Die Erhöhung des Rentenalters ist unausweichlich

Der Ständerat hat sich im September gleich drei Tage mit der Altersvorsorge 2020 befasst. Die umfangreichen Beratungen spiegeln die enorme politische Brisanz der Thematik wieder.

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Direktor des Instituts für Versicherungswirtschaft an der Uni St. Gallen (Bild: pd)

Direktor des Instituts für Versicherungswirtschaft an der Uni St. Gallen (Bild: pd)

Der Ständerat hat sich im September gleich drei Tage mit der Altersvorsorge 2020 befasst. Die umfangreichen Beratungen spiegeln die enorme politische Brisanz der Thematik wieder. 286 Seiten hat alleine die Botschaft, welche der Bundesrat vorgelegt hat und die in der Sozialkommission des Ständerats intensiv vorbereitet wurde. Nun geht das Geschäft an den Nationalrat weiter.

Kernpunkte der Reform sind die Erhöhung des Rentenalters der Frauen auf 65 Jahre, die Erhöhung der Mehrwertsteuer um bis zu 1 Prozent, die Einführung einer automatischen Schuldenbremse für die AHV sowie die Reduktion des Umwandlungssatz von 6,8 auf 6,0 Prozent – Massnahmen von hoher technischer Komplexität, die zugleich massive sozialpolitische Auswirkungen haben. Und allesamt sehr unpopuläre Massnahmen. So überrascht es nicht, dass sich einige politische Protagonisten bereits klar gegen die Reform positioniert haben. Auch sind sich die meisten politischen Beobachter einig, dass es sehr schwierig wird, beim Volk eine Mehrheit für die ungeliebte Reform zu finden. Warum setzt sich die Politik also mit derart komplexen und unpopulären Themen auseinander? Weil es Kern einer nachhaltigen und verantwortungsvollen Politik ist. Seit mehr als zehn Jahren herrscht nun Stillstand in unserer Altersvorsorge. Die meisten Experten sind sich einig, dass unser hochgelobtes Dreisäulenmodell bei einem weiteren Zuwarten schon in kurzer Zeit ernsthafte Schäden erleiden wird. Und wir so die sehr gute sozialpolitische Ausgangslage der Schweiz verlieren. So ist das Umlageergebnis der AHV im Jahr 2014 erstmals negativ und wird in den kommenden Jahren regelmässig Defizite im Milliardenumfang aufweisen.

Rentenalter 67 wird Standard

Dementsprechend erscheint eine Erhöhung des Rentenalters unausweichlich. Das Schweizer Rentenalter wurde im Jahre 1948 festgelegt. Damals war die Lebenserwartung bei Männern im Pensionsalter im Durchschnitt 77 Jahre. Heute liegt sie bei 85 Jahren für Männer und gar 88 für Frauen – und das, obwohl diese bereits mit 64 pensioniert werden. Schon zwölf OECD-Länder haben ein Rentenalter von mindestens 67 Jahren verabschiedet. Und viele weitere Länder haben Reformen auf den Weg gebracht, um ebenfalls in diese Richtung zu gehen. Insofern erscheint die Diskussion in der Schweiz um das Rentenalter 65 noch sehr zurückhaltend.

Dänemark macht es vor

Auch die Einführung einer automatischen Schuldenbremse ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Die Schuldenbremse hilft, dass auf Dauer nicht mehr ausgegeben wird, als tatsächlich vorhanden ist. Weitere derartige Automatismen könnten helfen, das Thema Altersvorsorge noch stärker zu entpolitisieren und auf einen nachhaltigen Pfad zu bringen. Ein weiterer Automatismus könnte beispielsweise eine Kopplung des Rentenalters an die Lebenserwartung sein – ein Modell, welches in Dänemark bereits seit einigen Jahren erfolgreich praktiziert wird.

Schon jetzt zeigt die Diskussion die grossen Anstrengungen, einen Konsens über die verschiedenen politischen Lager zu finden. Der aktuelle Diskussionsvorschlag geht sogar mit einer leichten Erhöhung der AHV-Renten einher. Angesichts der heiklen Finanzlage der AHV kann er wohl nur durch den politischen Kompromiss erklärt werden. Viele Experten sind sich einig, dass die Altersvorsorge 2020 nur etwa 50 Prozent der notwendigen Reformschritte abbildet. Eigentlich müssten wir also noch weiter in den Reformen gehen. Noch länger arbeiten zum Beispiel. Aber gehen wir zumindest einen halben Schritt voran, als weiter im Stillstand zu verharren.