Kommentar

Die Apfel-Kampagne macht deutlich: Bei der SVP ist der Wurm drin

Der politische Gegner als Made, die Schweiz als wurmstichiger Apfel: Die SVP versucht es mit Provokation, wie sie es erfolgreich in den 1990er-Jahren tat. Doch das Zeitalter der politischen Korrektheit ist in der Schweiz längst vorbei - darum geht die Rechnung heute nicht mehr auf. Ein Kommentar.

Patrik Müller
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Patrik Müller.

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«Sollen Linke und Nette die Schweiz zerstören?», fragt die SVP auf ihren neusten Wahlplakaten – und illustriert dieses mit einem wurmstichigen Schweizer Apfel, der von fünf Maden zerfressen wird. Eine, die fetteste, steht für die EU, die anderen für die Parteien FDP, SP, CVP und Grüne/Grünliberale. Die Kampagne ist derart missraten und stösst selbst bei SVP-Politikern auf Kritik, dass man sich fragen muss: Zerstört hier die Partei, einst Meisterin des Politmarketings, gerade ihre letzte Chance, bei den Wahlen im Herbst die Kurve doch noch zu kriegen? Nachdem sie mit ihrer bizarren Klimawandel-Kampagne und diversen personellen Affären ohnehin im falschen Rank ist?

Der Gegner als Ungeziefer: Dieses neue Plakat stösst selbst innerhalb der SVP auf Kritik.

Der Gegner als Ungeziefer: Dieses neue Plakat stösst selbst innerhalb der SVP auf Kritik.

SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi erklärte auf TeleZüri, die SVP wolle mit den Plakaten aufzeigen, wer dem Erfolgsmodell Schweiz schade «durch Massenzuwanderung, die Anbindung an die EU und 12 Rappen mehr für Benzin und Diesel». Nun, das sind alles Themen, bei denen die SVP legitime und teilweise exklusive Standpunkte vertritt. Womöglich sind sie mehrheitsfähig, wie die Partei in der Vergangenheit bewiesen hat: So brachte sie mit einer gemässigten Kampagne die Masseneinwanderungsinitiative durch. Auch mit dem Kampf gegen höhere Steuern und Abgaben trifft die SVP bei vielen Schweizerinnen und Schweizern einen Nerv.

Geschichtsvergessene Naivität der studierten SVP-Elite

Es geht hier also nicht um Positionen, sondern um den Stil. «Tele Züri»-Moderator Markus Gilli erwischte Aeschi auf dem falschen Fuss, als er ihn fragte: «Wussten Sie, dass ein ähnliches Symbol damals in der Nazi-Zeitschrift "Stürmer" gegen Juden verwendet wurde?» Aeschi räumte verdattert ein: «Ich wusste das nicht.» Diese Naivität erstaunt bei einem Vertreter der studierten SVP-Elite, die neuerdings den Ton angibt. Natürlich braucht ein Politiker nicht jedes Sujet aus der Hitler-Zeit zu kennen, doch dass die Nationalsozialisten die Juden bei verschiedenen Gelegenheiten als Ungeziefer dargestellt haben, davon müsste er schon einmal gehört haben. Zumal es erst vor wenigen Monaten in Österreich eine Kontroverse um FPÖ-Plakate gab, die mit einer Karikatur aus dem «Stürmer» verglichen wurden, was auch hierzulande Wellen schlug.

SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi wusste nicht, dass die Nazis mit Ungeziefer-Sujets gegen Juden hetzten. (KEYSTONE/Peter Schneider)

SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi wusste nicht, dass die Nazis mit Ungeziefer-Sujets gegen Juden hetzten. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Provozieren gehört zur Politik. Es ist eine Kunst, die keiner so gut beherrschte wie Christoph Blocher. In den 1990er-Jahren, der hohen Zeit der politischen Korrektheit, brachte sich die Zürcher SVP mit den berüchtigten Messerstecher- und Stiefel-Inseraten national ins Gespräch. Damals hat der Werber Hans-Rudolf Abächerli auch den Slogan von den «Linken und Netten» kreiert. Diese Kampagnen waren ein Erfolg, ebenso wie die SVP-Ausländer-Plakate in den 2000er-Jahren. Warum? Weil damals Themen wie Kriminalität und Einwanderung von den anderen Parteien und den meisten Medien tabuisiert wurden. Die SVP erreichte, was sie wollte: In der Empörung über die Plakate sprachen alle über die von ihr gesetzten Themen.

In der Schweiz ist die Ära der politischen Korrektheit längst vorbei - das macht es für die SVP schwieriger

Doch in der Schweiz ist die «Political Correctness» längst überwunden, spätestens seit der Minarett-Initiative, die 2007 lanciert wurde. In einer direkten Demokratie können unbequeme Themen nicht totgeschwiegen werden. Die Schweiz war darum schneller als andere Länder, insbesondere als die USA, wo die Ära der Korrektheit erst mit Donald Trump dem Ende zugeht. Wegen des eines wurmstichigen Apfels redet hierzulande niemand über die EU oder den Benzinpreis.

Noch etwas hat sich seit den 1990er-Jahren geändert. Die SVP ist keine reine Oppositionspartei mehr, sondern die grösste Fraktion im Bundeshaus und mit zwei Bundesräten in der Regierung vertreten. Sie hätte die Macht, die Schweiz in ihrem Sinn etwas zu verändern, wie das die Wähler von ihr erwarten. Doch die Parteispitze zieht es vor, sich weiter zu isolieren. Warum sonst stellt sie auch die FDP als Wurm dar, die natürliche Verbündete der SVP, mit der zusammen sie im Bundes- und Nationalrat die Mehrheit stellt? Und ohne deren Wähler ihre Ständeratskandidaten chancenlos bleiben? Alles, um den Wähleranteil zu maximieren? Schaut man in die sozialen Medien, scheint der Apfel nicht einmal das zu schaffen – ganz im Gegenteil. Viele SVP-Sympathisanten wenden sich angewidert ab.

So bleibt immerhin eine unfreiwillige Botschaft haften: Bei der SVP ist gehörig der Wurm drin.

Die Karikatur von Silvan Wegmann zum umstrittenen SVP-Wahlplakat.

Die Karikatur von Silvan Wegmann zum umstrittenen SVP-Wahlplakat.