Die Agglomeration als politischer Faktor

Spätestens seit dem Ja zur SVP-Masseneinwanderungs-Initiative ist die Agglomeration als politischer Faktor im Bewusstsein der Öffentlichkeit. Was zeichnet «die Agglo» politisch aus? Wie wird dort gedacht? Ein eben erschienenes Buch befasst sich mit diesen Fragen.

Richard Clavadetscher
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Claude Longchamp nennt es «ein typisches Beispiel»: Im letzten Herbst haben die Stadt Bern und die beiden Vorortsgemeinden Köniz und Ostermundigen über eine gemeinsame Tramregion abgestimmt. Resultat: Beide Vorortsgemeinden lehnten ab, nur die Stadt Bern stimmte zu. Das Projekt war damit gescheitert. Ursache für das Nein in den Vorortsgemeinden war neben finanziellen Aspekten die Befürchtung, die Verbesserung der Infrastruktur führe zur Verstädterung der beiden noch eher dörflich geprägten Vorortsgemeinden.

An diesem Beispiel erklärt Longchamps in seinem Beitrag zum Buch «Städtische versus ländliche Schweiz?» (vgl. Kasten), dass schweizerische Agglomerationen inzwischen zu dem geworden seien, was man heute als «Storf» bezeichne.

Diese Wortschöpfung, gebildet aus «Stadt» und «Dorf», meint Agglomerationsgemeinden, die heute hin und her gerissen sind einerseits zwischen Notwendigkeiten, die sich aus der Trennung zwischen Wohn- und Arbeitsort ergeben, und zwischen Fragen der Identität, die heute vermehrt auf die Tradition rekurrierten, anderseits.

Die Charakterisierung trifft auf nicht weniger als schweizweit 50 Gebiete mit insgesamt rund tausend Gemeinden zu. Mehr als 5,4 Millionen Menschen lebten darin (Stand Jahr 2000), schreibt Longchamp. Er stützt sich dabei auf die Agglomerations-Definition des Bundes.

«Neue Affinität»

Dass Agglomerationen hin und her gerissen sind zwischen den erwähnten Notwendigkeiten und der Tradition, spiegelt sich auch in den Ergebnissen von Wahlen und Abstimmungen.

Der Autor zeigt auf, dass diese Agglomerationen in jüngerer Vergangenheit «eine neue Affinität» entwickelten: Stimmten sie bei den Entscheidungen zum EWR und zu den Bilateralen noch gleich wie die Kernstädte und positionierten sie sich der definitiven Einführung der Personenfreizügigkeit zwischen Stadt und Land, neigen viele neuerdings mehrheitlich auf die ländliche Seite. Das Ergebnis der Masseneinwanderungs-Initiative taugt als Illustration dafür.

Während ländliche Gebiete ihre politische Orientierung kaum veränderten über die letzten Jahre, hätten sich namentlich die grossen Kernstädte Zürich, Basel, Bern in den vergangenen zwei Jahrzehnten Richtung Modernisierung und Öffnung entwickelt.

Für das Umland dieser Kernstädte, also die Agglomerationsgemeinden, ergibt sich der Befund, dass sie sich in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts nach rechts entwickelten, im folgenden Jahrzehnt zudem noch in konservativer Richtung. Am deutlichsten sei dies bei den reichen Umlandgemeinden der Fall, etwas weniger bei Gemeinden mit ausgeprägter Mittelschicht. In typischen «Arbeitergemeinden» falle die Veränderung am geringsten aus, schreibt Longchamp. Es sei dort auch keine eindeutige Bewegung nach rechts festzustellen.

Der Autor zitiert in seinem Beitrag zudem Untersuchungen, die im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts in den Agglomerationen eine Polarisierung der politischen Orientierung feststellen: Links wie rechts, beide Pole seien gewachsen. Doch hatte dabei der rechte Pol auf der Zeitachse den längeren Atem. Dies führte dazu, dass eine Anzahl früh urbanisierter und sozioökonomisch benachteiligter Gemeinden, die noch in den Achtzigerjahren linke Mehrheiten hatten, nun nach rechts ausgerichtet sind.

Vereinfacht gesagt, wächst heute die Linke in Mittelschichtsgemeinden mit ausgebauter öffentlicher Infrastruktur, während die SVP in Agglomerationsgemeinden mit vielen Arbeitern, AHV-Bezügern und Ausgesteuerten zulegt.

Unterschiedliche Ausrichtungen

Agglomerationsgemeinden unterschieden sich heute zum einen beim öffentlichen und privaten Konsum, sodann aber auch hinsichtlich ihres Umgangs mit den Folgen von Globalisierung und Europäisierung. Öffentlicher Konsum meint dabei die Nutzung einer gut ausgebauten Infrastruktur bis hinein in den familienunterstützenden Bereich. Privater Konsum meint, dass entsprechende Gemeinden tiefe Steuern haben wollen und deshalb viele Aufgaben der Eigeninitiative der Bürger überlassen. Beim Umgang mit den Folgen von Globalisierung und Europäisierung wiederum gibt es Kommunen, die mehrheitlich für kulturelle Abgrenzung sowie Ablehnung der Migration eintreten – weshalb rechtskonservative Parteien dort stark sind. Auf der anderen Seite gibt es Gemeinden mit einer starken Linken; dort hat man sich bewusst auf eine vernetzte Gesellschaft einstellt.

Zusammenfassend schreibt Longchamp, die Agglomeration schwanke politisch zwischen typisch städtisch und typisch ländlich. Die Mischung sei variabel und kenne soziologische Ursachen und zeitliche Perioden. Momentan überwiege aber die Ausrichtung am Dorf – und nicht an der Stadt. Die Agglomeration sei «störflicher» geworden.

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