Die Ängste einer doppelten Randregion

Eine Meinungsumfrage beleuchtet die Gründe für das massive Ja der Tessiner zur SVP-Zuwanderungs-Initiative. Bei Ecopop dürfte sich die hohe Zustimmung nicht wiederholen.

Gerhard Lob
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BELLINZONA. Kein Stand hat am 9. Februar deutlicher Ja zur Zuwanderungs-Initiative der SVP gesagt als der Kanton Tessin. 68,2 Prozent der Stimmbürger stimmten der Vorlage zu. Der italienischsprachige Kanton lag damit nicht nur deutlich über dem gesamtschweizerischen Resultat von 50,3 Prozent Ja-Stimmen, sondern hat wegen der Differenz von gut 44 000 Stimmen das knappe Endergebnis sogar entscheidend beeinflusst. Die Stimmendifferenz zwischen Ja- und Nein-Lager betrug landesweit nur 19 500 Stimmen.

Doch wie konnte es im Tessin zu diesem eklatanten Resultat kommen, das selbst in Deutschland für Schlagzeilen sorgte? Nur wenige Wochen bevor mit Ecopop die nächste Abstimmung zur Begrenzung der Zuwanderung ansteht, haben die Politologen Oscar Mazzoleni und Andrea Pilotti vom Observatorium für Regionalpolitik der Uni Lausanne diese Woche die Analyse einer repräsentativen Umfrage vorgelegt, die direkt nach der Abstimmung vom Februar bei 1429 Tessiner Stimmbürgern durchgeführt wurde.

Befürworter reden Dialekt

Die Stimmenden, die ein Ja in die Urne legten, begründeten dies zu einem Drittel «mit der Notwendigkeit, den Zustrom von Ausländern und Asylbewerbern zu begrenzen», gut 21 Prozent fanden, «dass zu viele Grenzgänger Probleme erzeugen». Für 11 Prozent war hingegen der «Vorrang von Schweizern auf dem Arbeitsmarkt» ausschlaggebend, während ebenfalls 11 Prozent mit ihrer Stimme «ein Zeichen gegenüber Bundesbern» setzen wollten. Die Befürworter der Initiative verfügten eher über ein geringes Ausbildungsniveau; es waren auch viele Arbeitslose, Arbeitssuchende und einfache Angestellte darunter. Sie gaben sich in der Umfrage als besonders patriotisch und redeten häufig Dialekt. Vor allem sind sie der Meinung, dass intensivere Beziehungen zu Europa «die Tessiner Identität bedrohen».

Bei den Nein-Sagern fand die Mehrheit, dass die Einwanderungs-Initiative zu radikal sei und die Probleme nicht löse. Zudem wurden negative Auswirkungen auf die Beziehungen zur EU erwartet. In dieser Minderheit gab es viele Akademiker und selbständig Erwerbende.

Erstaunt war Politologe Oscar Mazzoleni darüber, dass auch bei denjenigen Tessinern, die für die Einwanderungs-Initiative stimmten, das Bewusstsein für die Wichtigkeit von Grenzgängern und Ausländern für die heimische Wirtschaft durchaus gegeben war: «Es zeigt sich keine prinzipielle Aversion gegenüber Grenzgängern; das Votum spiegelt eher die Ängste einer Bevölkerung im Prozess der Globalisierung.» Auffällig sind das Misstrauen gegenüber Bern sowie die Furcht vor dem Druck aus Italien mit seiner gravierenden Wirtschaftskrise.

Allein gelassen und verletzlich

Die Mehrheit der Tessiner fühlt sich offenbar zwischen diesen beiden Fronten als Randregion allein gelassen und verletzlich. Als Konsequenz bekunden sie in dieser Situation ein höheres Vertrauen in lokale denn in nationale Politiker. Bei der Abstimmung vom Februar kam hinzu, dass es praktisch keine Kampagne gegen die Initiative gab. Im Tessin sind die Meinungen bei aussenpolitischen und Ausländer-Asyl-Themen seit Jahren gemacht. Die Lega hat ihren Erfolg auf dem dauernden Kampf gegen die bilateralen Verträge mit der EU, gegen Ausländer und Grenzgänger aufgebaut. «Die Gegner von solchen Initiativen geben sich schon vorher geschlagen», meint Politikwissenschafter Mazzoleni.

Im Gegensatz zur Zuwanderungs-Initiative der SVP wirft die Ecopop-Initiative im Südkanton keine hohen Wellen. Selbst die Lega beschloss Stimmfreigabe. Einzig die kantonale SVP hat sich zu einer Ja-Parole durchgerungen. Die Tessiner Grünen, die mit ihrem Ja zur SVP-Initiative landesweit für Aufsehen sorgten, sagen jetzt Nein zu Ecopop, die SP und die bürgerlichen Parteien sowieso. Die geringe Sympathie für die Ecopop-Initiative dürfte auch damit zusammenhängen, dass mehrere Politiker vor einer Zunahme der Grenzgänger aus Italien warnten, falls die Vorlage angenommen werden sollte.

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