DIE ENTWICKLUNG DER GEWEBEIMPORTE: Importschlager Augenhornhaut

Nicht nur an Organspenden mangelt es in der Schweiz, auch Gewebe wie Augenhornhaut wird zu selten gespendet. Diese wird immer häufiger importiert: Die Anzahl hat sich innert sechs Jahren verdoppelt.

Maja Briner
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880-mal haben Ärzte 2016 gespendetes Hornhautgewebe eingesetzt. (Bild: Michelle Del Guercio/Getty)

880-mal haben Ärzte 2016 gespendetes Hornhautgewebe eingesetzt. (Bild: Michelle Del Guercio/Getty)

Maja Briner

Der Mangel an Spenderorganen wie Herz, Leber oder Lunge ist seit langem ein Thema. Weniger bekannt ist, dass es in der Schweiz auch zu wenige Spender von Gewebe gibt. Besonders betroffen ist die Augenhornhaut, im medizinischen Jargon auch «Cornea» genannt. Sie bildet die äussere Schutzschicht für das Auge. Im Alter, bei Erkrankungen oder Verletzungen der Hornhaut kann sich die Sicht trüben; im schlimmsten Fall erblinden die Betroffenen. Allein 2016 wurden in der Schweiz 880 Hornhauttransplantationen durchgeführt.

Weil es jedoch an Spendern fehlt, wird die Augenhornhaut immer öfter aus dem Ausland eingeführt: Die Anzahl stieg von 243 im Jahr 2010 auf 475 im vergangenen Jahr. Das geht aus einer Statistik hervor, die das Bundesamt für Gesundheit (BAG) online publizierte. Noch eindrücklicher ist der Vergleich mit 2008: Damals wurden lediglich 113 importiert. Allerdings ist es gemäss BAG möglich, dass die Zahlen damals nicht ganz vollständig waren, da die Meldepflicht erst 2007 eingeführt wurde.

Der grösste Teil der Importe stammt aus Übersee: 318 wurden 2016 aus den USA eingeführt. Die übrigen kamen aus Frankreich (80), Deutschland (65), den Niederlanden (10) und Österreich (2). Für die Einfuhr braucht es eine Bewilligung des BAG.

Weniger Zeitdruck als bei Organen

Die Verdoppelung der Importe innert weniger Jahre hat laut BAG damit zu tun, dass Augenhornhaut öfter transplantiert wird als früher, während die Zahl der hierzulande gespendeten Corneae relativ konstant blieb. Das BAG geht davon aus, dass künftig noch mehr solche Transplantationen durchgeführt werden – unter anderem wegen der steigenden Lebenserwartung.

Anders als bei der Augenhornhaut gibt es bei der Einfuhr von Organen keine Zunahme: In den vergangenen fünf Jahren schwankte die Anzahl laut Swisstransplant zwischen 25 und 37. Gemäss BAG gibt es zwei Gründe für die unterschiedliche Entwicklung: Erstens sei die Anzahl verfügbarer Organe nicht nur in der Schweiz knapp, sondern weltweit. Zweitens müssten entnommene Organe innerhalb weniger Stunden transplantiert werden. Die Augenhornhaut hingegen könne mehrere Wochen gelagert werden.

Abhängigkeit vom Ausland

Für den Direktor der Stiftung Swisstransplant, Franz Immer, ist die hohe Anzahl an importierten Corneae kein idealer Zustand. «Das ist insofern störend, als dass es wahrscheinlich möglich wäre, den Bedarf auch ohne Importe zu decken», sagt er. «Andere Länder engagieren sich stärker als die Schweiz, um die Cornea-Spende zu fördern.» Der hohe Anteil an Importen sorge für ein Ungleichgewicht. «Der Austausch zwischen den Ländern sollte ein Geben und Nehmen sein», sagt Immer. Zudem gebe es Unterschiede bezüglich Preis und Qualität der Aufarbeitung sowie der Entnahme der Cornea. Auch importierte Corneae seien aber in der Regel gut.

Anders als bei manchen Organspenden geht es für die Patienten bei der Augenhornhaut nicht um Leben und Tod. «Eine Transplantation gibt den Betroffenen aber Lebensqualität zurück», sagt Immer. Swisstransplant hat erste Schritte unternommen, um die Cornea-Spende in der Schweiz zu fördern. Im letzten Jahr erstellte sie unter anderem eine Broschüre zum Thema, zudem soll die Koordination zwischen Spitälern und Kliniken verbessert werden. Für mehr Spender sorgen könnte auch die kürzlich lancierte Initiative «Organspende fördern – Leben retten». Denn anders, als es der Titel vermuten lässt, geht es nicht nur um die Spende von Organen, sondern auch um jene von Gewebe und Zellen.