Interview

Die Armee will schon bei 15-Jährigen für den Militärdienst werben

Armeechef Philippe Rebord spricht im CH-Media-Interview Klartext: Dass sich viele junge Männer nicht mehr für die Armee, sondern für den Zivildienst entscheiden, «gefährdet die Erfüllung unseres Auftrags». Es brauche zwingend eine Debatte über die Dienstpflicht. Rebord zählt dabei insbesondere auf junge Frauen.

Patrik Müller
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Der Chef der Armee, Philippe Rebord, sorgt sich um sinkende Armeebestände und sieht gar die Auftragserfüllung gefährdet. (Bild: KEYSTONE/Urs Flüeler)

Der Chef der Armee, Philippe Rebord, sorgt sich um sinkende Armeebestände und sieht gar die Auftragserfüllung gefährdet. (Bild: KEYSTONE/Urs Flüeler)

Nichts ist zu spüren von Amtsmüdigkeit, als Armeechef Philippe Rebord auf Schloss Lenzburg auftritt. Schwungvoll spricht er zu mehreren Dutzend hochkarätigen Wirtschaftsführern und Politikern. Rebord, der Ende Jahr zurücktritt, ist auf Einladung der Territorialdivision 2 und deren Kommandanten, Divisionär Hans-Peter Walser, in den Aargau gereist und «orientiert» über die Weiterentwicklung der Armee.

In Ihrer Amtszeit sind die Armeebestände weiter zurückgegangen. Heute gibt es noch 140 000 Soldaten. Kann man überhaupt noch von allgemeiner Dienstpflicht sprechen?

Philippe Rebord: Ja, denn noch erreichen wir damit die Ziele für die Weiterentwicklung der Armee.

Wie lange noch?

Wir wissen schon jetzt, dass der Armeebestand im Jahr 2023 nur noch 115 000 betragen wird. Dann wird es in den Wiederholungskursen kritischer. Es gibt ein Bereitschaftsproblem: Wir können nicht üben, wie wir es eigentlich müssten. Zudem wird es demotivierend für diejenigen, die noch bereit sind, Militärdienst zu leisten – insbesondere für jene, die weitermachen möchten.

Armeechef Philippe Rebord (Mitte) bei seinem Auftritt bei der Territorialdivision 2 auf Schloss Lenzburg, umrahmt von den Regierungsräten Urs Hofmann (l.) und Markus Dieth (r.). Ganz links: Divisionär Hans-Peter Walser, ganz rechts: Emin Alitovic und Ronald Rickenbacher von der Zivilschutzstelle Wettingen-Limmattal. (Foto: zvg)

Armeechef Philippe Rebord (Mitte) bei seinem Auftritt bei der Territorialdivision 2 auf Schloss Lenzburg, umrahmt von den Regierungsräten Urs Hofmann (l.) und Markus Dieth (r.). Ganz links: Divisionär Hans-Peter Walser, ganz rechts: Emin Alitovic und Ronald Rickenbacher von der Zivilschutzstelle Wettingen-Limmattal. (Foto: zvg)

In Europa ist die Schweiz das letzte Land, das die Wehrplicht aufrecht erhält. Ein Auslaufmodell?

Auch Finnland hat die Wehrpflicht beibehalten. Andere Länder haben eine Mischung aus Berufsarmee und Milizsoldaten, etwa Norwegen, Schweden, Polen und Estland. Aus meiner Sicht ist die Milizarmee ein Zukunftsmodell: Sie ist flexibel und garantiert die Verankerung in der Bevölkerung. Und nicht zuletzt ist sie finanziell vorteilhaft. Ein Milizsoldat ist zehnmal günstiger als ein Profisoldat.

Inwiefern können die Frauen die Lücken bei den Beständen füllen?

Es geht nicht darum, Lücken zu füllen. Wir brauchen die Frauen, weil sie viele Fähigkeiten mitbringen - und weil die Armee in der ganzen Bevölkerung verankert sein muss. Aus meiner Sicht ist eine Verdreifachung der Frauen in der Armee durchaus realistisch. Wir haben dazu ein Projekt in Arbeit.

Wie sehen Ihre Pläne aus, Frauen zu gewinnen?

Unser Projekt muss noch vom Parlament genehmigt werden. Ziel ist es im Grundsatz, die jungen Frauen früher abzuholen. Heute gibt es Orientierungsveranstaltungen für 17- oder 18-Jährige. Das ist oft zu spät, denn da haben die jungen Frauen ebenso wie die Männer bereits konkrete Vorstellungen über ihre Zukunft. Der Zug für die Armee ist dann schon abgefahren. Wir möchten den Nachwuchs darum bereits mit 15 Jahren über die Möglichkeiten informieren.

«Steigt der Anteil Zivildienstleistender weiter, ist das fatal.»

An der Schule, auf der Sekundar-Stufe?

Ja, das ist mit der Schule verknüpft. Erste Pilotversuche haben wir gemacht, mit positiven Erfahrungen. Wir möchten diese Idee nun breitflächig umsetzen.

Wer informiert die Schülerinnen und Schüler?

Aspirantinnen und Aspiranten, die selber noch kurz vorher an dieser Schule waren. Sie berichten über die Erfahrungen, die sie bislang gesammelt haben. Das führt zu spannenden Diskussionen. Das Problem: Es gibt tausende von Schulen – wir brauchen eine gute Organisation.

Frauen zu gewinnen ist das eine, Männer dazu zu motivieren, Militär- statt Zivildienst zu leisten, das andere. Vor allem in den Städten fehlen Ihnen die Soldaten.

Die Stadt-Land-Problematik ist nicht neu, und man kennt sie in ganz Europa. Die Schere hat sich aber noch einmal geöffnet. Ein Beispiel: Im Kanton Schwyz gehen nur 2 Prozent der Diensttauglichen in den Zivildienst, im Kanton Basel-Stadt 48 Prozent. Im Aargau sind es 14 Prozent. Wenn der Anteil Zivildienstleistender weiter steigt, ist das fatal. Darauf müssen wir aufmerksam machen.

Zivildienst ist auch eine Form von Dienstleistung!

Absolut. Wer Zivildienst macht, nimmt eine Chance wahr, die ihm die Verfassung bietet. Das ist auch gut, aber führt dazu, dass die Armee bei den Wiederholungskursen allmählich zu kurz kommt. Und das gefährdet die Erfüllung unseres Auftrags. Deswegen braucht es zwingend eine Debatte: Wer hat in Zukunft welche Art von Dienstpflicht? Leider herrscht zunehmend die Tendenz: «Dienstpflicht ja, aber ohne mich.»

Erstmals hat das Verteidigungsdepartement eine Frau als Chefin. Wie verändert Bundesrätin Viola Amherd die Kultur des Militärs?

Sie hat einen anderen Führungsstil als ihr Vorgänger, und sie setzt klare, zum Teil neue Akzente. Diese sind wichtig in einer Armee, die stark ist in der Umsetzung. Wir nehmen Frau Bundesrätin sehr positiv wahr. Wir hoffen und sind überzeugt, dass sie es schafft, die Bevölkerung in der Abstimmung von der Kampfjet-Beschaffung zu überzeugen.

Das Volk wird nicht über den Flugzeugtyp, sondern nur über den Beschaffungskredit abstimmen können. Beim Gripen war das anders. Warum?

Es geht um den Grundsatz, um den Ersatz unserer gesamten Flotte. Brauchen wir neue Kampfjets? Wir meinen natürlich: Unbedingt. Als wir über die Bahn 2000 abgestimmt haben, wählten wir auch nicht den Lok-Typ aus. Sogar ich wäre überfordert, die Flugzeuge wirklich beurteilen zu können. Unsere Spezialisten haben eine sehr professionelle Evaluation von vier Flugzeugtypen gemacht. Man wird sehen, welcher der Beste für die Schweizer Armee ist.

Ihr Nachfolger als Armeechef, Thomas Süssli, hat sich einen Namen als Cyber-Spezialist gemacht. Wo steht die Armee in der digitalen Transformation?

Noch am Anfang. Auch hier ist eine Milizarmee im Vorteil, weil sie auf Fachwissen aus der Wirtschaft zurückgreifen kann. Divisionär Thomas Süssli ist ein hervorragender Mann und wird viel bewirken. Für uns ist klar: 25 Prozent der Budgets der Rüstungsbeschaffungen sind in die Technologieentwicklung und Innovation zu investieren, insbesondere in der künstlichen Intelligenz.

Wo setzt die Armee künstliche Intelligenz ein?

Zunächst einmal im Cyber-Raum: Gegen Roboter-Angriffe müssen wir uns mit Robotern verteidigen, sonst bräuchten wir eine Unmenge an Leuten. Zudem werden die Waffensysteme vermehrt von künstlicher Intelligenz unterstützt. So weit sind wir noch nicht, aber wir arbeiten daran. Wir müssen auf diesen Zug aufsteigen.

Sie treten Ende 2019 nach drei Jahren im Amt zurück. Worauf sind Sie stolz?

Wir haben die Armee erfolgreich weiterentwickelt. Auf einen konkreten Punkt bin ich besonders stolz: Die Wiedereinführung der Mobilmachung. Sie ist ein wichtiges Sicherheitsinstrument der Schweiz.