dürfen sie gemäss Bewilligung des Bundes maximal mit 200 km/h verkehren, technisch könnten sie bis zu 250 km/h schnell fahren.

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