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Die Arbeit wird immer stressiger – das sind die Gründe dafür

Der Stress bei der Arbeit steigt, jeder fünfte Angestellte hat damit zu kämpfen. Die neuen Zahlen befeuern den Streit über die neuen Arbeitszeit-Regeln, der derzeit im Bundeshaus tobt. Gewerkschafter warnen vor einer Deregulierung.
Kari Kälin
2017 litten 21 Prozent der Angestellten unter Stress. (Bild: PD)

2017 litten 21 Prozent der Angestellten unter Stress. (Bild: PD)

Man wird häufig unterbrochen, erhält widersprüchliche Anweisungen, muss parallel an zu viele Dinge denken oder steht ständig unter Zeitdruck: Wer dies an seinem Arbeitsplatz erlebt, steht unter Stress. Gemäss der Schweizerischen Gesundheitsbefragung traf dies im Jahr 2017 auf 21 Prozent der Erwerbstätigen zu. Das sind drei Prozent mehr als noch im Jahr 2012. Mit 25 Prozent signifikant mehr Stress als der Durchschnitt erleben Verkäufer, Köche, Friseure, Kosmetiker und Angestellte in ähnlichen Berufen, wie das Bundesamt für Statistik am Dienstag auf Anfrage mitteilte.

Überdurchschnittlich viel Stress (22,8) erleben auch Führungskräfte oder Hilfsarbeiter (22,3 Prozent). Selten unter Stress leiden Fachkräfte in der Land- und Forstwirtschaft sowie der Fischerei. Hoher Druck am Arbeitsplatz muss nicht immer in ein Gefühl der Überforderung münden. Jeder vierte Gestresste kann nach eigenen Angaben gut damit umgehen.

Eine Jahresarbeitszeit statt ein Wochenmaximum

Den Gewerkschaften liefern die aktuellen Stressdaten neue Munition, um ein politisches Ziel bürgerlicher Politiker zu bekämpfen. Diese wollen die Arbeitszeiten flexibler gestalten. So soll etwa die maximale Höchstarbeitszeit von 45 Wochen pro Stunde, welcher der Grossteil der Angestellten unterstellt ist, zugunsten einer Jahresarbeitszeit ersetzt werden. Vorgesehen ist auch eine Lockerung bei der Sonntagsarbeit. Die tägliche maximale Arbeitszeit soll von 12,5 auf 13,5 Stunden steigen und die tägliche Ruhezeit dürfte mehrmals pro Woche von elf auf neun Stunden gesenkt werden. Im Durchschnitt müsste sie über vier Wochen jedoch elf Stunden betragen. Urheber dieser Ideen ist der Luzerner Ständerat Konrad Graber.

Die Reformvorschläge des abtretenden CVP-Politikers sind politisch auf Kurs, voraussichtlich in der Wintersession wird sich der Ständerat mit ihnen befassen. Gelten würde das neue Jahresarbeitszeitmodell nicht für jedermann, sondern primär Personen mit hoher Arbeitsautonomie. Konkret handelt es sich um Vorgesetzte und Fachspezialisten mit einem Lohn von mindestens 120'000 Franken pro Jahr oder einem Hochschulabschluss, wie die Wirtschaftskommission des Ständerats im Mai präzisierte. Zudem darf pro Woche nicht länger als 67 Stunden gearbeitet werden. Unter dem Strich sollen die Angestellten, so die Idee von Graber, nicht länger gearbeitet haben als unter dem heutigen Regime

Gewerkschaften warnen vor volkswirtschaftlichen Kosten

Der Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SBG) taxiert solche Vorschläge als «zynische Deregulierungsschritte». Das Beharren auf die Reform sei unverständlich, schrieb er in einer Medienmitteilung. Anstatt Massnahmen gegen den steigenden Stress zu ergreifen, wollten bürgerliche Politiker das Arbeitsrecht verschlimmern. «Stoppen die Eidgenössischen Räte diesen Angriff auf die Gesundheit der Arbeitnehmenden nicht, werden die Gewerkschaften das Referendum ergreifen», sagt SGB-Zentralsekretär Luca Cirigliano. Auch Travailsuisse, der Dachverband von Arbeitnehmenden, forderte das Parlament am Dienstag zum Verzicht auf längere tägliche und wöchentliche Arbeitszeiten auf. Stattdessen müsse der Schutz vor psychosozialen Belastungen ausgebaut werden. «Der zunehmende Stress in der Arbeitswelt wird mehr und mehr zu einem Gesundheitsrisiko für die Arbeitnehmenden und produziert hohe volkswirtschaftliche Kosten», schreibt Travailsuisse.

Jeder Fünfte arbeitet in der Freizeit

Nur noch kurz die Mails checken – und nach Feierabend daheim noch ein paar andere Sachen für das Büro erledigen: Täglich oder mehrmals pro Woche machen dies 21 Prozent der Männer und 16 Prozent der Frauen. Dies geht aus der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2017 hervor, die das Bundesamt für Statistik am Dienstag publizierte. Besonders oft in ihrer Freizeit arbeiten Erwerbstätige mit einem Universitätsabschluss (25 Prozent). Noch öfter tun dies Lehrer und Personen, die in der Landwirtschaft tätig sind (je 37 Prozent). Die Erhebung förderte zudem zutage, dass sich ausgerechnet die Hälfte jener in der Freizeit ins Zeug legt, die ohnehin schon fast 50 Stunden pro Woche arbeiten. Mit 31 Prozent sind Personen, die ihre Arbeit als stressig empfinden, überdurchschnittlich oft vom Phänomen betroffen. Am seltensten erledigen Angestellte der öffentlichen Verwaltung (11 Prozent) Aufgaben in der Freizeit.

Jeder Siebte bangt ständig um seinen Job

Bei den Männern stellten die Statistiker einen Rückgang bei den langen Arbeitszeiten fest. Arbeiteten 2012 noch 23 Prozent mindestens 48 Stunden pro Woche, so sank dieser Wert 2017 auf 19 Prozent. Vor allem Männer mit Lehr- und Hochschulabschluss wendeten weniger Zeit für ihren Job auf. Signifikant fällt der Rückgang auch bei Bankern und Versicherungsangestellten aus. Der Anteil an Frauen mit 48-Stunden-Wochen oder mehr blieb konstant bei 5 Prozent. Mehr als zehn Stunden pro Tag setzten sich 2017 13 Prozent der Frauen für ihren Beruf ein. Das sind 2 Prozent mehr als 2012. Eine Zunahme verzeichnet das Bundesamt für Statistik bei den psychosozialen Risiken. Dazu zählen zum Beispiel Stress, hohe Anforderungen an die Arbeit, Angst um den Arbeitsplatz, hoher Zeitdruck oder geringe soziale Unterstützung.

Mehr als die Hälfte der Frauen und Männer fühlt sich meistens oder immer unter Zeitdruck. Rund jeder siebte Angestellte bangt ständig um den Arbeitsplatz. Ausländer und Personen mit tiefem Bildungsniveau haben am meisten Angst vor einem Jobverlust. Emotional erschöpft fühlen sich 20 Prozent der Erwerbstätigen. Das ist insofern relevant, als dieser Zustand als Warnsignal für ein Burn-out gilt. Vor allem Personen, die mehreren psychosozialen Risiken ausgesetzt sind, droht ein Burn-out. Nicht jeder, der unter Stress steht, leidet darunter. Jeder vierte Gestresste kann nach eigenen Angaben gut damit umgehen. Wer es nicht kann, fühlt sich hingegen oft emotional verbraucht. (kä)

Die Gewerkschaften klammern sich an jeden Strohhalm, um die Flexibilisierung zu verhindern», kontert Konrad Graber. Der Wirtschaftspolitiker glaubt nicht, dass das Parlament aufgrund der Erkenntnisse der aktuellen Gesundheitsbefragung seine Meinung ändern wird. Das Arbeitsgesetz sei auf die Industrie zugeschnitten und werde der heutigen Dienstleistungsgesellschaft nicht mehr gerecht, sagt er. Derzeit sei es zum Beispiel nicht erlaubt, um 17 Uhr die Kinder von der Krippe abzuholen, mit ihnen den Abend zu verbringen und um 22 Uhr noch E-Mails zu beantworten. Mit dem Jahreszeitmodell könnten zudem saisonale Schwankungen ausgeglichen werden.

«Mehr Flexibilität reduziert den Stress», sagt der Graber. Wissenschaftliche Studien hätten erhärtet, dass sich die Arbeitszeitautonomie positiv auf die Gesundheit und die Work-Life-Balance auswirkten. Fredy Greuter, Sprecher des Arbeitgeberverbandes, ergänzt : «Der Alarmismus aus Gewerkschaftskreisen ist nicht nachvollziehbar. Luca Cirigliano vom SGB lässt diesen Einwand nicht gelten. Über wirklich hohe Selbstbestimmung würden nur jene höheren leitenden Angestellten verfügen, die bereits jetzt von den Arbeitszeitregelungen ausgenommen seien.

Dürfen Chefs ihre Arbeitszeit weiterhin aufschreiben?

Ein Dorn im Auge ist den Gewerkschaften auch eine parlamentarische Initiative, die aus der Feder der heutigen Bundesrätin Karin Keller-Sutter stammt. Als die St. Gallerin noch im Ständerat politisierte, verlangte sie, dass leitende Angestellte und Fachkräfte ihre Arbeitszeit nicht mehr erfassen müssen. Die Wirtschaftskommissionen des National- und Ständerats hiessen den Vorschlag gut. Die ständerätliche Wirtschaftskommission dürfte den Vorstoss jedoch abschreiben. Ein entsprechender Antrag ist für die nächste Sitzung gestellt.

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