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Die Angstwörter der Wirtschaftswelt

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Reto Lipp

Zwei Zauberwörter beseelen derzeit die Wirtschaftssprache: Disruption und Innovation. Es gibt kaum ein Wirtschaftsanlass, der ohne die beiden Wörter auskommt. Wenn Sie auf eine Party gehen, dann lassen Sie diese Wörter fallen, das kommt bestimmt an. Sie werden als wirtschaftlicher Experte angesehen werden. Disruption ist das grosse Angstwort unserer Zeit. Alles wird «disruptiert». Von der Politik bis zur Wirtschaft, was gestern war, ist nichts mehr wert, denn die Zukunft ist so anders, dass die Vergangenheit nicht mehr zählt, ja eigentlich nur noch stört.

Erfahrungen sind in einer solchen Welt kaum noch gefragt, denn sie haben kaum noch Wert. Sogar hartgesottene Konzernchefs geraten ins Schlottern, wenn Analysten, Uniprofessoren oder selbst ernannte Gurus die Keule der Disruption schwingen. Immer gerne angeführt wird dann das Beispiel Nokia. Eine Firma, die vor zehn Jahren noch die Nummer eins im Handymarkt war und heute keine Handys mehr produziert, also komplett aus dem Markt gedrängt wurde. Wollt ihr wie Nokia enden, fragen dann die Referenten an vielen Wirtschaftsanlässen. Und ein Stöhnen geht durch die Zuhörerrunde. Nein, natürlich nicht!

Kein Wunder werden die Weisheiten der Berater, Consultants und selbst ernannten Experten gierig aufgesogen. Wer an der Vergangenheit hängt, ist entweder von gestern oder so was von digital abgehängt, dass es sich schon gar nicht lohnt, mit ihm lange zu diskutieren. Diese Aufgeregtheit lässt vergessen, dass es sich bei der Disruption um einen völlig normalen wirtschaftlichen Prozess handelt, den man früher ganz im Sinn des grossen Ökonomen Joseph Schumpeter «schöpferische Zerstörung» genannt hat. Dieser Begriff soll sogar schon in Karl Marx’ «Kapital» auftauchen, ist also garantiert 150 Jahre alt. Schumpeter formuliert es so: «Dieser Prozess der ‹schöpferischen Zerstörung› ist das für den Kapitalismus wesentliche Faktum. Darin besteht der Kapitalismus und darin muss auch jedes kapitalistische Gebilde leben.»

Was hier also direkt vor unseren Augen abläuft, ist die «schöpferische Zerstörung» vieler analoger Branchen, die nun durch digitale Businessmodelle ersetzt werden. Viele Branchen sind schon stark digitalisiert, wie die Medien oder Musikbranche, andere sind gerade erst dabei. Derzeit ist vor allem der Detailhandel dabei, digitalisiert zu werden. Filialen werden geschlossen, digitale Marktplätze erschlossen, Jobs gestrichen.

Der zweite Begriff, der mit Disruption indirekt zusammenhängt, ist Innovation. Nur wer innovativ ist, kann vermeiden, dass er «disruptiert» wird. So jedenfalls verkaufen Unternehmensberater ihre neusten Studien. Wie also bleibt man innovativ? Ein weites Feld – gemacht für Unternehmensberater, Professoren und Möchtegern-Experten. Auch hier strampeln sich Berater und Ökonomen ab, um irgendwie dem Phänomen der Innovation auf die Spur zu kommen. Richtig überzeugende Antworten hat die Wissenschaft allerdings nicht, denn Innovation entsteht aus einem Mix von Faktoren, die nur im Optimalfall ideal zusammenspielen. Ein innovationsfreundliches Umfeld ist schwer zu erreichen und noch schwerer längerfristig aufrecht zu erhalten. Vom Staat zu fordern, er müsse Innovation fördern, ist geradezu kontraproduktiv. Denn gerade staatliche Gebilde verstehen wenig vom Innovationsphänomen. Und Geld ist noch lange kein Garant für Innovation. Sonst wäre ja Nokia nicht untergegangen, eine Firma, die lange Zeit Milliardengewinne einstrich.

Etablierte Firmen tun sich schwer, darum muss heute jede Grossfirma ein «Innovationslabor» haben. Bei allen Fragezeichen, die das Thema aufwirft, eines ist schon mal klar: Grosse Gebilde, seien das Unternehmen oder der Staat, sind eher innovationshemmend. Innovative Geister tun sich mit Bürokratie, Hierarchien und administrativen Vorschriften schwer, denn Innovation kann letztlich weder befohlen noch durch Geld erreicht werden. Deshalb ist etwas mehr Bescheidenheit im Umgang mit den Themen Disruption und Innovation gefragt. Beide Wirtschaftsphänomene sind nicht so neu, wie man behauptet. Sie entziehen sich aber der Steuerbarkeit und Beeinflussbarkeit in einem hohen Grad.

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